Nach dem Coming-Out: Der lange Weg zu mir selbst

Quelle: Pinterst

Quelle: Pinterst

Das Coming-Out ist für Homosexuelle einer der wichtigsten Schritte in ihrem Leben. Es gibt in meinen Augen zwei Coming-Outs, die man erlebt: Das Outing vor sich selbst und das Outing vor seinem Umfeld (Mehr dazu hier). Bis es dahin kommen kann ist es aber ein weiter Weg. Wie weit, hängt von den Umständen ab, in denen Lesben, Schwule und Transgender leben.

Doch auch über das Outing hinaus ist es ein noch ein weiter Weg zu sich selbst. Denn das Coming-out markiert nur den Zeitpunkt, an dem wir uns entscheiden wir selbst zu sein. Ich kann das aus eigener Erfahrung berichten. Vor meinem Outing war ich sehr darauf bedacht, nicht als schwul aufzufallen. Das fing mit den Sachen an, die ich gut fand – die Musik, die Filme und die Klamotten – und zeigte sich sogar in der Art wie ich mich bewegt habe und welche Ansichten ich vertreten habe.

Ungeoutete Lesben und Schwule leben in einer ständigen Maskerade und haben Angst aufzufliegen. Sie verstecken sich und verleugnen teilweise ihr eigene Persönlichkeit, weil sie Angst haben sich als schwul oder lesbisch zu verraten.

Doch wenn wir uns entscheiden, diese Maske abzulegen, beginnt ein Prozess, der uns hilft zu uns selbst zu finden. Bei mir wurden damals schnell die Klamotten enger, meine Liebe zu Mariah und Whitney öffentlicher und mein Verhalten ist auch weiblicher geworden (wer das schlimm findet liest bitte mal meinen Artikel zum Thema „heterolike“). Ich habe gerade von einigen Bekannten, die mich von früher kannten häufiger den impliziten Vorwurf gehört, ich wäre so richtig „schwul“ geworden. Es gab auch einige Menschen, die sicher das Gefühl hatten, ich wollte meine Homosexualität dadurch zur Schau stellen und müsste jedem Menschen aufdrücken, dass ich jetzt ja schwul sei.

Gemessen an meinem Verhalten vor meinem Outing mag es zwar stimmen, dass ich mich verändert habe. Doch der Schluss, dass dies Show sei, ist völlig falsch. Denn der verklemmte Junge, der sich über jeden Satz, den er sagte, jede Bewegung, die zu feminin erschien, riesige Gedanken machte, spielte eine Rolle. Seit meinem Outing war ich echter denn je. Denn an jenem Tag, an dem die meisten Menschen aus meinem Umfeld wussten, dass ich schwul bin, musste ich mir darüber keine Gedanken mehr machen. Ich konnte sagen, dass ich einen Mann attraktiv fand, dass ich lieber Bodyguard als Rocky schaute und dass Unterhosen bitte eng anliegen sollten und nicht an den Beinen herumflattern.

Von den meisten Freunden, die ich schon lange kenne, höre ich auch immer wieder, dass sie es schon lange ahnten, dass ich schwul sei, auch wenn ich eine Rolle spielte. Daher ist es für manche sicher auch schwer nachzuvollziehen, wenn ich sage, dass ich damals eine Rolle gespielt habe. Wir sind aber unterschiedlich gute Schauspieler und die Rolle eines Heterosexuellen können wir nicht dauerhaft spielen, auch wenn wir es so unbedingt möchten. So bin ich auch damals öfters aus dieser Rolle gefallen und habe einen Blick auf mein wahres Ich gewährt. Doch war das bei mir immer mit Stress verbunden, da ich Angst hatte, mich damit verraten zu können.

Ich sehe diesen Blog auch als eine Plattform, um bei heterosexuellen Menschen um Verständnis und Toleranz für Homosexuelle zu werben. Ich möchte mit diesem Artikel sensibilisieren, welchen inneren Prozess Lesben und Schwule nach ihrem Outing durchlaufen. Ich möchte, dass Menschen verstehen, warum sich Lesben und Schwule nach ihrem Outing scheinbar so stark verändern und warum ihre „homosexuellen“ Eigenschaften stärker zum Vorschein kommen.

Jetzt bin ich aber auf eure Erfahrungen gespannt. Wie habt ihr die Zeit nach eurem Outing erlebt? Und vielleicht mag auch ein heterosexueller Leser berichten, wie er seinen Freund oder seine Freundin nach dem Coming-Out wahrgenommen hat.

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4 Kommentare zu “Nach dem Coming-Out: Der lange Weg zu mir selbst

  1. Das Outing vor sich selbst – also das Eingestehen, nein, das Anerkennen gegenüber sich selbst, dass man schwul ist – ist die Voraussetzung für das Outing gegenüber seinem Umfeld bzw. für das selbstbewusste (nicht zwangsläufig plakativ) schwule Auftreten in der Öffentlichkeit. Bei mir dauerte dieser Selbstfindungsprozess fast zwei Jahre und vollzog sich mit Anfang 20 (was heute wiederum gut 20 Jahre her ist). Für mich war es wie eine Befreiung, und ich bin damals sicher auch authentischer geworden. Dass ich vor dem Coming-out eine Rolle gespielt hätte, empfinde ich (zumindest im Rückblick) nicht so, aber seitdem lebe ich so offen schwul, wie ich mich fühle – sagen wir „natürlich schwul“. Das geht manchmal auch mit einer gewissen Exaltiertheit einher, und ich bin im Habitus sicher nicht betont maskulin, ich mag auch selbst eher den androgynen, femininen Typ Mann, aber ich erlebe immer wieder, dass Menschen, die mich neu kennenlernen, durchaus erstaunt sind, wenn sie erfahren, dass ich schwul bin. Das zeigt für mich, dass ich dann doch kein Stereotyp bin und in einem heterosexuellen Umfeld nicht sofort als schwul auffalle (was auch immer das bedeuten würde) – doch Schwule erkennen mich zweifellos schnell als ihresgleichen, und in einem rein schwulen Umfeld gebe ich mich (zumal, wenn Alkohol im Spiel ist) durchaus auch „schriller“ als in einer, um es mal so zu nennen, gemischten Öffentlichkeit; unter Alkoholeinfluss kommt meine erkennbar schwule Seite aber meist sehr deutlich heraus. ;-) Ich bin jedenfalls sehr glücklich mit dieser Entwicklung und fühle mich wohl als offen Schwuler – und ich bin sehr dankbar, dass wir das in unserem Kulturkreis sein können und dürfen.

  2. Hallo,
    ich stehe auch mitten in diesem Schritt, ich habe mich bei ein paar freunden geortet, doch meine Eltern würden mich rauswerfen….

    Ich habe den Artikel gelesen und fand ihn auch sehr gut gemacht, doch mir fehlen die Details wie man es schwulenfeindlichen verwandten am besten klar macht dass man teil der Gruppe ist über die sie lästern und die sie schlecht finden.

    Ich würde mich über Antwort freuen

    • Das ist eine wirklich schwierige Frage und ich will dir da auch keinen pauschalen Rat geben ohne deine Situation zu kennen. Wenn deine Eltern dich aber rauswerfen würden, dann würde ich es nicht unbedingt wagen, mich zu outen. Manchmal hilft eine Therapie (für die Eltern), bei der man über Ängste und Gründe für die Ablehnung sprechen kann. Für dich wäre es aber auch sinnvoll, wenn du zu einer Familienberatung oder in ein Schwulenzentrum gehst und dich dort beraten lässt. In jedem Fall drücke ich dir die Daumen und hoffe, dass sich für dich alles zum Guten fügt.

  3. Danke für deinen interessanten Beitrag. Ich stecke immer noch in der Coming out-Phase, denn finde Männer und Frauen süss, aber der Sex mit Männer reizt mich schon mehr. Auch kann ich meine intimsten Wünsche gegenüber ihnen besser äussern. Wenn ich auf der Strasse ein männliches Päärchen sehe oder auch einfach einen gutaussehenden Mann, werde ich gleich erregt. Vielleicht ist es halt einfach eine schon lange anhaltende Phase. Bis jetzt habe ich mich nur bei guten Freundin geoutet und die hat es gut akzeptiert. Somit muss ichs halt zuerst herausfinden, was ich wirklich will.

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