Deutsche Aidshilfe gegen „Männer“ – Ein Konflikt spaltet die schwule Community

Manche Meldungen kann man ohne Übertreibung als Paukenschlag bezeichnen. Die Nachricht, die gestern in einer Pressmitteilung der Deutschen Aidshilfe verbreitet wurde kann man als solchen bezeichnen, denn sie ist zugleich verbunden mit schwerwiegender Kritik gegen das von David Berger geleitete Magazin „Männer“. Zu den Fakten: Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) hat gestern mit sofortiger Wirkung ihre Anzeigenschaltungen für die Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU für das Magazin „Männer“ gestoppt.

In ihrer Pressemitteilung erklärt die DAH, dass ICH WEISS WAS ICH TU eine Kampagne sei, „die Vielfalt anerkennt, schätzt und fördert. Die selbstgewählten Lebensweisen schwuler Männer gilt es zu respektieren und zu schützen, um Menschen stark  zu machen – auch beim Schutz vor HIV. Gerade jene, die nicht dem Mainstream und Erwartungen von Gesellschaft und Szene entsprechen können oder wollen, gilt es zu unterstützen. David Berger tut das Gegenteil.“

Das sind harte Anschuldigungen, die seitens der Aidshilfe gegen den Chefredakteur von „Männer“ erhoben werden. Als Begründung  zieht die Aidshilfe das traditionelle Männerbild heran, das durch Berger propagiert wird und die Abwertung von Männern, die diesem Bild nicht entsprechen. Die Kritiker dieses Männlichkeitsbildes bezeichnete Berger jüngst als „Bodyphobiker“, die selbst Probleme mit ihrem Körper hätten.

Weitere Argumente für den drastischen Schritt der DAH sind unter anderem ein Kommentar aus der August-Ausgabe des Magazins. Darin wurde die These vertreten: Schwule Männer selbst würden ihre Diskriminierung verstärken, wenn sie ihre Andersartigkeit betonten. Der Autor stellt darin einen Vergleich zur Diskriminierung von Juden, „Indianern“ und Schwarzen an, die selbst eine Mitschuld an ihrer Verfolgung und Ermordung hätten. Die DAH sieht darin die Umkehrung von Täter und Opferrolle.

Auf die öffentliche Kritik des Verbands antwortete Berger mit einem Gegenkommentar unter der Überschrift „Keine Denkverbote!“ Darin wird als Begründung unter anderem auf eine Online-Umfrage unter Männer-Magazin-Lesern hingewiesen, die mehrheitlich einen weniger „schrillen“ Aufstand unterstützen würden. Das solche selbst generierten (nicht unabhängigen) Stichproben keinen wirklichen Generalisierungsanspruch erheben dürfen, lässt Berger aus. Solche Umfragen sind nämlich so aussagekräftig wie würde man eine Wahlumfrage auf dem Bundesparteitag von Bündnis 90/ Die Grünen durchführen. Das Ergebnis stünde vorher fest. Die Argumentation insgesamt bezeichnet die DAH als Stammtischniveau.

Die Auseinandersetzung zwischen Berger und der DAH sitzt tief und es werden noch weitere Argumente und Anlässe angeführt, weswegen der DAH Berger Diskriminierung und Polemisierung vorwirft.

Ich finde es schwierig in solch einer Auseinandersetzung eine klare Seite zu beziehen und einen Bösen und einen Guten zu benennen. Dennoch ist durch diese Auseinandersetzung eine Debatte über die Meinungsverschiedenheiten in der schwulen Community offen gelegt worden, die ich sehr bedenklich finde. Was David Berger in seinem Männer-Magazin propagiert kommt ja nicht von ungefähr. Die Ablehnung von Muslimen ist unter Schwulen nicht ganz von der Hand zu weisen (Ich möchte mich in einem späteren Artikel gerne dieser Frage genauer stellen). Genauso wie die Frage, wie sehr man sein Schwulsein nach außen tragen darf oder eben nicht. Berger, der in Kreisen sozialisiert wurde, in denen die Homosexualität unter Verschluss gehalten werden musste (katholische Kirche), hat dazu ein sicherlich anderes Empfinden als Menschen, die sich wegen ihrer Sexualität niemals verstecken mussten.

Der Konflikt unter Schwulen wie „heterolike“ (darüber habe ich bereits geschrieben) ein schwuler Mann sein muss ist aber nicht von der Hand zu weisen. Der Konflikt zwischen Bergers teilweise provozierenden Ansichten und der (vermeintlichen) Mehrheitsmeinung, vertreten durch den DAH (aber auch auf queer.de) ist sinnbildlich für die schwule Community.

Was in meinen Augen nicht geht, ist die populistische Argumentation, die Berger für seine Thesen heranzieht. Vor allem die Vergleiche zwischen Opfern gesellschaftlicher Verfolgung sind (auch wenn es Thesen eines anderen Autors waren) mehr als geschmacklos. Würde man nur den ersten Teil seines Artikels zu Alice Schwarzes Rat an ein junges transsexuelles Mädchen nehmen, könnte ich diesen voll und ganz unterschreiben. Die argumentative Verknüpfung von Transsexualität und dem von ihm genannten „Lookismus“ wirkt stark konstruiert.

Letztlich ist es von der DAH ein logischer Schritt, das Magazin „Männer“ von seiner Liste der relevanten Medien zu streichen. Inhaltlich und von den Werten passen beide tatsächlich nicht zueinander. „Männer“ ist in meinen Augen ein (nur) schwules Vice-Magazin, das kontroverse und teilweise populistische Meinungen vertritt. Damit hat das Magazin sicherlich seinen Platz im schwulen publizistischen Spektrum gefunden (ein zweites queer.de braucht man nicht). Zudem muss es auch eine Plattform für schwule Männer geben, die eher die Meinungen von Berger teilt (Männlichkeitsbild, Islamdebatte etc.). Die Gefahr besteht aber in der Art der Auseinandersetzung und die Art wie in diesen Themen argumentiert wird. Es wäre gefährlich, wenn die schwule Bewegung an diesen Debatten gespalten würde. Denn das wäre negativ für beide Lager.

Ist die Linke antisemitisch und homophob?

Quelle: Facebook

Quelle: Facebook

Diese Woche machte ein Artikel von David Berger in der Huffington Post Deutschland große Furore. Denn in diesem Artikel unterstellt Berger der Partei Die Linke starke homophobe und antisemitische Tendenzen, die letztlich zum Rücktritt von mehreren Sprechern der „Die Linke. Queer“ in NRW geführt hat. Von Drohungen und Hetze gegen die Sprecher des Schwulen- und Lesbennetzwerk innerhalb der Partei ist darin die Rede.

Neben homophoben Tendenzen unterstellt Berger der Linken auch eine starke antisemitische Gesinnung. Der Anlass für diese Behauptung ist eine von der Jugendorganisation der NRW-Linken organisierte Demo gegen den israelischen Gaza-Einmarsch am 18. Juli. An dieser Demo sollen im Übrigen auch führende Parteimitglieder der Linken beteiligt gewesen sein. Auf dieser Demo sollen vehement antisemitische Parolen gerufen worden sein, darunter wurden Juden mit Nazis gleichgestellt.

Eine Begründung für die homophoben Tendenzen der Linken sieht Berger in der Queer-Theorie von Judith Butler und ihrer Abneigung gegen den Staat Israel. Die genaue Herleitung solltet ihr aber im Original lesen.

Von der theoretischen Herleitung des Begriffs Homosexualität in der Wueer-Theorie als Grund für Homophobie und Antisemitismus in der Linken halte ich sehr wenig. Die Anschuldigungen sind aber nicht aus der Luft gegriffen. Doch sehe ich eher gesellschaftliche Gründe für homophobe und antisemitische Tendenzen innerhalb der Linkspartei. Diese Tendenzen sind aber auf keinen Fall gleichzusetzen mit der offiziellen Linie der Bundespartei.

Denn gerade bei der Frage der Gleichstellung gibt sich die Parteispitze seit Jahren die Mühe, als Vorreiterin der Homosexuellen-Bewegung zu gelten. Schließlich stimmte die Linke bei allen Bundestagsentscheidung für die Rechte von Homosexuellen. Allerdings war die Partei auch an keine Koalitionsverpflichtungen gebunden, wie FDP oder SPD.

Von dem Vorwurf des Antisemitismus kann sich die Linke nur schwer freisprechen. Immer wieder polarisieren führende Linke Politiker mit kritischen, teilweise antisemitischen Äußerungen in der Frage Israel. Bei einer Rede von Schimon Peres, dem israelischen Staatspräsidenten, anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz im Bundestag 2010, erhoben sich sämtliche Bundestagsabgeordnete bis auf Sahra Wagenknecht und Christine Buchholz. diese Geste mangelnden Respekts führte zu einer hitzigen politischen Debatte offenbarte viele antisemitischeres Ressentiments innerhalb der Linkspartei. Diese rühren teilweise noch von der sozialistischen Vergangenheit der Linken, haben aber auch gesellschaftliche Wurzeln im Westen.

Auch wenn ich die Fakten nicht prüfen kann, auf die sich Berger an seinem Artikel beruft, so sind seine Vorwürfe nicht vollkommen abwegig. Die wesentlichen Gründe sehe ich in der gesellschaftlichen Zusammensetzung der Linken. Denn die Vorstellung, dass Fremdenfeindlichkeit und Homophobie alleine im rechten politischen Spektrum zu finden sind, ist vollkommen naiv. Auch in linken, von Arbeitern geprägten politischen Parteien gibt es bis zum heutigen Tag starke fremdenfeindliche und homophoben Tendenzen. Dazu gibt es viele politikwissenschaftliche Studien. Im Arbeitermilieu sind vor allen Dingen Formalbildung und soziale Stellung niedriger als im bürgerlichen Schichten. Das alles sind soziodemographische Merkmale, die die Ablehnung gegenüber Andersartigkeit befördern.

Auch wenn nicht alle Mitglieder der Linkspartei fremdenfeindlich sind, sind diese fremdenfeindlichen Tendenzen nicht von der Hand zu weisen. Die Parteiführung geht bisher mit diesen Konflikten nicht offen um und findet keine klare Linie. Genau diese Frage zeigt auch wie fragil die Parteistruktur der Linken tatsächlich ist.

Dennoch glaube ich, dass die Aussage, dass die Partei die Linke homophob und antisemitisch ist nicht zutrifft. Denn es ist nicht die Meinung der Partei, sondern die einiger Mitglieder. Nichtsdestotrotz sollte sich die Führung der Linken klar in den Fragen Israel und bei der Toleranz gegenüber Homosexuellen positionieren und allen Meinungen, die dem zuwider laufen, entschieden entgegnen. Die erhobenen Vorwürfe sind aber in meinen Augen eine zu starke Verallgemeinerung.

Wie seht ihr das? Was ist dran an den Homophobie- und Antisemitismusvorwürfen?