Wie gefährlich ist Chemsex?

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(c) by anqa Quelle: http://bit.ly/1RqzHKt

Für Volker Beck wird es nun wirklich ernst. Am vergangenen Donnerstag hat die Staatsanwaltschaft in Berlin mitgeteilt, dass sie nun gegen den Grünen-Politiker ermitteln wird. Der Bundestag hob hierfür die Immunität von Beck auf. Anlass hierfür ist ein Dorgenfund, bei dem es sich wahrscheinlich um Methamphetamin („Crystal Meth“) handeln soll. Bisher ist dies aber noch nicht bestätigt. Der Fund wird häufig mit dem Drogen-Fund bei Michael Hartmann, ehemals Innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, in Zusammenhang gesetzt. Leistungssteigerung scheint wohl auch ein Grund zu sein, weswegen viele hochgebildete und leistungsorientierte Menschen zu Crystal Meth greifen. In der Schwulenszene breiten sich, meiner Wahrnehmung nach, Drogen rasanter aus. Doch woran liegt das?

Zu harten Drogen, darunter auch Crytsal Meth, hatte ich in meinem Leben bisher noch keinen Kontakt gehabt. Ich gehöre wohl noch zu der Generation Kleinstädter, dem die Abschreckung durch das Buch und vor allem den Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ vollkommen zur Abschreckung gereicht hat. Drum habe ich diese Entwicklung das erste Mal wirklich wahrgenommen als ich nach Hamburg gezogen bin. Die Zahl an Profilen, die mehr oder weniger offen nach genau diesen sexuellen Abenteuern suchen, hat auch in Deutschland merklich zugenommen. Vor allem in den Ballungsräumen liest man in den Profilen von Dating-Portalen wie Grindr, Scruff oder GayRomeo immer häufiger die Begriffe „Chemsfriendly“ oder „Chemsex“. Dahinter verbirgt sich ein Trend, der aktuell vor allem in London weit verbreitet ist: Dabei geht es um die gefährliche Verbindung von harten Drogen und meist ungeschütztem Geschlechtsverkehr auf Sexpartys. Rekrutiert werden die Teilnehmer zumeist über die schwulen Dating-Apps. In London gibt es aktuell schon Erhebungen, dass sich die HIV-Neuinfektionen deutlich gesteigert haben. In einem sehr hörenswerten Bericht des Deutschlandradios Kultur findet ihr eine Reportage über den Trend aus London.

Der Zusammenhang von Sex unter Drogen und der potentiellen Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten ist nicht abwegig. Wer selbst einmal unter Alkoholeinfluss sich auf ein Abenteuer eingelassen hat, weiß, dass Drogen (und Alkohol zählt für mich dazu) das Risikoempfinden deutlich nachlassen lässt. Doch was mich an Chemsex schockiert ist, die Sorglosigkeit, mit der viele Menschen wirklich harte chemische Substanzen konsumieren, deren Wirkung noch weniger kalkulierbar ist als bei Alkohol oder Cannabis. Was Meth oder andere chemische Substanzen beinhalten, kann so wirklich keiner wissen. Das macht die Wirkung unkalkulierbar. Zudem birgt gerade Meth das Risiko einer Abhängigkeit. Wie sich Menschen unter diesen Drogen verändern können, zeigt ebenfalls die oben angesprochene Dradio Wissens-Reportage aus London.

Daher frage ich mich, was Menschen dazu antreibt solche harten Drogen in Verbindung mit Sex zu nehmen? Klar, wollen wir Menschen uns immer berauschen und klar ist auch, dass unser Risikoempfinden über Konsequenzen für die Zukunft immer geringer ist als das in der Gegenwart. Doch können wir wirklich so viel ignorieren, dass wir zu solchen harten Substanzen greifen? Hier geht es ja nicht, um ein Phänomen, das labile prekäre gesellschaftliche Schichten trifft. Zu den Konsumenten gehören auch Menschen, die eigentlich fest im Leben stehen oder standen.

Fühlen wir beim Sex mittlerweile so wenig, dass wir diesen nur durch den Rausch mit Drogen noch ertragen können? Haben Online-Dating-Portale die emotionale Komponente von Sex völlig beseitigt, dass der Griff zu Drogen die einzig logische Konsequenz ist?

Ich mag es zwar nicht, moralisch über Dinge zu urteilen. Doch beim Thema harte Drogen sind meine Toleranz und mein Verständnis am Ende. Ich finde aber auch, dass eine Kriminalisierung der Konsumenten nicht wirklich etwas bringt. Das hat es bisher noch nicht und wird es auch in Zukunft nicht. Solche Mechanismen sind Relikte einer konservativen Drogenpolitik. Der Trend breitet sich meiner Meinung nach schneller aus als er von Beratungsstellen aufgegriffen wird. Ich finde es fatal, wenn wir tatenlos zusehen, wie sich ein solcher Trend in einem Teil (es betrifft nicht die ganze Schwulenszene) ausbreitet.

Wie seht ihr das? Welche Einstellung habt ihr zu Drogen allgemein und wie seht ihr das Phänomen Chemsex?

Mert Matan und die Debatte um die homophobe Subkultur

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Szene aus dem YouTube-Video von Mert Matan

Der deutsch-türkische YouTuber Mert Matan hat eine Debatte um Homophobie in so genannten Parallelgesellschaften ausgelöst. In einem „Prank“-Video (das sind Videos, in denen Streiche gespielt werden) erzählt der junge Hamburger seinem Vater, dass er vermeintlich schwul sei. Die Reaktion des Vaters hierauf ist fatal. Wie unvermittelt rastet der Vater aus und schlägt auf seinen Sohn ein. Der Vater lässt in seiner Wut erst von dem Sohn ab, als ihm dieser versichern kann, dass es sich um einen „Scherz“ gehandelt habe.

Nicht nur homosexuellen Zuschauern sollte bei diesem Anblick das Lachen im Halse stecken bleiben. Das Video dient dazu eine gesellschaftliche Debatte über Toleranz und Vorurteilen anzustoßen. Es gibt mehrere Dinge, die ich an diesem Video und den Diskussionen um das Video fatal finde. Nicht nur, dass ein Vater seinen 20-jährigen Sohn schlägt, es zeigt auch seine Wut gegen Homosexualität als solches. Es zeigt aber auch wie sich eine Rassismus und Homophobie-Debatte aus einem solchen als harmlos gedachten Video entwickeln kann.

Die Reaktionen auf dieses Video waren nicht nur heftig sie waren teilweise rassistisch. Auf der einen Seite ergossen sich rassistische Äußerungen über die Familie Matan. Dies ist natürlich unangebracht und eine Generalisierung für alle Deutsch-Türken lässt sich aus diesem Video auch nicht ableiten. Es stellt ich allerdings doch die Frage, ob es unter deutsch-türkischen Familien eine andere Wahrnehmung bei gesellschaftlichen Fragen vorherrscht und ob sich diese mit unserem Werten vereinbaren lässt.

Bezogen auf die Reaktion des Vaters Matan ist der Vorwurf der Homophobie in jedem Falle angebracht. Und hier ist das Unverständnis des YouTub-Stars erschütternd. Gewalt gegen eine andere Person auszuüben ist egal in welchem Kontext sie geschieht eine Herabsetzung ihrer Würde. Damit ist und bleibt diese Reaktion inakzeptabel. Die Reaktion schürt daher nicht wirklich überraschend die Vorurteile, die viele Menschen über Migranten (vor allem mit muslimischen Background) haben. So offen hat man Homophobie selten vor einer deutschen Kamera gesehen. Der gedankliche Weg zu Subkulturen und Parallelgesellschaften, in denen abseits deutscher Normen und Gesetze eigene Regeln gelten, ist daher eher kurz.

Ich möchte auch gar nicht bestreiten, dass auch in deutschen Familien Eltern enttäuscht oder entsetzt reagieren, wenn sich ein Kind outet. Denn auch bei toleranten Eltern ist es ein Unterschied, wenn es allgemein um Homosexualität in der Gesellschaft geht oder wenn der eigene Sohn schwul ist. Doch eine Reaktion mit Gewalt und Beschimpfungen ist nicht mehr mit Enttäuschung zu erklären, sondern mit Hass gegenüber dem, zu dem sich der junge Mann gerade bekannt hat. Daher finde ich den Vorwurf der Homophobie gerechtfertigt.

In einem Video nach dem ersten Proteststurm versucht sich der junge YouTuber zu rechtfertigen, offenbart aber darin noch viel stärker sein Unverständnis für die Brisanz dieser Debatte.

Natürlich sei man nicht homophob. Alle Nutzer haben hier etwas falsch verstanden und würden hier etwas interpretieren, das er nicht intendiert hätte. „Das Video ist nicht gegen Homosexuelle, (…) außer, dass sein Sohn vielleicht schwul werden könnte. Das gibt es bei uns in der Familie nicht, in der Kultur und genauso in der Religion nicht.“ Der Stern schreibt (zurecht wie ich finde), dass dies ein fataler Satz sei, „der aufs Furchtbarste die Ängste von Menschen bestätigt, die Angst vor Parallelgesellschaften haben.“

In diese Debatte sind schnelle Antworten auf einen solchen Einzelfall gefährlich. Ich würde mir aber trotzdem wünschen, dass dieses Thema nicht nach Abflauen des Medieninteresses von der Tagesordnung verschwindet. Toleranz für andere Lebensmodelle gilt für alle Teile unserer Gesellschaft. Eine solche Diskussion muss aber mit Sensibilität geführt werden, sonst treibt diese nur der AFD die Wähler zu.

Zur Integration gehört bei aller Toleranz, aber auch die Vermittlung von westlichen, demokratischen und rechtstaatlichen Werten. In unserer Gesellschaft müssen die Akzeptanz und der Respekt von anderen Lebensentwürfen ein hohes Gut sein, genauso wie der Respekt vor der Würde eines anderen. Auch wenn in Beide Videos sind mittlerweile offline. TubeOne – ein Multichannel Network, das YouTuber vermarktet – hat die Zusammenarbeit mit Mert Matan beendet. Die Debatte darf allerdings nicht abreißen.