Dummer Fauxpas: Boykott gegen Dolce & Gabbana

Domenico Dolce und Stefano Gabbana (c) by  newsonline Quelle: http://bit.ly/1Fvx1tm

Domenico Dolce und Stefano Gabbana (c) by newsonline
Quelle: http://bit.ly/1Fvx1tm

Letzten Freitag schlugen die Äußerungen der beiden alternden Modedesigner Domenico Dolce und Stefano Gabbana (Dolce&Gabbana) große Wellen. In einem Interview mit dem italienischen Magazin „Panorama“ erklärte Gabbana, dass die einzige Familie traditionell sei. Laut dem Modeschöpfer sind Familien keien Modeerscheinungen, sondern bestehen im ursprünglichen Sinne aus Mann und Frau. Für die beiden Modeschöpfer habe das Leben ausschließlich einen natürlichen Lauf, weshalb Domenico Dolce auch gegen „synthetische Nachfahren und gemietete Gebärmütter“ sei. Beide Modeschöpfer sind selbst schwul und waren bis 2005 ein Paar. Queer.de bezeichnet die Äußerungen daher als schwulen Selbsthass.

Schwulen- und Lesbenverbände weltweit reagierten empört über die Äußerungen der beiden Modedesigner und starteten unter dem Hashtag #BoycottDolceGabbana einen Boykottaufruf gegen die Klamotten des gleichnamigen Labels. Auch berühmte Persönlichkeiten, darunter Elton John erklärten, dass sie nie wieder Kleider der beiden Modeschöpfer tragen wollten.

Beifall von der falschen Seite gab es für die grotesken Äußerungen von rechtspopulistischen Politikern in Italien. Senator Roberto Formigoni nannte Elton John einen schwulen Taliban: „Ich stehe auf der Seite von Dolce & Gabbana. Ich applaudiere dieser mutigen Aussage. Das ist Redefreiheit. (…) Die von Elton John gestartete Kampagne ist eine Schande und darf nicht toleriert werden. Elton John ist ein Taliban und er benutzt dieselben Taktiken, die von den Taliban gegen ‚Charlie Hebdo‘ genutzt worden sind.“

Die beiJe-suis-DG-600den Modedesigner haben mittlerweile reagiert und gegen die Boykottaufrufe und den Applaus vom rechten Rand Stellung bezogen. Mit einem Bild auf Instagram dem „Je suis D&G #BoycottFalseNews“ wehrten sich beide gegen die Kritik und bedienten sich der Mechanik der Solidaritätsbekundungen nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charli Hebdo“. Gleichzeitig bezeichneten sie Sänger Elton John als Faschisten.

Beide unterstrichen zudem in einem Statement, dass es sich bei ihrem Interview um persönliche Ansichten handelte und sie damit keine Person verunglimpfen wollten.

Ich persönlich finde es ziemlich perfide, dass mit einer Anlehnung an die Solidaritätsbekundungen für Charli Hebdo, Lesben- und Schwulen-Verbänden unterstellt würde, dass sie die Meinungsfreiheit unterbinden wollten. Denn darum geht es nicht. Das Recht eines jeden Menschen, öffentlich seine Meinung zu äußern, ohne dafür verfolgt oder eingesperrt zu werden, bedeutet nicht, dass eine Meinungsäußerung ohne Konsequenzen oder Widerrede bleiben muss. Jede Meinung muss sich dem öffentlichen Diskurs und auch der öffentlichen Kritik stellen. Auch die satirischen Darstellungen von Charli Hebdo dürfen kritisiert oder boykottiert werden. Es besteht aber ein Unterschied zwischen der Kritik einer Meinung und er gewaltsamen Unterbindung durch Anschläge.

Es wirkt daher für mich geradezu lächerlich, dass sich die beiden Modeschöpfer als Opfer gerieren. Wer eine Meinung äußert, die Lebensstile und Wertekomplexe von anderen Menschen verurteilt, darf sich nicht wundern, wenn das Echo wenig freundlich ist.

Genauso wenig dürfen sich Firmengründer, wie Dolce, Gabbana und Barilla (Mehr zu Barilla) wundern, wenn ihre persönlichen Meinungen mit dem Image der Unternehmen, für die sie stehen, identifiziert werden. Gerade bei Unternehmen, die ihren Namen durch ihren Gründer erhalten haben, besteht eine enge Verknüpfung zwischen Firmenchef und Markenidentität. Bei zwei Männern, die seit so vielen Jahren im Geschäft sind, hätte man diese PR-Grundlagen voraussetzen können. Zumal beide selbst schwul sind, was ihren Äußerungen eine besondere Sprengkraft gibt und den Applaus vom rechten Rand geradezu provozieren musste.

Es fällt mir schwer zu glauben, dass beide Modedesigner diese Konsequenzen in ihrem hoch privaten Interview nicht absehen konnten. Das Image ihrer Marke, die unter schwulen Männern besonders beliebt ist, haben sie sich dadurch jedenfalls nachhaltig geschädigt.

Wie seht ihr das? Ich freue mich von euch zu lesen.

Bundespräsident sagt nein zu Sotschi. Respekt, Herr Gauck!

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal schreiben werde, aber ich bin von unserem Bundespräsidenten Joachim Gauck schwer beeindruckt. Am Montagmorgen habe ich in den Nachrichten vernommen, dass Gauck den Winterspielen in Sotschi (Zum Thema Sotschi habe ich schon hier und hier etwas geschrieben) fernbleiben wird. Auch wenn der Bundespräsident nicht von einem „Boykott“ spricht, ist es als ein solcher zu verstehen. Gaucks Entscheidung ist somit ein deutliches Signal. Das deutsche Staatsoberhaupt nimmt sein Verständnis von  Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit ernst. Wie der Deutschlandfunk zu Recht urteilt, eine starke Geste.

Joachim Gauck nimmt nicht speziell die Situation von Homosexuellen in Russland zum Anlass (Russland hat ein Gesetz erlassen, dass es verbietet, sich in der Öffentlichkeit positiv über Homosexualität zu äußern), diesen olympischen Spielen fernzubleiben, dennoch ist die ständig währende Diskussion um die systematische staatliche Diskriminierung vom Lesben und Schwulen ein ausschlaggebender Grund. Gauck beweist für mich, dass ein Politiker gemäß seiner politischen Ideale entscheidet und nicht nach realpolitischen Zwängen.

Der Bundespräsident feiert ein kleines Comeback. Denn Gauck, der als Freiheitspräsident gewählt wurde, blieb die ersten (beinahe) zwei Jahre seiner Amtszeit ziemlich still. Keine aufwühlende Rede, keine Geste, kein mahnendes Wort hat man aus Bellevue von seiner Seite vernommen. Der Präsident, der nach dem Wulff-Fiasko so vielversprechend gestartet ist, hatte sich in meinen Augen in einen unauffälligen Grüßaugust verwandelt, der hin und wieder eine ungeschickte Bemerkung über die NPD tätigte.

Doch Gauck hat sein Thema wiedergefunden – Freiheit. Der Kampf gegen die staatliche Unterdrückung der DDR und die Aufarbeitung der Stasivergangenheit hatten ihn zu einem der glaubwürdigsten Personen gemacht und ihn für das Amt des Bundespräsidenten qualifiziert. Für mich schien es bisher, dass die Zwänge des Amtes Joachim Gauck glattgeschliffen hätten. Natürlich hat der Bundespräsident keine besonders machtvolle Position. Das haben die Gründungsväter unseres Grundgesetzes auch nicht anders gewollt. Auch ist der Bundespräsident ein Patronage-Amt, das unter den Parteien in der Bundesversammlung ausgeklüngelt wird. Daher ist billige Politikerschelte à la Köhler zwar beliebt beim Volk, steht dem Präsidenten eigentlich nicht zu.

Der Bundespräsident ist aber sehr wohl eine moralische Instanz, die gewisse Werte (auch die freiheitlich-demokratischen Werte der Bundesrepublik) verkörpert. Das Fernbleiben von den olympischen Spielen ist daher mehr als nur eine leere Geste. Es ist ein Ausdruck dafür, dass menschenunwürdiges staatliches Verhalten von der Bundesrepublik missbilligt wird. Es ist ein Zeichen, dass Deutschland das systematische Vorgehen gegen Homosexuelle den Grundsätzen unseres Staates widerspricht.

Es wäre wünschenswert, wenn neben Gauck und der Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Viviane Reding noch andere Politiker Wladimir Putin die große Propaganda-Show vermiesen würden. Mittelfristig wird das die Situation der Oppositionellen in Russland zwar nicht verbessern und auch die Homophobie in Russland kann das nicht mindern (denn diese ist auch ein gesellschaftliches Phänomen). Dennoch sind solche Gesten mehr wert als mahnende Worte im diplomatischen Hinterzimmer-Gespräch. Darum nochmal: Respekt Herr Gauck!