Schwule Hymnen (II): I am what I am

“ I am what I am” in der Interpretation von Gloria Gaynor ist eines meiner absoluten Lieblingslieder. Vor allem aber wegen seines Textes darf das Lied in keinem Fall in der Liste der größten Schwulen-Hymnen aller Zeiten (Superlative sind seit RTL erprobt und werten jede Liste auf). Denn es handelt davon, dass man nur glücklich leben kann, wenn man zu sich selbst steht und sich nicht für sich selbst schämt und versteckt. Daher wurde dieses Lied aus dem Travestie-Musical „Ein Käfig voller Narren“ zu eine der großen Hymnen der damaligen Christopher Street Days-Paraden. Im gleichen Jahr veröffentlichte Gloria Gaynor eine Disco-Version dieses Liedes, die ebenfalls zu einem großen Erfolg für die Sängerin wurde und gleichzeitig der Versuch war, das schwierige Verhältnis mit ihrem schwulen Publikum zu kitten.

Doch warum hatte ausgerechnet die Disco-Queen der 70er Jahre ein schwieriges Verhältnis zu ihren schwulen Fans? Gloria Gaynor gilt für Schwule als eine der prägensten Sängerinnen dieses Jahrzehnts. Mit mehreren Hits (vor allem „I will survive“) schaffte es die Sängerin einen absoluten Kultstatus innerhalb der Disco-Bewegung und wurde zugleich eine der schwulen Ikonen ihrer Zeit.

Doch ihr Verhältnis zur schwulen Community war nicht so einfach, wie es scheinen mag. In den 80er Jahren als die Disco-Welle abflachte war und ihr Stern langsam verblasste, wandte sich Gaynor dem Christentum zu. Das Christentum der 80er Jahre, vor allem in den USA, lehnte Homosexualität als Sünde ab. Die Hinwendung zu einem ablehnenden Glauben verstanden viele Schwule als Verrat. Immer wieder musste sich Gaynor dem Vorwurf stellen, homophob zu sein. Diesen Ruf ist die Disco-Sängerin auch seitdem nicht mehr ganz losgeworden. 2001 soll sie in einem Interview erklärt haben, dass sie ihren Kultstatus bei Schwulen dazu nutzen wolle, um dieses zu Gott zu führen. Dieser Satz kam bei ihrem schwulen Publikum weniger gut an, da er so interpretiert wurde, dass sie Homosexualität als Sünde ansehe. Auch wenn Gaynor 1997 bereits klar stellte, dass es für sie kein Problem darstelle, dass die meisten ihrer Fans homosexuell seien, stellte ihre Zuwendung zum Christentum einen kleinen Bruch mit ihren homosexuellen Fans dar.

Wie wichtig der Disco-Sängerin ihr schwules Publikum aber war, wollte sie vor allem mit der Songwahl zeigen. Das Lied„ I am what I am“ aus dem Travestie-Musical „Ein Käfig voller Narren“ veröffentlichte die Sängerin 1983 kurz nach ihrer Hinwendung zum Christentum. Das Lied ist sozusagen Gaynors Statement für die Lesben- und Schwulenbewegung. Auch wenn die Gerüchte über eine angebliche homophobe Einstellung niemals abgeklungen sind, gilt die Wahl dieses Titels eine Versöhnung mit Gaynors schwulen Fans.

 

Die größten Schwulen-Hymnen aller Zeiten

Quelle: Facebook

Quelle: Facebook

Es gibt sie. Die Lieder, die auf keiner schwulen Party fehlen dürfen. Einige sind Klassiker, die seit Jahrzehnten in jeder Gay-Bar weltweit gespielt werden. Ander sind  brandaktuell. Doch alle haben etwas gemeinsam. Sie sprechen Schwule und Lesben auf eine ganz besondere Weise an. Geprägt sind die meisten Hymnen, der schwul-lesbischen Bewegungen durch die Zeit und die gesellschaftlichen Umstände, in denen sie entstanden sind. Aber auch vor allem durch das Gefühl nach Emanzipation und die Sehnsucht nach Akzeptanz, die sie transportieren. Daher unterscheiden sich die meisten Schwulen-Hymnen auch in der Deutlichkeit, wie sie das Thema Homosexualität in der Gesellschaft angehen. Noch bis in die 60er Jahre hineinar Homosexualität in den meisten westlichen Ländern eine Straftat. Schwules Leben war praktisch nur im Untergrund möglich und ständig mussten sich Homosexuelle vor staatlichen Übergriffen fürchten. In den 80ern und 90er Jahren brachte das Thema HIV und Aids, Homosexualität in einen völlig anderen Kontext. Bis zum heutigen Tage hat sich viel an der gesellschaftlichen Stellung von Schwulen und Lesben getan. Alle Phasen und Epochen haben ihre Lieder hervorgebracht. Alle Songs, ob Disco-Hit oder Pop-Ballade, haben gemeinsam, dass sie eine Botschaft transportieren, die die Seele der Lesben- und Schwulenbewegung der damaligen Zeit getroffen und berührt haben. Natürlich kann man über die Auswahl und den Geschmack streiten, aber in den folgenden Artikeln geht es um die größten Schwulen-Hymnen der letzten Jahrzehnte. Alle haben ihre ganz besondere Bedeutung für die schwule Emanzipation. Bei einigen war diese Bedeutung nicht unbedingt intendiert:

  1. Judy Garland – Somewhere over the Rainbow
  2. Gloria Gaynor – I am what I am
  3. Village People – Y.M.C.A
  4. Madonna – „Express Yourself
  5. Diana Ross – I’m Coming out
  6. Weather Girls – It’s raining men
  7. Queen – I want to break free
  8. Kylie Minogue – Your Disco needs you
  9. Lady Gaga – Born this way
  10. Conchita Wurst – Rise like a Phoenix