Lasst uns über’s Cruising sprechen!

Ein Mann auf dem berüchtigten meat rack („Fleischregal“) zwischen Fire Island Pines und Cherry Grove, einem Abschnitt mit Dünen und Kiefern und vielen Pfaden auf Fire Island, USA (c) by David Shankbone Quelle: Wikipedia.de

Ein Mann auf dem berüchtigten meat rack („Fleischregal“) zwischen Fire Island Pines und Cherry Grove, einem Abschnitt mit Dünen und Kiefern und vielen Pfaden auf Fire Island, USA (c) by David Shankbone Quelle: Wikipedia.de

Über Cruising zu schreiben fällt schwer, ohne als totaler Moralapostel dazustehen. Ich will es trotzdem versuchen und euch meine Gedanken dazu erklären. Was treibt einige schwule Männer dazu, sich zu für spontanen, anonymen Sex an (halb-)öffentlichen Plätzen zu treffen oder spezielle dafür vorgesehene Lokalitäten aufzusuchen?

Crusing ist in Teilen der schwulen Community verbreitet und in weite Teilen auch toleriert. Ich verstehe meinen Blog zu einem Teil auch als Aufklärungsmedium für Heterosexuelle, die nicht verstehen, warum einige Schwule das machen. Doch nicht nur bei Heterosexuellen stößt Cruising auf Unverständnis. Die Suche nach schnellem Sex gehört mit Sicherheit zu den kontroversesten Aspekten des schwulen Lebens. Mir geht es besonders um das Unverständnis gegenüber spontanem Sex an öffentlichen Plätzen. Was Menschen im Privaten oder an dafür vorgesehenen öffentlichen Orten machen, geht niemanden etwas an, sofern es legal ist und niemand dabei zu Schaden kommt.

Die Frage, was die meisten Menschen an öffentlichem Sex stört ist recht einfach zu beantworten. Ich glaube, dass die Wenigsten Zeuge von sexuellen Handlugen an Orten werden möchten, die eigentlich einen anderen Zweck erfüllen. Sex in der Öffentlichkeit haben auch schon vielen heterosexuelle Menschen gehabt (alleine wenn man das Oktoberfest mal besucht hat oder den Karneval in Köln), problematisch wird es allerdings, wenn es zu einem ständigen Massenphänomen wird.

Doch woher kommt Cruising?

Cruising stammt noch aus einer Zeit, in der Homosexualität unter Strafe Stand, beziehungsweise gesellschaftlich geächtet wurde. In dieser Zeit (die noch gar nicht so langer zurückliegt) konnten Schwule ihre Sexualität nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Die meisten versteckten sich damit und suchten nach Wegen geheim ihre Sexualität auszuleben. Man traf sich in bestimmten Bars, um dort Gleichgesinnte zu treffen. Doch auch diese Bars wurden irgendwann von den Behörden als Schwulenbars identifiziert und daher öfters von Razzien heimgesucht. Zudem führten viele Schwule ein Doppelleben mit Frau und Kind und wollten nicht an Orten angetroffen werden, die als schwul galten. Daher mussten sie andere Wege finden, ihre Bedürfnisse auszuleben. Daher bildeten sich inoffizielle Orte, an denen sich Schwule zu spontanem, anonymen Sex trafen, um danach schnell wieder in ihr gutbürgerliches Leben zu flüchten. Was mir in Zeiten ohne Internet vollkommen unbegreiflich ist, war es wohl recht eindeutig, um welche Orte es sich dabei handelt.

Cruising ist also ein Phänomen, das aus der Untergrundkultur schwulen Lebens entstanden ist. Doch die Zeiten in vielen westlichen Ländern haben sich glücklicherweise geändert und schwules Leben ist in der Regel öffentlich möglich. In ländlichen Gebieten oder in Familien mit einem stark religiösen Hintergrund ist Homosexualität zwar immer noch verpönt, doch längst gibt es Wege ein schwules Leben abseits von Büschen und Parkplätzen zu führen. Einige Schwule, die in solchen Umfeldern leben, flüchten entweder weit weg in die große Stadt oder versuchen ihre sexuelle Orientierung im Verborgenen stattfinden zu lassen. Damit erklärt sich für mich zu einem steil immer noch warum es Cruising gibt.

Warum cruisen Schwule heute immer noch?

Cruising wird nicht mehr alleine durch gesellschaftliche Diskriminierung bedingt, sondern auch durch den Trieb nach schnellem Sex. Das ist nicht verwerflich, sondern menschlich. Die Frage besteht nur, wo man dieses Bedürfnis ausleben sollte.

Denn es besteht für mich ein Unterschied darin, ob sich Männer hierfür in speziellen Bars und Saunen treffen (was längst toleriert ist) sowie sich privat im Internet zu einem Date verabreden oder öffentliche Plätze zweckentfremden. Das betrifft nämlich auch andere Menschen, die an einem Badesee, in einer öffentlichen Klokabine oder einem Parkplatz nicht mit sexuellen Handlungen konfrontiert werden wollen.

Versteht mich an dieser Stelle nicht falsch, ich sehe Sexualität sehr entspannt und verurteile keinen, der gerne schnellen Sex sucht. Die Frage ist nur, wo er diesen sucht. Ein Grund, warum viele Menschen vor allem männliche Homosexualität negativ wahrnehmen ist durch das Bild des triebgesteuerten Schwulen bedingt, der überall Sex hat. Betrachtet man Cruising als Massenphänomen trifft man nämlich einen nicht ganz unwesentlichen Brocken Wahrheit. Wir verlangen gesellschaftliche Toleranz und die Gesellschaft ist in weiten Teilen auch bereit, uns diese zu geben. Daneben hat das Internet vieles erleichtert. In Deutschland muss niemand mehr zwischen Klokabinen oder Büschen umherstreichen, um das zu finden, was er sucht.

Ich hoffe damit Heterosexuelle dafür sensibilisiert zu haben, warum einige Schwule cruisen. Trotzdem möchte ich appellieren, Sex da stattfinden zu lassen, wo er hingehört. Lasst mich eure Meinung wissen.

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Ein Kommentar zu “Lasst uns über’s Cruising sprechen!

  1. Soweit ich weiß, cruisen nicht nur Schwule. Auch ein nicht unerheblicher Teil der Heteros suchen den Kick in der Öffentlichkeit mit dem (theoretischen) Risiko dabei erwischt zu werden.

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