Können wir keine Männer mehr im echten Leben kennen lernen?

 Haben wir verlernt, einfach in eine Bar zu gehen und den hübschen jungen Mann, der uns den ganzen Abend schon ins Auge gefallen ist, anzusprechen? Schaffen wir es nicht mehr auf einer schwulen Party, den Typen nett anzutanzen und ihn dann nach seiner Nummer zu fragen? In Zeiten von Grindr und Gayromeo scheint das so zu sein. Denn am Morgen danach zücken wir lieber unser Telefon und suchen den Auserwählten virtuell, um ihm dann mitzuteilen, dass man ihn den ganzen Abend angeschaut hätte. Dieses Jahr auf dem Hamburger CSD habe ich zwei dieser Nachrichten bekommen. In einer Nachricht wurde ich sogar via Grundr dazu aufgefordert endlich rüberzukommen und „Hallo“ zu sagen. Das habe ich allerdings erst am Tag darauf gesehen, da ich gerade damit beschäftigt war, zu feiern. Mal ehrlich: Niemand setzt sich gerne dem Risiko aus, live auf einer Party eine Abfuhr zu bekommen. Vor allem wenn gefühlt alle zuschauen. Doch wirkt es ein bisschen traurig, dem Auserwählten danach oder währenddessen per Grindr oder Gayromeo eine Nachricht zu schreiben. Vielleicht haben viele damit sogar Erfolg. Ich perssönlich finde es schöner, wenn mich jemand auf einer Party anlacht oder anspricht (auch wenn das die Königsdisziplin ist). Online scheint es leider um ein Vielfaches einfacher und ungefährlicher jeden x-Beliebigem ein „Hi“ zu schicken. Es nimmt dem Ganzen aber auch ein bisschen die Romantik. Auch wenn ich online meinen Exfreund kennen gelernt habe, ist es nicht der einzige Weg. Gerade nicht, wenn man sich sowieso auf einer schwulen Party oder in einer Bar aufhält.Teilweise sehe ich dort Männer, mit denen ich schon virtuell geschrieben habe. Treffen sich auf einer Party dann unsere Blicke, wenden sie sich manchmal sogar ab und tun so als hätten sie mich nicht erkannt. Das geht nicht nur mir so. Online sind wir viel mutiger als im realen Leben. Das kann hin und wieder eine Chance sein, sollte aber nicht dazu führen, dass wir im realen Leben niemand mehr ansprechen. Gestern hat ein Freund das Video „Grindr the Musical“ gepostet. Dieser nicht ganz ernst gemeinte Musical-Teaser ist eine Parodie auf genau dieses schwule Dating-Verhalten. Wer sich nicht traut anders mit mir in Kontakt zu treten findet mich bei GayRomeo unter dem Namen „JustDave86“ alle anderen dürfen mich auch mal anlächeln :) Wie seht ihr das? Seid ihr eher die online oder die real Dater?

Grindr’n kann tödlich sein

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Quelle: Grindr

Eine Phänomen hat den Weg in die Mitte der Aufmerksamkeit geschafft, wenn ein Leitmedium wie SpiegelOnline darüber berichtet. Diese Ehre wird dem online-Dating Portale Grindr in einem neuen Artikel in der Rubrik Netzwelt des eben genannten Mediums zuteil. Darin warnt der Autor vor erheblichen Sicherheitslücken bei der mobilen Lokalisierungs-App, die es anderen, nicht angemeldeten Personen, möglich macht, den Standort eines Users ausfindig zu machen.

Dieser Umstand alleine sei schon ein Problem, doch in Anbetracht der Tatsache, dass Homosexualität in vielen Ländern strafbar ist, kann diese Sicherheitslücke zur Gefahr für Leib und Leben werden. Wobei Homosexualität nicht zwangsläufig strafbar sein muss. Man vergisst immer wieder, dass Homosexualität in Russland eigentlich nicht strafbar ist (nur die „Propaganda“ dafür). Doch gerade in solchen homophoben Ländern werden Homosexuelle von gewissen Bevölkerungsgruppen systematisch verfolgt, gequält und auch getötet.

Dieser Umstand kann das grindrn tatsächlich zu einer Bedrohung für das Leben von Schwulen machen. SpiegelOnline schreibt:

Das Online-Magazin „Cairo Scene“ behauptet sogar, ägyptische Geheimdienste nutzten die App bereits, um Jagd auf Homosexuelle zu machen. Es seien schon mehrere Menschen im Zusammenhang mit der App verhaftet worden.

Abe in Deutschland muss sich keiner Sorgen machen?

Können wir uns alle zurück zurücklehnen? Nicht wirklich. Denn es ist auch in Deutschland möglich, dass durch Grindr Verbrechen gegen Homosexuellen begangen werden. Es müssen nur die falschen Menschen sich diese Möglichkeiten zu nutzen machen. Das Ausmaß ist allerdings deutlich  geringer als es in homophoben Ländern wie Ägypten oder Russland der Fall ist.

Doch warum sind es diese Sicherheitslücken eigentlich so egal? Ortungsdienste wie das Onlineportal sind in den letzten Jahren zum Segen der modernen Kommunikation geworden. Doch neben den vielen Vorteilen und Bequemlichkeiten, die so eine neue Kommunikation mit sich bringt, vergessen wie auch immer wieder Gefahren. Viel zu oft geben Nutzer allzu offen persönliche und private Details über ihr Leben und ihren derzeitigen Aufenthaltsort preis. Die Möglichkeit, dass Verbrecher diese Information gegen uns verwenden können, blenden wir dabei völlig aus. Zudem laden wir mittlerweile völlig fremde Männer arglos in unsere Wohnung ein, ohne die Risiken dabei zu bedenken.

Für die aktuelle Sicherheitslücke hagelte es derzeit zwar viel Kritik , doch diese Kritik ist nach einer kurzen Zeit schnell wieder vergessen. Danach werden die Nutzer die Funktion gehabt fortführen.

Auch wenn Grindr auf die Vorwürfe reagiert und in einem Blog-Eintrag „proaktive Maßnahmen“ ankündigte, um die Nutzer in schwulenfeindlichen Gebieten zu schützen, bleibt ein ungutes Gefühl und viel Verantwortung bei jedem Nutzer selbst. Die Ortungsfunktion kann von jedem Nutzer manuell deaktiviert werden. Dann ist es nicht mehr möglich, die genaue Entfernung eines Nutzers und dazu den exakten Standort zu erkennen. Ich habe am gleichen Tag, als ich von dieser Sicherheitslücke erfahren habe meine Ortungsfunktion ausgeschaltet. Auch ich gebe zu, dass ich über Jahre hinweg sehr leichtsinnig mit dieser Funktion umgegangen bin. Denn naiv wie Nutzer sind, glaubte ich nicht, dass eine so erfolgreiche App wie Grindr so leichtfertig mit der Sicherheit seiner Nutzer umgeht. Aber in Zeiten von Facebook und WhatsApp haben wir Nutzer uns selbst transparenter gemacht als uns das eigentlich lieb sein sollte, geködert von den positiven Anreizen, diese modernen Kommunikationskanäle mit sich bringen.

Bei allem, was an neuen Apps und soziale Netzwerk noch kommen mag, möchte ich aber alle Leser dieses Artikels dazu aufrufen, kritisch hinterfragen, ob die Funktion nicht mehr Schaden als Nutzen bringt.

In Deutschland können wir uns glücklicherweise einigermaßen sicher fühlen. Denn durch das Ausschalten der genauen Ortung bei Grindr ist die Lokalisierung durch Fremde nicht mehr möglich. Nichtsdestotrotz sollten wir uns generell überlegen, wie leichtfertig wir bisher unseren aktuellen Standort an völlig fremde Leute übermittelt haben, ohne dass wir irgendwelche Kontrolle darüber haben.