Roller wirbt mit schlechten Schwuchtel-Klischees

Foto aus dem Werbespot (Quelle: Roller.de)

Foto aus dem Werbespot (Quelle: Roller.de)

Vor kurzem habe ich die tolle Werbung des Zwieback-Herstellers Brandt gelobt, der in seiner neuen Werbekampagne das Thema Fürsorge neu interpretiert und dafür auch ein schwules Paar als Protagonisten eines seiner Werbespots erwählt hat. Leider ist diese Form der schwulen Darstellen nicht die Regel, sondern eher die Ausnahmen. Denn dass wir im Jahre 2014 aber noch immer gegen billigen Schwuchtel- und „Bück dich“-Witzen à la Traumschiff Surprise kämpfen müssen, beweist die neue Werbekampagne des Billigmöbelhauses Roller. In einem seiner neuen Werbespots zeigt das Möbelhaus ein schwules Pärchen auf der Suche nach einem Boxspringbett. Den Werbespot kann man sich hier anschauen. Dabei sind beide klischeehafter dargestellt als man sich das vorstellen kann, wie das schwule Online-Portal Queer.de darüber schreibt.

Ist das ein Skandal oder wird hier viel Wirbel um nichts gemacht?

Erst mal möchte ich vorausschicken, dass ich diesen Humor nicht teile. Außerdem halte ich die Darstellung von Schwulen in diesem Spot für peinlich und falsch. Trotzdem ist der Spot kein großer Schaden und verdient wahrscheinlich nicht die Aufmerksamkeit, die um ihn gemacht wird. Schaut man sich die anderen Spots der Reihe an, so kommt man schnell zu dem Schluss, dass es das Ziel des Möbelhauses (oder der Kreativagentur) war, mit billigen Klischees Lacher abzustauben. Das funktioniert bei Mario Barth auch seit Jahren sehr erfolgreich – für ein bestimmtes Publikum jedenfalls. Besonders bemerkenswert ist, dass das „tuckige“ Pärchen in eine Reihe mit Fastfood-Junkies und einem Zuhälterpärchen gestellt wird. Das zeigt für mich auch, welche Zielgruppe die Werbemacher von Roller im Kopf hatten. Ich fühle mich dadurch jedenfalls nicht parodiert oder gar angesprochen.

Für mich kommen die Spots nicht über ein solides Stammtischniveau hinaus. Ich glaube aber nicht, dass dadurch ein falsches Bild von schwulen vermittelt wird. Die meisten Zuschauen werden das schon differenzieren können und diejenigen, die das witzig und zutreffend finden, würden sich von einer differenzierten Darstellung von Homosexualität sowieso nicht angesprochen fühlen. Es ist trotzdem wichtig zu sagen: Nein, Schwule sind keinesfalls so wie in diese Spot. Homosexuelle haben sehr wohl Humor, auch wenn die Empörung eine andere Sprache spricht. Die Frage ist nur, wie stellt man schwules Leben witzig dar?

Ich finde es sogar wichtig, dass Schwule und Lesben parodiert werden. Denn das zeigt auch, dass wir zu dieser Gesellschaft dazu gehören. Aber wenn man sich darüber lustig macht, dann bitte richtig. Eine Parodie ist eine schmale Gratwanderung am Rande der Geschmacklosigkeit, aber diese Darstellung ist einfach nicht zutreffend und beleidigend. Diese Darstellung fördert (wenn überhaupt) die Vorurteile, die viele Menschen noch über Schwule im Kopf haben. Es gibt viele Darstellungen und Parodien von Schwulen, die extrem gut sind und zudem witzig. Die wohl beste deutsche Parodie auf schwules Leben und schwulen Lifestyle stammt von Hape Kerkeling. Man sollte das Video bis ganz zum Schluss anschauen. Auch die US-Serie Will & Grace, über die ich bereits geschrieben habe, ist ein Beispiel für eine gute Parodie auf das schwule Leben. Doch warum sind Will & Grace im Gegensatz zu Bullys Bück-dich-Witz-Klamauk oder die Roller-Tucken lustig und nicht beleidigend? Ganz einfach: Die Darstellung bei Will & Grace  trifft schwules Leben schon ganz gut. Auch wenn die Figur Jack weiblich, sprunghaft, orientierungslos und oberflächlich ist, repräsentiert er nur ein Extrem der schwulen Welt. Das wird offensichtlich, wenn man die anderen Schwulen Charaktere in der Serie betrachtet. Denn ihm wird der geerdete, erfolgreiche Anwalt Will gegenübergesetzt.

Letztlich ärgere ich mich wahrscheinlich vergebens, denn wie ich schon festgestellt habe, ist die Zielgruppe dieses Spots eine ganz andere. Ich würde mir dennoch wünschen, dass Kommunikationsverantwortliche etwas mehr Fingerspitzengefühl an den Tag legen, was solche Themen betrifft, Diese Werbung jedenfalls ist für mich ein weiterer Grund niemals bei Roller einzukaufen.

Was haltet ihr von diesem Spot? Findet ihr ihn witzig und zutreffend und sollten wir uns darüber überhaupt aufregen? Ich freue mich auf euer Feedback.

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3 Kommentare zu “Roller wirbt mit schlechten Schwuchtel-Klischees

  1. Wenn einem halt keine neuen oder spritzigen Ideen einfallen, dann nimmt man halt Klischees. Ist einfach, funktioniert … und ist auch gleich wieder vergessen.

  2. Ich bin jetzt zu faul, das genauer nachzugoogeln, aber irgendwann vor einigen Jahrzehnten hatte mal eine US-Aktivist_innengruppe als Leitfaden für die Filmindustrie (u.a.) eine einfache Grundregel aufgestellt: „Homosexualität ist nicht lustig.“

    Ich verstehe das so, dass man durchaus sehr gute Witze MIT Schwulen oder Lesben inszenieren kann, die irgendwas witziges und von mir aus auch vermeintlich ‚arttypisches‘ tun. Wenn aber die gesamte Pointe allein darin besteht, DASS jemand homosexuell ist, dann ist es nur für diejenigen witzig, die ihre Anspannung darüber weglachen müssen, dass das Tabu der Nicht-Heterosexualität durchbrochen wurde. Für alle, die über dieses Tabu hinweg sind, ist es nur peinlich und oft ärgerlich.

    Im hier gezeigten Werbespot besteht der Witz nicht in dem, was die beiden Tunten tun, sondern allein darin, dass sie Tunten SIND. Vermutlich ist das nicht bösartig diskriminierend, aber es ist zumindest gedankenlos und dumm.

  3. Ich finde die Rollerwerbung manchmal kaotisch aber ich denke es gibt doch schlimmeres auf der Welt 🌍 als sich über einen Werbespot aufzuregen.

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