Angst vor der 30 – Warum lügt ihr mit eurem Alter?

 Als ich mich zum ersten Mal auf Gayromeo angemeldet habe – im zarten Alter von 19 Jahren – gehörte ich zu den jüngsten Nutzern dort. Mittlerweile sind knapp 10 Jahre vergangen und die Schwelle des digitalen Wertverfalls nährt sich mit rasender Geschwindigkeit. Die Schallgrenze der 30 Jahre steht unmittelbar bevor. Danach ist alles vorbei. Aus den meisten Altersfiltern falle ich heraus, die Zahl der Kontakte nimmt ab und ich gehöre dann zu den „Alten“.

Doch was ist eigentlich so schlimm daran 30 zu werden? Ich verdiene endlich Geld und kann mir Dinge leisten, die vorher nicht möglich waren. Zudem bekomme ich beruflich mehr Verantwortung und habe langsam einen Plan, wohin ich im Leben möchte. Klar waren die 20er ein tolles Jahrzehnt. Doch wer möchte ernsthaft nochmal 19 Jahre sein und alle diese Entscheidungen und Prozesse nochmal durchlaufen?

Ich jedenfalls nicht. Der Kalender sagt zwar, dass in knapp sechs Monaten mein 30. Geburtstag ansteht, doch schon seit gefühlt meinem 28. Geburtstag werde ich ständig auf diesen Tag angesprochen. Vor allem die Frage, ob ich ein Problem damit habe, bekomme ich immer wieder gestellt. Warum sollte ich ein Problem damit haben?

Vor allem Frauen und Schwule müssen sich diese Frage, meiner Wahrnehmung, häufig stellen lassen. Ich verstehe nicht wirklich warum. Es ist ja nicht so, dass mir mit 30 Jahren schlagartig alle Haare ausfallen oder mein Bindegewebe mit einem Schlag nachlässt und meine Haut sich plötzlich in tiefe Falten legt. Älterwerden ist ein Prozess und natürlich verändert sich mein Körper fortlaufend, doch sicher nicht durch eine menschlich gesetzte Jahreszählung. Wer mich vorher attraktiv fand, wird es danach auch tun. Die Leute, die mich vorher nicht wollten, wollen mich mit 30 dann erst recht nicht.

Gesellschaftlich ist die 30 die willkürlich gesetzte Schwelle aus der Jugend in das Erwachsenenleben. Bin ich dann schlagartig also erwachsen und vernünftig? Wenn ich nach einer durchzechten Nacht am nächsten Morgen mit einem Kater aufwache, habe ich nicht das Gefühl, dass ich mit fast 30, dieses Erwachsenenalter annährend erreicht habe.

Vieles von dem Druck ist selbst gemacht. Ich habe mir mit 20 Jahren ausgemalt wie ich mit 30 sein werde und was dann zu meinem Leben gehört: Mann, viel Geld, tolle Wohnung und ein Auto. Hat nicht ganz geklappt, zumindest nicht in diesen Dimensionen. Teilweise, weil es unrealistische Vorstellungen waren, teilweise hat es aus anderen Gründen nicht geklappt. Das Leben lässt sich leider nicht nach unserem Willen planen.

Jedenfalls habe ich mich deswegen davon verabschiedet, mir für meine Milestones eine Altersgrenze zu setzen. Am Ende eines Jahrzehnts zieht man trotzdem gerne Bilanz. Diese Bilanz ist für mich der einzige Punkt, an dem ich manchmal ins Grübeln komme. Hätte ich mehr erreichen können oder sogar müssen? Letztlich will ich mich aber nicht alleine an den Vorstellungen eines naiven 20-Jährigen messen lassen.

Digitales Älterwerden ist noch schwerer!

Ich fühle mich jedenfalls gut und freue mich, den 17. September endlich hinter mich zu bringen. Und auch auf Gayromeo werde ich im Gegensatz zu vielen ewig 28-Jährigen ein Jahr älter. Ich bin sogar stolz darauf. Denn ich habe heute eine viel bessere Figur als mit 20 Jahren, ich bin selbstbewusster und weiß, was ich von Männern und vom Leben will. Das hat sich nicht immer in Erfolg ausgezahlt, vor allem bei Männern nicht. Doch mit 20 hätte mich das mehr verunsichert als heute.

Daher frage ich euch: Warum habt ihr Angst davor 30 zu werden? Und warum zeigt ihr es nicht voller Stolz auf euren online Dating Portalen?

„Bloß keine 30-Jährigen“, „keine Alten [Anmerkung der Redaktion: meint wohl das gleiche]“ und so weiter. Mit diesen Profiltexten bauen vor allem junge Nutzer eine gewisse Altersdiskriminierung auf (über generelle Diskriminierung auf schwulen Onlinedating-Portalen habe ich ja schon geschrieben). Sollten euch solche Äußerungen nicht egal sein? Es ist doch legitim, dass man nur Nutzer in seinem Alter sucht. Eine Altersgrenze kann man jetzt verbohrt, lächerlich oder berechtigt finden. Irgendwo muss man in dieser Rastersuche der digitalen Partnersuche seine Grenzen ziehen. Man kann sie angeben oder nicht. Das ist jedem selbst überlassen. Wie man solch eine Altersgrenze kommuniziert, ist eine Frage der Kinderstube.

Und in der Regel entscheiden immer andere Faktoren als ein Geburtsdatum. Mich kontaktieren in letzter Zeit einige junge Nutzer, die solche Texte („Bloß keine Nutzer über 26“) in ihren Profilen haben mit der Aussage, dass sie bei mir mal eine Ausnahme machen würden. Wer solche einen Text im Profil hat, scheidet für mich generell schon aus, da ich das für ein unreflektiertes Verhalten halte. Ich nehme das Kompliment aber trotzdem dankend an.

Von daher könnt ihr alle entspannt sein und endlich 30 Jahre werden. So langsam überhole ich vom Alter her viele Nutzer, die vor 5 Jahren schon 29 waren und realistisch dieses Alter nicht mehr haben können. Daher plädiere ich dafür: Steht zu euch, denn das macht sexy! Ich finde einen 30-jährigen Mann, der zu seinem Alter steht attraktiver als einen 22-jährigen Jungen, der bloß nicht von Alten angeschrieben werden möchte. Vielleicht sollten wir alle im Kopf abschließen, dass wir nun nicht mehr in diese Generation der 20-Jährigen gehören. Das neue Jahrzehnt bietet viel zu viele Möglichkeiten, um die Zeit damit zu verschwenden den 20ern nachzutrauern. Daher werdet endlich 30 und seid stolz darauf, wer ihr seid und was ihr erreicht habt!

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3 Kommentare zu “Angst vor der 30 – Warum lügt ihr mit eurem Alter?

  1. Hallo Dave,

    ich finde deinen Beitrag sehr gelungen und sehr reflektiert. ;-)

    Als bei mir die 30 anstand, ging es mir ähnlich wie mit dir mit einem Unterschied: GayRomeo war noch nicht erfunden. ;)

    Ich fand es nicht schlimm 30 zu werden. Viele Schwule haben eine Höllenangst davor. Konnte ich auch nie wirklich verstehen. Ein neuer Lebensabschnitt steht an. Wovor sollte man sich fürchten?

    Jeden Tag verändern wir uns, jeden Tag werden wir älter. Das lässt sich nicht vermeiden und ist der Lauf der Dinge. Das ist auch gut so! Natürlich ist es richtig und wichtig sich auch um das Älterwerden Gedanken zu machen. Hysterisch braucht man aber nicht zu werden deswegen.

    Ich fand es auch nicht schlimm vor einiger Zeit 40 zu werden. Man ist unabhängiger geworden, zum Teil reifer und gesetzter, man jagt vielleicht nicht mehr Illusionen hinterher (zumindest mag man das sich einreden) und der Sex ist wesentlich erfüllender, häufiger und intensiver geworden als ich ihn mit 20 hatte. ;-))

    Seltsamerweise bekomme ich immer noch Angebote bei GR. Natürlich falle ich bei manchen 20jährigen auch heraus. Das finde ich nicht schlimm, ich bin nunmal nicht mehr der „Boy“. Und als solchen sollte man sich auch nicht ausgeben. Ich stehe zu meinem Alter.

    Manchmal gewinne ich den Eindruck auf GR, dass manche Schwule in den 20er von ihren gleichaltrigen Altersgenossen nicht das bekommen was sich jeder insgeheim erhofft: Zuneigung, Verständnis, Zärtlichkeit und auch Liebe. Viele beklagen eine „Oberflächlichkeit“ auf GR. Aber das ist eine andere Diskussion und hat mit dem ursprünglichen Thema nur am Rande zu tun.

    Daher plädiere ich, seinem Leben einen (neuen) Sinn zu geben. Nicht anderen, vermeintlichen Idealen hinterher zu hecheln, sondern sich selbst welche suchen. Zu reflektieren was man für Ziele hat, sie mit Entschlossenheit zu verfolgen, aber auch flexibel genug sein sich neue zu suchen wenn manches nicht so klappt. Das ist nicht immer leicht.

    Dave, ich bin sicher du wirst deinen Weg machen. Und auch jemanden finden der dich liebt. Manches braucht Zeit um zu wachsen.

    In diesem Sinn, freu dich auf die 30!

    Herzlichst Tom.

    • Danke für dein Kommentar. Über die 40 kann ich natürlich noch nichts sagen. Die ist für mich (gefühlt) noch weit weg. Aber ich weiß, dass das schneller kommt als mir lieb ist. Aber es freut mich zu lesen, dass auch das kein Weltuntergang ist.

      • Danke dir!

        Das konnte ich mit 30 auch noch nicht sagen. Gefühlt ist die 50 zwar auch noch weit weg, aber sie ist bestimmt auch schneller da.

        Nein, es ist kein Weltuntergang. :) Aber Altern ist nichts für Feiglinge. ;)) Das hängt aber auch von einem selbst ab: Begreift man das neue Lebensjahrzehnt als Chance oder eher als Belastung?

        Viel Glück!

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