Was  bedeutet der ESC Sieg von Conchita Wurst für Europa?

Eurovision Song Contest 2014 - Dänemark

Eurovision Song Contest 2014 – Dänemark

Seit vergangenem Samstag hat Europa eine neue bärtige Siegerin. Conchita Wurst hat ganz Europa mit ihrem Song „Rise like a phoenix“ erobert und mit 290 Punkten deutlich den Eurovision Song Contest 2014 gewonnen. Sogar aus Russland gab es für die österreichische Travestie-Künstlerin Punkte, beim Telefon-Voting belegte sie dort sogar den dritten Platz. Eine echte Überraschung, denn staatliche Propaganda bezeichnete Conchita Wurst im Vorfeld als homosexuelle Bedrohung und Untergang des Abendlandes.

So viel Euphorie durch den Sieg der Österreicherin auch entstanden sein mag, stellt sich für mich die Frage, ob Europa durch ihren Sieg toleranter geworden ist. Auf der einen Seite hat Conchitas Triumpf gezeigt, dass für die Mehrheit der Zuschauer des Eurovision Song Contest die Tatsache, dass ein Travestiekünstler mit Geschlechterrollen spielt, keine Grund zur Empörung ist. Sonst hätte Conchita Wurst nicht das Telefon-Voting in beinahe jedem Land Europas gewonnen. Auf der anderen Seite ist das Telefon-Voting nicht repräsentativ für Europa, sondern eine verzerrte Auswahl. Nicht alle Europäer haben sich daran beteiligt, bzw. keine repräsentative Stichprobe, die für Europa verallgemeinern werden darf. Ich wage die Hypothese, dass sich beim ESC-Voting hauptsächlich Menschen beteiligt haben, die tendenziell offen dem Thema Homosexualität gegenüber eingestellt sind.

Die Facebook-Initiative im Vorfeld des ESC hat dies deutlich gemacht. Über 40.000 Menschen (mehrheitlich aus Österreich) haben sich gegen eine Teilnahme von Conchita Wurst bei ESC ausgesprochen und aus Weißrussland gab es wütende Proteste. All das schmälert die Freude über den Triumpf von Conchita Wurst etwas.

Nichtsdestotrotz hat ihr Sieg das Thema wieder ganz oben auf die Agenda der Berichterstattung in Europa gesetzt und die Europäer diskutieren privat wie in den Medien über das Thema Toleranz. Für mich ist zudem positiv, dass auch die schwelende Homophobie (vor allem in Österreich) zurück ins Bewusstsein der Leute gebracht wurde. Ich höre oft, dass Homophobie in westlichen Ländern ein zu vernachlässigender Faktor ist. Die Flut an Hass, die über den Travestiestar eingebrochen ist, zeigt doch, dass Homophobie kein Randphänomen ist, sondern noch mitten in der Gesellschaft stattfindet.

Ihr Sieg verleiht Conchita Wurst und ihrer Botschaft nach Toleranz Nachdruck. Doch trotz aller Euphorie dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, wie weit der Weg in ein vollkommen tolerantes Europa noch ist.

Wie seht ihr den Sieg von Conchita Wurst? Hat sich in euren Augen dadurch etwas geändert?

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ESC 2014 – Hass gegen Travestiestar Conchita Wurst

Am kommenden Samstag (10. Mai 2014) ist es endlich wieder soweit – in Kopenhagen (Dänemark) findet der diesjährige Eurovision Song Contest (ESC) statt. Der europäische Sängerwettstreit ist traditionell ein buntes Festspiel schräger Künstler und zieht daher vermehrt ein schwules Publikum an. Ich habe bereits darüber berichtet, wie wichtig der ESC für die schwule Community ist und meine Empörung darüber ausgedrückt, dass zu den teilnehmenden Ländern auch autokratische und streng homophobe Länder gehören. So fand der ESC in den vergangenen zehn Jahren bereits in Moskau oder Baku statt – Hauptstädte von Ländern, in denen Homosexualität staatlich wie gesellschaftlich diskriminiert wird.

 

Conchita Wurst

ESC 2014 Teilnehmerin Conchita Wurst Quelle: http://on.fb.me/1j6NfcA

Schon in den Jahren davor traten immer wieder Künstler aus der LGBT-Community beim ESC an. Berühmteste Teilnehmerin war die israelische Siegerin Dana International (1998). Auch in diesem Jahr gehört zum Teilnehmerfeld ein ganz besonderer Paradiesvogel. Der österreichische Beitrag – Travestiestar Conchita Wurst – sorgt im totalitären Weißrussland für Proteste. Im homophob geprägten Land wurde eine Online-Petition gestartet, die die Sängerin vom Wettbewerb ausschließen wollen. Bereits in Österreich sorgte die Teilnahme von Conchita Wurst für große Proteste. In einer Facebook-Gruppe gegen ihre Teilnahme sind bis heute mehr als 40.000 Gegner versammelt. Queer.de schreibt, dass neben homophoben und transphoben Argumenten auch die Tatsache, dass die Sängerin ohne Vorentscheid für den Songcontest nominiert wurde, für Ärgernis. Über diesen Punkt kann man natürlich streiten, nichtsdestotrotz sind die homophoben und transphoben Beschimpfungen der Sängerin untragbar. Vor allem da es sich beim ESC um eine Veranstaltung der Toleranz und der Einigung Europas handelt.

Die weißrussischen Protestierer argumentieren mit den üblichen homophoben Phrasen, dass durch die Sängerin die Familie bedroht wäre und das Land zu einer „Brutstätte für Sodomie“ verkomme. Lächerlich und abstumpfend zugleich. Dagegen zu argumentieren macht leider wenig Sinn. Entgegen einiger Berichte, drohten weder der ukrainische Staat noch der staatliche TV-Sender den Wettbewerb zu boykottieren. Das kann sich der weißrussische Staat auch nicht leisten, um nicht selbst aus dem Wettbewerb ausgeschlossen zu werden. Eine gute Platzierung für Weißrussland ist so ziemlich die einzige Möglichkeit international positiv aufzufallen. Ich vertrete immer noch die Meinung, dass sie die Eurovision überlegen sollte, welche Länder mit europäischen Werten in Verbindung gebracht werden sollen. In meinen Augen ist es Weißrussland jedenfalls nicht.

 

Doch worin besteht das Ärgernis über die Teilnahem der Sängerin?

Conchita spielt mit den Geschlechtergrenzen, da sie als Frau einen Vollbart trägt und damit klassische Geschlechtermuster in Frage stellt. Es ist doch völlig gleich, ob man ihr Erscheinungsbild ästhetisch findet oder nicht. Die Tatsache, dass eine Frau Bart trägt muss eine Gesellschaft aushalten. Es zeigt aber, dass nicht nur in autokratischen Staaten eine ablehnende Haltung gegenüber Mitgliedern der LGBT-Community existieren, sondern auch im demokratischen Österreich. Der Eurovision Contest ist in vielen Bereichen auch ein Gratmesser für die gesellschaftliche Toleranz. In Österreich und ich möchte behaupten auch in Deutschland ist die Gesellschaft noch nicht so weit. Was schön ist und was angebracht ist, hat das spießige Bürgertum, meine Meinung nach, nicht zu entscheiden. Die immer wiederkehrende Frage solcher Homophobiker, warum man das zur Schaus stellen muss beantwortet das von alleine. Ich möchte in diesem Zusammenhang an alle Menschen appellieren das eigene Empfinden von Ästhetik nicht als einzig zu akzeptierenden Standard zu erheben. Das tue ich nämlich auch nicht. Wir alle müssen doch akzeptieren, dass es Menschen gibt, die eine andere Lebensweise haben als wir selbst und selbstbewusst dazu stehen können. Das tut nun wirklich keinem weh und hat noch kein kleines Mädchen dazu gebracht, sich einen Bart zu wünschen. Es enttäuscht mich, dass die Teilnahme einer Künstlerin wie Conchita Wurst noch immer für derartigen Diskussionsstoff sorgt.

Die Kunstfigur setzt sich in Österreich schon länger für die Toleranz von Lesben, Schwulen und Transgenders ein. Auf der Homepage der Künstlerin schreibt Conchita über sich:

Conchita verdankt ihre Geburt dem Umstand, dass Tom Zeit seines Lebens mit Diskriminierung zu kämpfen hatte. Also schuf er eine Frau mit Bart. Als auffälliges Statement. Als Katalysator für Diskussionen über Begriffe wie „anders“ oder „normal“. Als Ventil, mit dem er seine Botschaft unübersehbar und unüberhörbar in alle Welt tragen will.

Aussehen, Geschlecht und Herkunft sind nämlich völlig WURST, wenn es um die Würde und Freiheit des Einzelnen geht. „Einzig und allein der Mensch zählt“, sagt Tom/Conchita, „jeder soll sein Leben so leben dürfen, wie er es für richtig hält, solange niemand zu Schaden kommt.“

Ein Engagement, dass ich nur unterstützen kann und letztlich zählt beim ESC ja auch nur die gesangliche Leistung und da muss die Sängerin heute Abend, 8. Mai 2014 im zweiten Halbfinale erst überzeugen. Was haltet ihr von der Conchita Wurst und schockt euch der Hass, den die Sängerin für ihr Auftreten erntet?

Von ihrem Song könnt ihr euch übrigens hier überzeugen