Offene Beziehungen bei Schwulen – Können Männer nicht treu sein?

himbeereEs ist die Gretchenfrage aller homosexuellen Beziehungen: „Wie hältst du es eigentlich mit der Treue?“ Ähnlich wie bei Religion hat zu dieser Frage wohl jeder, ob hetero- oder homosexuell, seine ganz persönliche Überzeugung. Und wie bei religiösen Einstellungen werden diese moralischen Überzeugungen viel zu oft gebrochen oder verraten.

Vor allem Schwulen sagt man nach, sie hielten nicht besonders viel von Treue. Ist das nur ein Klischee oder haben Schwule als erstes anerkannt, dass in einer modernen Welt Partnerschaften, die nur aus zwei Personen bestehen, nicht ewig Bestand haben (können). Um es vorweg zu nehmen: Ich glaube nicht, dass es auf diese Frage eine einheitliche Antwort gibt und vor allem keine pauschale Feststellung, dass alle Schwule in polygamen Beziehungen leben.

Aus meiner Erfahrung gibt es aber bei schwulen Paaren eine deutliche Häufung komplizierter polygamer Beziehungskonstrukte. Ob diese Beziehungen schlechter oder besser funktionieren als monogame ist wirklich schwer zu beurteilen und können nur die Paare selbst entscheiden, Ob polygam oder monogam ist aber eine Sache zwischen diesen Menschen und keine moralische Vorgabe der Gesellschaft.

Ein Argument für so genannte offene Beziehungen, das ich immer wieder höre, ist die Ehrlichkeit. Jeder Partner kann Sex haben (meistens jedoch mit bestimmten Regeln) ohne den Partner belügen zu müssen. Damit fällt auch der „Reiz“ des Fremdgehens weg. Denn fremdgehen kommt auch in geschlossenen Beziehungen vor (ob hetero oder homo) und führt regelmäßig zu Dramen und Trennungen.

Da ich selbst noch nie eine offene Beziehung hatte, frage ich mich aber, wie diese Paare mit der Eifersucht umgehen. Nur weil es erlaubt ist, fällt es doch nicht leichter, dass der Partner mit anderen Sex hat? An diesem Punkt werden sich wohl die meisten Geister scheiden. Freunde von mir, die eine offene Beziehung haben, meinten in Bezug auf diesen Punkt, dass sie Sex und Liebe gut voneinander trennen könnten. Ganz können sie aber die Eifersucht nicht ausschalten. Das führt auch in offenen Beziehungen immer wieder zu Streit, jedoch (so diese Freunde) niemals zu einer grundsätzlichen Bedrohung für deren Liebe.

Warum sind es aber vor allem Schwule, die das Modell der offenen Beziehung pflegen?

Ich glaube, dass das vor allem daran liegt, dass Männer vornehmlich aus anderen Gründen fremdgehen als Frauen? Wenn eine Frau ihren Partner betrügt, ist es meistens mit der Liebe vorbei oder es werden elementare Bedürfnisse nicht ausreichend befriedigt. Männer (um es pauschal und platt zu sagen) gehen fremd, weil sie einen sexuellen Reiz suchen. Daher ist die Entschuldigung, es hat mir nichts bedeutet, bei Männern auch viel glaubwürdiger. Natürlich haben auch Männer Affären und betrügen ihre Partner oder Partnerinnen emotional, aber das Fremdgehen aus purer Triebbefriedigung kommt bei Männern häufiger vor.

Nichtsdestotrotz habe ich auch viele Schwule Freunde, die seit Jahren in monogamen Beziehungen leben und sich treu sind. Für diese Männer ist Treue eine Grundvorausetzung ihrer Beziehung. Ich habe nich den Eindruck, dass ihre Beziehung dadruch besser oder schlechter funktioniert als die anderen offenen Beziehungen. Wichtifg ist für mich, dass wir lernen Respekt zu haben für Lebensmodelle, die andere verfolgen und nicht versuchen diesen unsere eigenen moralischen Vorstellungen aufzudrücken. Ich persönlich kann es mir (noch) nicht vorstellen, eine solche Beziehung zu führen. Jedoch kam ich selbst noch nicht in diese Situation.

Wenn ich also diese Punkte zusammenfasse (es gibt sicherlich noch viele mehr), komme ich zu dem Schluss, dass Schwule zwar treu sein können, viele es aber nicht möchten. Wichtig ist, bei jeder Beziehung, eine Vereinbarung zu finden, die beide glücklich macht.

Mich würde eure Meinung dazu interessieren. Was haltet ihr von offenen Beziehungen? Welches Modell pflegt ihr?

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4 Kommentare zu “Offene Beziehungen bei Schwulen – Können Männer nicht treu sein?

  1. Schwieriges Thema ;)

    Ich hatte schon beides und ich muß sagen: In einer offenen Beziehung leidet einer immer. Denn einer ist immer der Eifersüchtigere und der leidet einfach mehr (war bei mir so und bei Paaren die es auch lebten), nichtsdestotrotz bleibt es eine Einzelfallbetrachtung.

    Ich lebe seit dem nur in monogamen Beziehung und mir geht es damit besser. Klar reizt mal ein anderer Kerl. Aber damit komme ich zurecht und mein Mann auch. Wir gehen nicht fremd und da bin ich mir bei ihm, und ich glaube das ist einer der Gründe warum ich ihn auch geheiratet hab, zum ersten Mal 100% sicher. Er wird nicht fremdgehen.
    Und ich tu es auch nicht.

    Das ist ein wunderbares Ruhekissen, das Vertrauen ineinander.

    Viele Grüße
    Rob

    • Ich bin auch der Meinung, dass in einer offenen Beziehung immer einer leidet. Das sehe ich nicht ein. Habe eigentlich keine offene Beziehung gehabt, denn sofort bin ich dagegen. Jetzt hab ich einen Freund und wir sind für uns immer da, noch einen in unsere Beziehung hereinlassen, geht nicht. Das würde alles kaputt machen.

  2. Also ich lebe in einer offenen Beziehung und bin seeeeehr glücklich! Bei uns gibt es allerdings die Regel, dass wir nur gemeinsam Sex mit einem Dritten (oder Vierten…) haben. Damit ist keiner von uns eifersüchtig. Ich genieße das total und so hat tatsächlich keiner das Bedürfnis, fremd zu gehen.

  3. Hi,

    ein interessantes Thema. Aus eigener Erfahrung kann ich ein paar Dinge dazu beisteuern:

    Ich hatte 13 Jahre eine wundervolle Beziehung mit meinem Mann. Wir haben mit einer monogamen Beziehungsform angefangen. Nach ca. 5 Jahren hatten wir dann unsere Beziehung leicht geöffnet um auszuprobieren ob es funktioniert. Und es hat gut funktioniert!

    Für uns beide war es eine Bereicherung und hat unsere Beziehung gestärkt. Sie wurde wesentlich tiefer. Es war für mich (und mein Mann) immer klar, dass wir uns lieben. Egal mit wievielen Männer der Andere schläft.

    Des Weiteren erlebe ich im Freundeskreis, dass bei Paaren die schon länger zusammenleben die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass sie eine offene Beziehung führen.

    Um der ganzen Diskussion mit etwas mehr Zahlenmaterial zu füttern:

    „[…] Befragung von 1.006 Männern kommt zu dem Ergebnis, dass 41 Prozent in einer offenen Beziehung leben oder gelebt haben. Drei Viertel dieser Befragten gaben an, dass sie diese Beziehungsform für „großartig“ halten.“
    Quelle: http://www.queer.de/detail.php?article_id=25529

    Die Befragung enthüllt noch weitere interessante Details: von denjenigen, die keine Erfahrung mit offenen Beziehung haben, glauben 33% „dass offene Beziehungen keine ‚richtigen‘ Beziehungen seien.“

    In einer offenen Beziehung hat Eifersucht nichts verloren, sonst wird es nicht klappen. Und wie oben vermutet wurde, weder ich noch mein Partner haben „gelitten“. Daher glaube ich, dass dazu eine gewisse innere Reife gehört: man muss Abstand nehmen von dem Gedanken „mein Mann gehört mir“ (im Sinne von Besitz).

    Das ist doch das eigentliche Dilemma nicht die offene Beziehung ist das Problem, sondern dass Leute sie eingehen die dafür nicht geschaffen sind. Dinge ändern sich im Leben; was man jetzt noch für unmöglich hält, kann in einigen Jahren ganz anders aussehen.

    Schönen Tach! :-)

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