Bundespräsident sagt nein zu Sotschi. Respekt, Herr Gauck!

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal schreiben werde, aber ich bin von unserem Bundespräsidenten Joachim Gauck schwer beeindruckt. Am Montagmorgen habe ich in den Nachrichten vernommen, dass Gauck den Winterspielen in Sotschi (Zum Thema Sotschi habe ich schon hier und hier etwas geschrieben) fernbleiben wird. Auch wenn der Bundespräsident nicht von einem „Boykott“ spricht, ist es als ein solcher zu verstehen. Gaucks Entscheidung ist somit ein deutliches Signal. Das deutsche Staatsoberhaupt nimmt sein Verständnis von  Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit ernst. Wie der Deutschlandfunk zu Recht urteilt, eine starke Geste.

Joachim Gauck nimmt nicht speziell die Situation von Homosexuellen in Russland zum Anlass (Russland hat ein Gesetz erlassen, dass es verbietet, sich in der Öffentlichkeit positiv über Homosexualität zu äußern), diesen olympischen Spielen fernzubleiben, dennoch ist die ständig währende Diskussion um die systematische staatliche Diskriminierung vom Lesben und Schwulen ein ausschlaggebender Grund. Gauck beweist für mich, dass ein Politiker gemäß seiner politischen Ideale entscheidet und nicht nach realpolitischen Zwängen.

Der Bundespräsident feiert ein kleines Comeback. Denn Gauck, der als Freiheitspräsident gewählt wurde, blieb die ersten (beinahe) zwei Jahre seiner Amtszeit ziemlich still. Keine aufwühlende Rede, keine Geste, kein mahnendes Wort hat man aus Bellevue von seiner Seite vernommen. Der Präsident, der nach dem Wulff-Fiasko so vielversprechend gestartet ist, hatte sich in meinen Augen in einen unauffälligen Grüßaugust verwandelt, der hin und wieder eine ungeschickte Bemerkung über die NPD tätigte.

Doch Gauck hat sein Thema wiedergefunden – Freiheit. Der Kampf gegen die staatliche Unterdrückung der DDR und die Aufarbeitung der Stasivergangenheit hatten ihn zu einem der glaubwürdigsten Personen gemacht und ihn für das Amt des Bundespräsidenten qualifiziert. Für mich schien es bisher, dass die Zwänge des Amtes Joachim Gauck glattgeschliffen hätten. Natürlich hat der Bundespräsident keine besonders machtvolle Position. Das haben die Gründungsväter unseres Grundgesetzes auch nicht anders gewollt. Auch ist der Bundespräsident ein Patronage-Amt, das unter den Parteien in der Bundesversammlung ausgeklüngelt wird. Daher ist billige Politikerschelte à la Köhler zwar beliebt beim Volk, steht dem Präsidenten eigentlich nicht zu.

Der Bundespräsident ist aber sehr wohl eine moralische Instanz, die gewisse Werte (auch die freiheitlich-demokratischen Werte der Bundesrepublik) verkörpert. Das Fernbleiben von den olympischen Spielen ist daher mehr als nur eine leere Geste. Es ist ein Ausdruck dafür, dass menschenunwürdiges staatliches Verhalten von der Bundesrepublik missbilligt wird. Es ist ein Zeichen, dass Deutschland das systematische Vorgehen gegen Homosexuelle den Grundsätzen unseres Staates widerspricht.

Es wäre wünschenswert, wenn neben Gauck und der Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Viviane Reding noch andere Politiker Wladimir Putin die große Propaganda-Show vermiesen würden. Mittelfristig wird das die Situation der Oppositionellen in Russland zwar nicht verbessern und auch die Homophobie in Russland kann das nicht mindern (denn diese ist auch ein gesellschaftliches Phänomen). Dennoch sind solche Gesten mehr wert als mahnende Worte im diplomatischen Hinterzimmer-Gespräch. Darum nochmal: Respekt Herr Gauck!

Schadet die Homophobie-Debatte um Sotschi den Olympia-Sponsoren?

Winterspiele in Sotschi richten, z.B. Facebook-Initiative „Boycott Sochi 2014“, die sich auch aktiv an die Großsponsoren McDonalds und Coca Cola wenden, ihr Engagement für die Winterspiele zu unterbinden. Beide Unternehmen stehen aber schon länger unter Druck ihre Unterstützung für Sotchi aufzugeben. Damit befinden sich beide Unternehmen in einer unangenehmen Situation. Auf der einen Seite können sie sich nicht so einfach als Sponsoren aus einer Veranstaltung wie Olympia zurückziehen (bzw. haben kein wirtschaftliches Interesse dies zu tun) und auf der anderen Seite geraten sie in Erklärungsnot, weshalb sie eine Veranstaltung unterstützen, die in einem homophoben Land stattfindet. Beide US-Konzerne setzen sich in der Öffentlichkeit schon länger für Vielfältigkeit und Toleranz ein. Daher trifft die Kritik vieler Aktivisten empfindliche Punkte.

Letztlich haben die Kritiker, meines Erachtens, schon einiges erreicht, auch wenn es oberflächlich nicht danach aussieht. Zwar wird sich kein Unternehmen als Sponsor aus Sotschi zurückziehen, noch werden die olympischen Spiele kurzfristig in ein anderes Land verlegt. Dennoch wir die große weltweite Propaganda-Show von Putin ausfallen und der erwünschte Werbeeffekt von Coca Cola und McDonalds wird wohl deutlich kleiner ausfallen als erhofft. Die Winterspiele werden von Weltöffentlichkeit nun unter dem gesellschaftlichen Aspekt betrachtet werden und kleinste Äußerungen und Ereignisse, die in eine homophobe Richtung gehen werden genauestens beobachtet.

Coca Cola und McDonalds sind allerdings Marken, die über eine gefestigte Reputation verfügen, weshalb kein langfristiger Schaden für das Image beider Marken zu erwarten ist. Den größten Schaden, neben dem Image von Russland, trägt hingegen die Marke Olympia davon, da sich das IOC auf keine wirkliche Diskussion mit den gesellschaftlichen Gruppen eingelassen hat. Zudem erweckten die Verantwortlichen den Eindruck, die Entscheidung für die Austragungsorte olympischer Spiele werden nach politischer Macht und Geld entschieden und nicht nach den Werten, für die Olympia steht. Olympia muss sich fragen, für welche Werte man stehen möchte und mit welchen Bildern es in Zusammenhang gestellt werden möchte. Mir ist durchaus klar, dass Austragungsorte sich auch an die neuen politischen Machtverhältnisse der Welt anpassen müssen, dennoch schaden gesellschaftliche Konflikte enorm. Eine Propaganda-Show wie 1936 in Berlin lässt sich für die Weltöffentlichkeit nicht mehr inszenieren. Dazu tragen moderne Kommunikationskanäle bei. Daran sollten sich Diktatoren immer erinnern, wenn sie die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf ihre innenpolitischen Missstände lenken.

Ich glaube vor allem, dass sich wirtschaftlich denkende Unternehmen in Zukunft daran gewöhnen müssen, dass ihre Entscheidungen (welche Veranstaltungen sie sponsern) auch auf einer gesellschaftlichen Ebene bewertet werden. Durch moderne Kommunikationskanäle ist es einfacher geworden, seine Meinung öffentlich zu machen. was früher durch Massenmedien gefiltert wird, erreicht heute schneller eine kritische Masse und gelangt so auf die Medienagenda traditioneller Medien.

Durch geschickte Öffentlichkeitsarbeit ließen sich in der Vergangenheit kritische Themen einfacher aus der Öffentlichkeit halten. Das wird nun immer schwieriger. So zu sehen an den politischen Unruhen in Brasilien anlässlich der Fußball-WM im kommenden Jahr oder den menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen in Katar Fußballstadien gebaut werden.

Jede Marke sollte sich daher genau überlegen, ob ein Großereignis mit den eigenen Unternehmenswerten vereinbar ist. Bei Sotschi ist diese Frage natürlich zu spät. Der positive Werbeeffekt dürfte durch die anhaltend negative Debatte viel kleiner ausfallen, was angesichts der hohen Investitionssummen ein beträchtlicher Schaden ist. Zudem wird die aggressive Haltung der russischen Regierung gegenüber Lesben und Schwulen auf die Tagesordnung weltweiter Medienberichte gestellt. Das ist der wohl positivste Effekt, den diese Veranstaltung bewirkt hat.