Warum zeigen homosexuelle Paare ihre Liebe so selten in der Öffentlichkeit?

(c) by See-ming Lee (http://bit.ly/1fbBOGh)

(c) by See-ming Lee (http://bit.ly/1fbBOGh)

Zu Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit hat jeder seine ganz persönliche Einstellung. Doch eine Sache sollte für jedes Paar auf der Welt normal sein – in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Doch selbst in großen Städten sieht man das bei lesbischen und schwulen Paaren eher selten. Warum ist das so?

Betrachtet man die Videos aus Russland und der Ukraine, in denen sogar Gewalt gegen die beiden schwulen Pärchen ausgeübt wurde, kann man erahnen, warum. Nun sind Russland und die Ukraine wohl zwei Extremfälle (auch Jerusalem, über das ich diese Woche geschrieben habe), dennoch ist es auch in westlichen Ländern nicht normal, dass Schwule und Lesben ihre Liebe öffentlich zeigen.

Hört man dann die Argumentation von homophoben Passanten, die daran Anstoß nehmen, so heißt es immer wieder, dass Schwule und Lesben das ja nicht öffentlich zeigen müssen und dass sie Händchen halten in der Öffentlichkeit als Provokation erachten.

Aus meiner Erfahrung kann ich berichten, dass es zumindest im Südwesten unserer Republik nicht normal ist, wenn zwei Männer Händchen haltend in der Öffentlichkeit auftreten. Bisher wurde ich zweimal verbal ziemlich aggressiv attackiert worden. Wäre nicht in beiden Fällen „Hilfe“ in Form eines Polizeiautos aufgetaucht, wäre es eventuell schlimmer ausgegangen.

Fakt ist jedenfalls, dass man als Homosexueller in der Öffentlichkeit ausloten muss, ob man seine Liebe öffentlich zeigt. In Hamburg, Berlin, München oder Köln mag das in den belebten Zentren kein Problem sein, doch gerade in den großen Städten gibt es die meisten Übergriffe auf lesbische und schwule Paare.

Ich finde es erschreckend, dass im Jahr 2015 immer noch Menschen darüber entscheiden wollen, wer in der Öffentlichkeit seine Liebe zeigen darf und wer nicht. Auch wenn es Menschen gibt, denen es nicht gefällt, zwei Männer oder zwei Frauen Arm in Arm zu sehen, ist es nicht das Recht, diesen Menschen zu verbieten, es öffentlich zu zeigen. Daher freut es mich ganz besonders als ich dieses Video zwei portugiesischer schwuler Männer gesehen habe, die das Experiment in Lissabon gestartet haben und drei Tage Händchen haltend und küssend durch die Stadt gelaufen sind. Das Resultat sehrt ihr besser selbst. Bei mir ist Lissabon übrigens auf der Reiseliste dadurch ganz nach oben gerutscht.

Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht, eure Liebe öffentlich zu zeigen? Ich freue mich auf eure Erfahrungen.

Advertisements

4 Kommentare zu “Warum zeigen homosexuelle Paare ihre Liebe so selten in der Öffentlichkeit?

  1. Hallo Dave,
    erstmal ein breites Grinsen :) Ernie und Bert waren auch das Hochzeitsmotto von meinem Mann und mir….

    In jüngeren Jahren, war es viel schwieriger und extremer als schwules Pärchen Händchenhaltend durch die Stadt zu laufen. Dank meiner Größe von 1.90m und meiner damals noch trainierten Gestalt wurden wir nur beäugt, aber nicht dumm angemacht.
    Und hier im Südwesten sind die Leute auch nicht die aufgeschlossensten…

    Mit den Jahren wird man älter und obwohl es jetzt leichter ist, seine Liebe offen zu zeigen, machen mein Mann und ich das nicht allzu oft. Wenn uns nach einen Kuß ist, geben wir uns einen. Aber wir wollen nicht nach außen provozierend uns zeigen und Aufmerksamkeit erregen.
    Früher wollte ich auffallen damit, provozieren etc.

    Heute ist es ganz natürlich wenn wir uns in der Stadt mal an den Hintern packen oder einen Kuß geben.

    Auch hier im Südwesten.
    ich glaube es ist auch ein Unterschied, ob ein Paradiesvogel rumläuft, oder jemand der einfach nur wie ein Mann aussieht und einen anderen küßt.

    Mir ist schon aufgefallen, das viele Leute mit dem Rumgetucke und dem weibischen Verhalten vieler Schwule Probleme haben…

    Schönes Wochenende
    Rob

  2. Wir haben als lesbisches Paar die Erfahrung gemacht, dass wir uns in unserem gewohnten Kleinstadtumfeld frei und meist unbeachtet (und damit entspannt) bewegen können. Ich vermute, dass das auch mit einem gewissen Gewöhnungsfaktor zusammen hängen dürfte, da uns hier einfach jede*r schon mal gesehen hat.
    Angepöbelt wurden wir in unserem Leben bisher auch erst ein einziges Mal, fühlen uns aber oft durch aggressives Anstarren belästigt oder sogar „angegriffen“. Im Grunde ist Anstarren aber eigentlich nichts Schlimmes, da es ja zum Sichtbar-sein-wollen gehört und die Starrenden potentiell in ihrer Weltsicht positiv beeinflusst.
    Trotzdem ist es genauso anstrengend wie jedes einzelne Coming Out und die Fragen, die diesbezüglich gestellt werden, da sowohl Anstarren als auch Fragen stellen nicht ausschließlich dann passieren, wenn wir gerade Lust dazu haben jemanden aufzuklären, sondern dann, wenn einer anderen Person der Sinn danach steht.
    Am aller anstrengendsten und einschränkendsten empfinden wir allerdings das Gefühl, ständig wachsam zu sein, wenn wir uns in der Öffentlichkeit als Paar zu erkennen geben. Ständig müssen wir das Umfeld auf potentielle gefahren ’scannen‘, um notfalls loszulassen und damit einem möglichen Angriff zu entgehen. Auch wenn wir ganz selten das Gefühl haben, uns besser nicht an der Hand zu halten, ist das ständige Aufmerksam-Sein und Beobachten doch eine Belastung.
    Und gerade wegen dieser Gefühle, möchten wir uns in der Öffentlichkeit genauso verhalten wie heterosexuelle Paare, uns genießen und damit hoffentlich die Gesellschaft einen winzigen Schritt weiter bringen.

    (Ich habe übrigens kürzlich zu diesem Themenbereich einen Artikel auf meinem Blog verfasst: Warum wir darüber reden und ist das nicht Privatsache? – http://wp.me/p6seze-I)

  3. Wir sind da wohl ziemlich … mutig? Obwohl ich mich so eigentlich garnicht fühle. Wir halten Händchen, wann uns danach ist (bei der Hitze momentan viel zu selten ;) Aber sonst eigentlich so gut wie immer, außer, das Töchterchen braucht gerade irgendwas :D ).

    Wir machen uns auch garkeine Gedanken, wie das möglicherweise auf andere wirken könnte oder ob wir damit andere vor den Kopf stoßen könnten. Ich finde es z. B. auch nicht so lecker, wenn sich ein Paar in der Öffentlichkeit halb auszieht und knutschend übereinander herfällt, aber ich schau dann halt einfach weg. Muss ja jeder selbst wissen. Das erwarte ich aber im Gegenzug von allen Mitbürgern ebenfalls: Wenn es jemandem nicht passt, dass wir in der Öffentlichkeit Händchenhalten oder uns mal einen Kuss geben, soll er oder sie halt wegsehen. Ich küss durchaus mal den Bauch meiner Frau (sie ist schwanger und unser 2. Kind kommt in wenigen Wochen :) ), wir kuscheln auch und ich denke, wenn man nicht gerade völlig mit Scheuklappen durch die Gegend läuft, erkennt man uns durchaus sehr eindeutig als Paar/Familie. Trotz allem gab es, seitdem unsere Tochter auf der Welt ist (Juni 2014) keine einzige Situation, in der uns jemand blöd gekommen wäre. Kein doofer Kommentar und kein blöder Blick (sofern ich mich erinnere).

    Negative Erfahrungen haben wir wirklich ganz selten gemacht. Klar, als wir noch in Berlin gewohnt haben, gab es schonmal einen dämlichen Spruch von nem Jugendlichen, aber wir haben uns nie gefühlt, als würden wir irgendwie Gefahr laufen, körperlich angegangen zu werden, selbst mitten in der Nacht rund um den Nollendorfplatz nicht, wo wohl alle außer uns hochgradig betrunken waren. Und wir sind beide unter 1.70 m :) Also, wenn man es so will, perfekte „Opfer“, weil wir wohl nicht den Eindruck machen, als könnten wir uns großartig körperlichen Angriffen zur Wehr setzen.

    Ich finde es ehrlich gesagt total schade, dass viele Paare ihre Liebe in der Öffentlichkeit nicht zeigen. Wie soll sich da was ändern? Wie soll es so jemals zum normalen Stadtbild werden? Ich fand es immer total süß, wenn andere Frauen- oder Männerpaare ebenfalls händchenhaltend rumgelaufen sind.

  4. Meine Beobachtungen beziehen sich auf Hamburg:
    Dort sieht man in der Tat ab und zu schwule Paare, die händchenhaltend durch die Stadt flanieren. Und natürlich sieht man auch heterosexuelle Paare die das tun.
    Wenn man genauer hinschaut, sind es – beiderseits – meist junge Pärchen, die das machen. Bei älteren Paaren beiderlei sexueller Ausrichtung nimmt das ab. Geh doch mal mit offenen Augen durch die Stadt: Du wirst sehen, dass die Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit abnehmen je älter die Paare sind.
    Junge Paare wollen mit den Zärtlichkeiten kundtun, wie verliebt sie sind, was ich durchaus begrüße. Mein Mann und ich haben das auch gemacht, aber im Lauf der 18 Jahre, während der wir zusammensind, wurde das immer weniger – was nicht heisst, dass wir weniger verliebt ineinander sind. Das hat nichts damit zu tun, dass wir Angst haben, andere Menschen zu provozieren. Es schleicht sich in den Jahren halt eine gewisse Normalität ein.
    Und doch – es passiert schon, dass wir ab und zu wenn wir unterwegs sind kleine Zärtlichkeiten austauschen. Einfach nur so, weil einem von uns gerade danach ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s