Was Sotschi Schwulen und Lesben in Russland bringen kann

LIVE AND LET LOVE Quelle (https://www.facebook.com/photo.php?fbid=156964281178509&set=a.156617621213175.1073741827.156617247879879&type=1&theater)

Am vergangenen Freitag war Startschuss für die olympischen Spiele 2014 im russischen Sotschi (Mehr zum Thema 1, 2, 3). Es mag paradox klingen, aber die umstrittenen Winterspiele können tatsächlich für Lesben und Schwule etwas Positives bedeuten. Aber das dies Realität werden kann, muss das Thema von der Medien- auf die Politikagenda. Denn wie schon bei Peking schaut die Welt auf ein Regime, das Teile seiner Bevölkerung systematisch verfolgt und diskriminiert. Die chinesische Regierung wehrte sich damals vehement gegen die internationale Kritik hinsichtlich ihrer Tibet-Politik. Zahlreichen Medienberichte und viele Aktionen während den Olympischen Spielen machten darauf aufmerksam. Doch nach Olympia war die Aufmerksamkeit schnell vorüber.

Das Gleiche könnte nun in Russland geschehen. Ein Großereignis wie Olympia bringt Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Verwerfungen der Gastgeberländer. Denn niemals sonst hätte die Situation von Lesben und Schwulen in Russland eine dermaßen große Bedeutung für die Öffentlichkeit bekommen. Doch mit Aufmerksamkeit alleine ist niemandem geholfen. Positiv ist, dass die große Propaganda-Show, die sich Wladimir Putin erhofft hat und die die russische Regierung über 50 Milliarden Dollar verschlungen hat, ausfällt. Der Fokus liegt auf der thematischen Verfolgung von Schwulen in Russland.

Überall in der westlichen Welt gibt es Solidaritätsbekundungen für Homosexuelle in Russland, die einerseits auf die Homophobie der russischen Bevölkerung aufmerksam machen und auf der anderen Seite die die systematische Diskriminierung durch die russische Regierung anprangern. Mit systematisch meine ich, dass es seit vergangenem Jahr verboten ist, sich in der Öffentlichkeit positiv über Homosexualität zu äußern.

Eine der bewegenden Aktionen wurde von schwedischen Aktivisten in Stockholm realisiert und ist eine echte Provokation für die russischen Machthaber: Die russische Nationalhymne unter der Regenbogenfahne. Der Clip steht unter dem Motto „Live an let love“ und zeigt rund 2.000 Schweden im Stockholmer Olympiastadion, die die Nationalhymne Russlands singen und dabei die Regenbogenfahne schwenken.

Ein wirklich sehr bewegender Clip, der öffentlichkeitswirksam die Aufmerksamkeit der Olympiade in Sotschi nutzt. Das Video hat ein starkes virales Potenzial, da es sowohl emotional als auch unerwartet ist. Gerade die Provokation, dass Menschen die russische Nationalhymne unter der Regenbogenflagge singen, hebt die Aktion von anderen ab. In meinen Augen eine wirklich gelungene Aktion.

Aber nicht nur im Stockholmer Olympiastadion zeigen die Leute Flagge gegen Homophobie, in allen großen europäischen Städten demonstrieren Menschen gegen die Diskriminierung der russischen Regierung. Die Aufmerksamkeit, die das Medienereignis Sotschi bekommt, fällt negativ auf das Gastgeberland zurück. Doch Aufmerksamkeit allein reicht nicht aus. Denn diese Aufmerksamkeit ist eng an den Medienwirbel um die olympischen Winterspiele in Russland geknüpft. Nun muss sich die Aufmerksamkeit in reale Verbesserungen für Homosexuelle umwandeln. Denn sobald der Medientross an Sotschi vorbei gezogen ist, werden auch die Berichte über die Situation von Homosexuellen in Russland abnehmen. Die Zeit während der olympischen Spiele ist optimal um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Auch wenn dies wahrscheinlich nicht in Russland selbst möglich ist, so können wir europaweit über die Verbesserung der Lebensverhältnisse für Homosexuelle diskutieren. Denn es gibt wichtige Fragen zu klären: Gewähren wir Homosexuellen, die in ihrem Land verfolgt werden Asyl? Zahlen wir Regimen, die Homosexuelle verfolgen und töten, weiterhin Entwicklungshilfe? Können wir den Menschen vor Ort direkte Hilfe zukommen lassen? Solidarität ist gut. Doch nun sind die Entscheider gefragt, an der aktuellen Situation etwas zu ändern, bevor sich die mediale Aufmerksamkeit einem neuen Thema zuwendet.

Was meint ihr? Können wir durch die Aufmerksamkeit der olympischen Winterspiele in Russland reale Verbesserung für die Homosexuellen vor Ort schaffen? Oder wird sich die Aufmerksamkeit für Schwule und Lesben in Russland so schnell verflüchtigen wie damals in China? Beziehungsweise was müssen wir tun, dass das nicht geschieht.

 

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PR-Flop: Coca-Cola zensiert schwules Pärchen für irischen Markt

Coca-Cola genießt seit Jahren das Image, ein so genanntes gay-friendly Unternehmen zu sein. Gleichzeitig ist der Brause-Hersteller Großsponsor der wichtigsten Sportveranstaltungen weltweit – so auch der olympischen Winterspiele in Sotschi. Genau dort liegt das Problem für den Getränkehersteller: Im vergangenen Jahr geriet der Coca-Cola nämlich genau aus diesem Grund unter Druck. Die Homophobie-Debatte in Russland passte so gar nicht in das Konzept des Unternehmens. Coca-Cola wurde sogar von einer Reihe von Verbrauchern in einer Online-Petition dazu aufgefordert, sein Engagement in Sotschi zu unterlassen.

Daher versuchte der Getränkehersteller mit seiner neuen europaweiten Kampagne „Reasons to believe“ Kritiker zu besänftigen und sein weltoffenes Image zu demonstrieren. Der Spot soltel vermitteln, dass es in der Welt mehr Positives als Negatives gäbe. Das ist mit einer ansprechenden Bildsprache und einer Heile-Welt Atmosphäre gut in Szene gesetzt. Um sich von der Sotschi-Last zu befreien und um Vielfalt zu demonstrieren ist in dem europaweiten Spot auf ein homosexuelles Pärchen zu sehen. Soweit so gut. Allerdings nicht in ganz Europa. In Irland ersetzte Coca-Cola das homosexuelle Pärchen durch ein heterosexuelles Paar. Der Sturm der Entrüstung ließ nicht lange auf sich warten. Der Konzern rechtfertigte sich darauf, dass in Irland die Homo-Ehe schließlich nicht erlaubt sei, sondern lediglich eine Art eingetragene Lebenspartnerschaft. Das Unternehmen wolle sicherstellen, dass die Anzeige für jeden Markt in Europa relevant sei. Das irische LGBT-Magazin EILE fand indes heraus, dass es sich bei der gezeigten Homo-Ehe-Zeremonie um ein australisches Pärchen handle. Auch in Australien gibt es nur eine eingetragene Lebenspartnerschaft und keine gleichwertige Homo-Ehe, weswegen die Argumentation von Coca-Cola ziemlich hanebüchen ist.

Der amerikanische Softdrink-Hersteller, der zweifelsohne zu den beliebtesten Marken des Globus gehört, hat vor der scheinbar konservativeren Bevölkerung in Irland einen Rückzieher gemacht. Peinlich genug. Die Annahme, dass die irische Bevölkerung nicht weit genug sei, ein schwules Paar bei der Eheschließung zu sehen, möchte der US-Konzern aber lieber nicht zugeben. Denn die Antwort des Unternehmens zu dieser Sache ist darüber hinaus unehrlich und feige. Eine ehrliche Antwort würde vielleicht auch zu einer europaweiten Debatte in dieser Frage führen. So verkommt die Aktion von Coca-Cola zu einem echten PR-Flop und die Botschaft der gesamten Kampagne ist dahin.

Kulturelle Unterschiede?

Noch mehrere Unternehmen fürchten sich vor der Homophobie und den Einstellungen einiger Länder. Krasser werden diese Unterschiede wenn wir uns aus der westlichen Welt hinausbewegen. So erlebte IKEA einen ähnlichen PR-Flop wie Coca-Cola, obwohl auch die Schweden das Image haben besonders gay- friendly zu sein. Aber Ende vergangenen Jahres zensierte das Möbelhaus in seinem „Family“-Magazin eine Geschichte über ein lesbisches Paar. Die Zensur war für den russischen Markt, dem IKEA kein homosexuelles Paar zumuten wollte. IKEA berief sich auf das russische Gesetz, das homosexuelle Propaganda in Russland verbietet. Trotz (leider) plausibler Erklärung blieben einige Kratzer auf dem Image des Möbelhauses zurück, zumal es nicht die erste Selbstzensur war: Schon 2012 geriet IKEA in die Kritik, als das Möbelhaus in einer saudi-arabischen Ausgabe des IKEA-Katalogs alle Bilder von Frauen entfernt hatte.

Die Frage, die sich Unternehmen gefallen lassen müssen, ist wie stark sie ihre eigenen Werte, den Werten anderer Gesellschaften anpassen, um dort Geschäfte zu machen. Sicherlich sind die Fälle IKEA und Coca-Cola nicht ganz vergleichbar. Unternehmen werden sich aber genau in solchen Fällen die Frage lassen müssen, wie ernst sie ihr soziales Engagement in einem bestimmten Bereich meinen.