Die häufigsten Vorurteile gegenüber Schwulen (II): Schwule können nicht treu sein

Vorurteil: Schwule können nicht treu sein

Vorurteil: Schwule können nicht treu sein

Eines der gängigsten Vorurteile gegenüber schwulen Männern ist, dass sie eine promiskuitives Leben führen und in festen Partnerschaften nicht treu sein können. Der Anschein mag dieses Klischee auch untermauern. In vielen schwulen Partnerschaften gibt es die Übereinkunft, Dritte hinzuzählen oder gelegentlich mit anderen Männern Sex zu haben.

An diesem Vorurteil ist auf jeden Fall etwas Wahres dran. Natürlich gilt wie immer, nicht uneingeschränkt und nicht für alle. Da Monogamie ein höchst normatives Thema ist, muss man sich dem Thema wertfrei nähern. Denn selbst, wenn dieses Klischee der Tatsache entspricht, ist das noch lange nichts Negatives oder Positives, sondern zunächst einmal eine Tatsache.

An dem Klischee, dass (schwule) Männer mehr Sexualpartner haben, auch in einer festen Beziehung, ist in jedem Fall etwas dran. Es gibt sogar wissenschaftliche Untersuchungen, die dieses Phänomen belegen. Laut der Studie „Sexual Agreements“ aus dem Jahre 2006 leben rund 50% aller schwuler Paare in offenen Beziehungen. Trotzdem sehen 80 Prozent aller schwulen Männer, Treue als einen der wichtigsten Faktoren für eine funktionierende Partnerschaft an (über 80%). Trotz dieses Bekenntnisses zu Treue gaben nur 18 Prozent der Befragten an, dass sie an Monogamie in einer schwulen Beziehung glauben. Auf den ersten Blick mag das ein Widerspruch sein, auf den zweiten Blick gibt es dafür eine Reihe für Erklärungen.

Es liegt nicht daran, dass „der Schwule“ ein besonders starkes Bedürfnis nach Sex mit unterschiedlichen Partnern hat. Das ist durchaus ein männliches Phänomen. In homosexuellen Partnerschaften führen eben zwei Männer miteinander eine Beziehung, die biologisch dieses Bedürfnis eher teilen. Frauen gehen meist aus ganz anderen Gründen in einer Partnerschaft fremd als Männer. In der Regel hat das weniger sexuelle Motive. Bei (schwulen) Männer schon. Nichtsdestotrotz sind in Beziehungen immer Gefühle involviert. Kein Mensch teilt gerne, wenn er einen anderen Menschen liebt, eine intime Sache wie die Sexualität mit anderen. Daher lassen sich diese zwei widersprüchlichen Zahlen ein Stück weit erklären.

Außerdem werden schwule Männer, genauso wie heterosexuelle Männer und Frauen auch, mit den Werten „Treue“ und „Ehrlichkeit“ als Fundament für funktionierende Partnerschaften sozialisiert. Beides sind moralische Werte, die in unserer Gesellschaft als gesetzt gelten. Auch wenn längst nicht alle heterosexuellen Partnerschaften hundertprozentig treu sind, wird es als klarer Verstoß wahrgenommen, wenn ein Partner fremd geht.

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass offene Beziehungen unter Schwulen eine Kapitulation vor der Tatsache sind, dass Männer schwerer sexuell treu sein können. Daher versuchen viele schwule Paare die Gefühlsebene bei diesen erlaubten „Seitensprüngen“ auszuschalten, was unterschiedlich gut gelingt. In vielen langen Partnerschaften ist der Weg hin zu einer offenen Beziehung oft ein komplizierter und langwieriger Prozess. Die hohen moralischen Standards, die viele Menschen mitbekommen haben, verhindern ein solches Agreement. Ist es dann sogar ein ehrliches Eingeständnis in schwulen Partnerschaften, die diese moralischen Standards überwunden haben und damit die Realität anerkennen?

Ganz so einfach darf man es sich auch hier nicht machen. In einer Partnerschaft müssen beide Partner die gleichen Werte teilen. Es ist zwar schon so, dass sich die Treue-Frage zwischen zwei Männern wohl häufiger stellt als bei heterosexuellen Paaren, dennoch kommen auch viele schwule Paare zu dem Schluss, dass sie sexuell exklusiv bleiben wollen.

Dass es auch einen beträchtlichen Teil an homosexuellen Paaren gibt, die offener in ihrem Sexualleben sind sollte man aber nicht gesellschaftlich bewerten. Denn es geht darum, dass beide eine gesunde Art finden, ihr gemeinsames Leben zu gestalten.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Treue – vor allem emotionale Treue – das wichtigste in einer Partnerschaft ist. Ich möchte mich darauf verlassen können, dass mein Partner mich als den einzigen ansieht und nicht ständig nach einem besseren Mann sucht. Diese Form des Betruges ist für mich persönlich schlimmer als jeder Seitensprung aus sexueller Begierde. Ich kann mir zwar aktuell nicht vorstellen eine offene Beziehung zu führen, ein sexueller Betrug wäre für mich (aus den biologischen Gründen heraus) aber eher verzeihbar als ein emotionaler.

Wie seht ihr das? Treue ja oder nein? Kann man das, wie ich versucht habe, zu begründen? Oder unterscheiden sich Heteros und Homos in dieser Frage gar nicht?

Im nächsten Teil geht es um das Vorurteil, dass Schwule einen besonderen Sinn für Ästhetik haben.

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2 Kommentare zu “Die häufigsten Vorurteile gegenüber Schwulen (II): Schwule können nicht treu sein

  1. Hallo,
    ich hatte vor kurzem schonmal ein Gespräch mit meinem schwulen besten Freund zu der Thematik und mein persönlicher Gedanke dazu ist Folgender: Solange die Untreue rein aus einem sexuellen Motiv besteht, das so in der bestehenden Beziehung nicht befriedigt werden kann, dann halte ich Sex mit einer anderen Person für legitim. Ein Beispiel wäre, wenn mein Partner gerne Analverkehr oder einen bestimmten Fetisch hat, aber ich diese Sexualpraktik generell nicht möchte, dann wäre es für mich in Ordnung, wenn er sich, nachdem man darüber gesprochen hat, einen Partner/in für die Befriedigung dieses speziellen Fetischs holt.
    Wie du schon im Text geschrieben hast, wäre auch für mich hierbei die emotionale Treue wichtiger als die sexuelle Treue, solange ich mir sicher sein kann, dass mit der anderen Person sicher verhütet wird und notfalls ein Verhütungsfehler sofort kommuniziert wird. Unter diesen Umständen könnte ich glaube ich damit leben, wenn mein Partner mir „untreu“ wäre und es wäre mir glaube ich auch wichtig, dass ich den/die reine/n Sexualpartner/in meines Partner dann nicht kenne, sonst würde ich mich ständig vergleichen oder mir Gedanken machen à la was wäre wenn.

    Na ja, das waren dann mal meine 5 Cent zum Thema :)

  2. Ich würde mal sagen, das der Themenkomplex in den Grundlagen gleich ist. Egal ob schwul oder hetero. In der Praxis entscheidet dann wohl eher der Mangel an Gelegenheiten oder die Verfügbarkeit eines unkomplizierten sexuellen Kontaktes.

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