Der Shitstorm davor: Die ARD Themenwoche über Toleranz

Plakate der ARD Themenwoche über Toleranz

Plakate der ARD Themenwoche über Toleranz

Ich war jetzt länger etwas inaktiv, aber manchmal ist der berufliche und private Stress zu hoch und ich muss mal hier eine Pause machen. Doch die anstehende ARD Themenwoche über Toleranz ist ein idealer Aufhänger, um mal wieder etwas zu veröffentlichen.

Ich kann mir diese Themenwoche und vor allem deren Dramaturgie nur damit erklären, dass die ARD eine solche Diskussion vom Zaun treten wollte. Die ARD wirbt nämlich mit sehr provokanten Plakaten, auf denen ein homosexuelles Paar gezeigt wird mit der Aufschrift „Normal oder nicht normal?“. Daneben werden noch andere „Randgruppen“ bzw. Menschen gezeigt, die auf die Toleranz der Gesamtgesellschaft angewiesen sind. Das schwule Online-Magazin queer.de empört sich vor allem über die Denkweise, die hinter der Themenwoche zu stecken scheint: „Wie viel Toleranz will die Mehrheit der Gesellschaft Minderheiten gewähren“.

Ich finde es falsch, die Themenwoche auf genau diese Aussage zu verkürzen, auch wenn am Samstag der Hessische Rundfunk Matthias Matussek zum Talk mit dem Thema „Was müssen wir uns gefallen lassen – was nicht? Der Tanz um die Toleranz“ einlädt. Matussek ist vor einiger Zeit mit provozierenden homophoben Äußerungen aufgefallen. Ich habe dazu auch einige Male geschrieben und auch gefordert, dass solche Meinungen keinen Platz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen haben. Zu dieser Meinung stehe ich auch heute noch, denn Matussek und Konsorten degradieren Schwule und Lesben zu Menschen zweiter Klasse. Genau die gleiche Logik benutzen auch Rechtspopulisten/radikale, wenn sie über Ausländer (oder eben auch Homosexuelle) sprechen. Solche ein Gedankengut wird zurecht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht gezeigt. Wieso dann diese Homophoben?

Nichtsdestotrotz ist die Themenwoche nicht alleine auf diese Talkshow zu verkürzen. Auch die Werbeplakate sehe ich als wenig kritisch an, auch wenn sie provokant formuliert sind. Letztlich werfen sie nur die Fragen auf, die in der Gesellschaft immer noch diskutiert werden. Daher ist die Frage, ob Homosexuelle normal oder nicht normal seien, schon recht treffend. Denn in vielen Köpfen ist der Gedanke noch immer verhaftet. Die Plakate sind gerade deswegen aufmerksamkeitsstark, weil sie diese empörenden Thesen äußern. Sie lassen aber keine Rückschlüsse auf die Meinung der ARD zu diesem Thema zu oder implizieren, dass die ARD die Normalität von Homosexuellen prinzipiell in Frage stellt.

In der Argumentation finde ich zudem den Artikel von queer.de in einem Punkt gefährlich. Denn relativ am Ende wird eine interessante Feststellung getroffen, die ich so nicht stehen lassen möchte:

„Lustigerweise ist es die ARD, der man den Vorwurf der Gleichgültigkeit machen muss: Sie stellt in der Themenwoche diskriminierte Bevölkerungsgruppen, die ohne ihr eigenes Zutun ‚anders‘ sind, in eine Reihe mit Charakteren, die ‚anders‘ sein wollen, und sei das noch so beliebig. So versteckt sich hinter dem SWR-Talk ‚Nachtcafé‘ mit dem Titel ‚Krass, grell, schrill – anders als die Anderen‘ kein weiterer homophober Knaller, sondern eine Sendung über Menschen mit Piercings.“

Damit könnte der Eindruck erweckt werden, dass Homosexuelle die bessere oder unschuldigere Minderheit wären. Ich finde es falsch Toleranz danach zu bewerten, ob man sich für eine Eigenschaft entschieden hat oder nicht. Auch Muslime in Deutschland oder Christen in arabischen Ländern haben sich für ihren Glauben entschieden und verdienen die gleiche Toleranz und Akzeptanz wie Homosexuelle, die mit dieser Eigenschaft geboren wurden.

Ich würde allen Empörten erstmal raten, die Themenwoche abzuwarten, bevor mit vollen Kanonen auf mögliche Beleidigungen geschossen wird. Letztlich stellt diese Themenwoche für mich die richtigen Fragen: Was muss eine Gesellschaft aushalten und was muss der einzelne aushalten, um in dieser Gesellschaft seinen Platz zu finden?

Toleranz ist nicht bedingungslos und auch wenn es für die Autoren von queer.de gönnerhaft klingt, Toleranz wird immer gewährt. Toleranz hängt gerade vom Selbstverständnis und dem Horizont der Beteiligten ab. Daher sollte diese Themenwoche danach fragen, wie weit ist diese Gesellschaft, dass sie tolerant mit der Andersartigkeit umgehen kann?

Ich werde diese Themenwoche jedenfalls gespannt verfolgen und mich an der einen oder anderen Stelle äußern. Welche Erwartungen habt ihr? Teilt ihr die Meinung von queer.de oder seht ihr das entspannt?

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3 Kommentare zu “Der Shitstorm davor: Die ARD Themenwoche über Toleranz

  1. Das frustrierende an diesem Einstieg in das Thema ist doch, schon wieder das Gefühl zu haben, „von vorne“ anzufangen. Immer und immer wieder wird die Frage gestellt, ob Homosexualität „normal“ sei, anstelle endlich mal den Begriff der „Normalität“ selbst in Frage zu stellen und die Frage zu stellen, warum es denn erstrebenswert, wichtig oder überhaupt relevant sein soll, „normal“ zu sein. Und was soll das eigentlich sein, dieses „Normal“?

    Der Begriff wird stattdessen völlig unreflektiert einfach verwendet und die Unterscheidung zwischen „normal“ und „nicht normal“ damit bereits als legitim angenommen, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verwenden.

    Von daher kann ich die bisherigen Reaktion gut nachvollziehen.

  2. Vermutlich hast du recht, dass man nicht die gesamte Reihe schon im Vorfeld verdammen sollte. Da sind wohl einige gute Beiträge dabei. Die Kritik an der Plakatkampagne und an der Matussek-Einladung finde ich aber vollkommen berechtigt. Beides ist einfach nur empörend.

    Hier erkläre ich genauer, warum und zeige, wie ICH mir die Plakataktion vorgestellt hätte: :-)

    http://derzaunfink.wordpress.com/2014/11/12/diskriminierte-als-zumutung-die-toleranzwoche-in-der-ard/

  3. Pingback: Woche der Intoleranz? | marquark

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