Schwule Medien: Warum ein TV-Sender für schwule Männer nicht funktioniert

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Senderlogo des ersten TV-Sender für schwule Männer

Am 1. November startet in Deutschland der erste Sender für schwule Männer. Mit Timm ging ein Sender on Air dessen Hauptzielgruppe homosexuelle Männer und dessen Programm aus schwulen Themen bestand. Zielgruppenpotential in Deutschland bestand und besteht allemal: Schätzungsweise 3,6 Millionen schwule Männer gibt es in Deutschland. Diese Zahlen gehen aus groben statistischen Hochrechnungen hervor. Alleine die Bestimmung dieser Zahl könnte ganze wissenschaftliche Abhandlungen füllen. Daher will ich es bei grob 3,6 Millionen belassen. Denn das sind eben auch 3,6 Millionen potenzielle Zuschaue.

Doch nicht nur homosexuelle Männer wurden anvisiert, sondern auch deren Umfeld: die beste Freundin, Eltern schwuler Kinder, den heterosexuellen Freundeskreis. Zudem ist die Zielgruppe – der schwule Mann – eine interessante, da sehr solvente Zielgruppe. Die Vorzeichen standen nicht schlecht, dass der neue Spartenkanal Timm Erfolg haben sollte. Nach eigene Angaben erreichte der Sender auch ca. 600.000 Menschen in der Woche. Trotzdem stellte die Deutsche Fernsehwerke GmbH am 21. Januar 2010 beim Amtsgericht Charlottenburg den Antrag auf Insolvenz. Der Sendebetrieb ist seither eingestellt, auch wenn das Ende nicht vollkommen verkündet wurde.

Doch warum funktioniert ein hochwertig produzierter TV-Kanal für schwule Themen (in Deutschland) nicht? Im Grunde kann man über die Gründe dahinter nur mutmaßen, doch letztlich stimmte die Finanzierung des Senders nicht. Es kamen einfach zu wenig Werbeeinnahme zustande. Das liegt in meinen Augen daran, dass Fernsehen ein klassisches Massenmedium ist. Es geht im TV noch stärker als im Printbereich um große Reichweiten und breite Streuung von Botschaften. Im TV sind qualitative und zielgruppespezifische Werbebuchungen schwieriger (nicht unmöglich). Daher tuen sich Marken schwer Spots in einem solch speziellen Zielgruppenumfeld zu buchen. Zumal diese Spots dann auch anders aufbereitet sein müssten, um einen tatsächlichen Effekt zu erzielen. Also Spots mit direkten Botschaften an schwule Männer und kein Einheitsbrei. Doch das wäre vom Produktionsaufwand wohl zu teuer. Eine spitze Ansprache kann dazu führen, dass nicht genügend Werbekunden (da zu kleiner Reichweite) generiert werden können. Somit führt eins zum anderen. Zu wenig Werbebudgets bedeuten geringere Produktionsbudgets für den Sender.

Auch wenn du Macher von Timm eines verstanden haben – nämlich dass schwule Männer eine explizite Ansprache durchaus schätzen, reichte dieses Potenzial eben nicht aus, um einen Sendebetrieb aufrecht zu erhalten. Zudem scheint die Zahl von potenziell 3,6 Mio. Schwulen Männern nur auf den ersten Blick groß. Längst nicht alle Schwulen wollen exklusiv durch einen Sender angesprochen werden. Es dürfte sich wohl nur um einen Teil der schwulen Community handeln, die sich durch schwule Themen erreichen lassen.

Dafür ist klassisches Fernsehen leider nicht das geeignete Medium. Gerade durch das Problem der Empfangbarkeit stellt sich für einen solchen Spartenkanal nämlich die Frage, wie erreicht man überhaupt genügend Personen der eigenen Zielgruppe? Das heißt aber nicht, dass Bewegtbild-Formate für Schwule völlig undenkbar sind. In Zeiten des Internets tun sich einfachere Verbreitungswege z.B. für ein schwules Web-TV-Format auf. Genau über dieses Thema will ich im nächsten Teil schreiben und die Frage erörtern, wie ein Bewegtbild-Format für schwule Männer Aussehen muss, dass das Potential hat zu funktionieren.

Erst einmal bin ich auf eure Meinung gespannt. Wie sieht Ihr das? Würdet ihr gerne einen schwulen TV Sender schauen? Oder haltet ihr Medien nur für Schwule für völlig überflüssig?

 

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Schwule Medien: Du & ich wird eingestellt

Überall in Deutschland stehen Printmedien vor dem Aus. Auch vermeintlich starke Marken sind davon betroffen – man denke nur an die “Frankfurter Rundschau” oder die “Mainzer Rheinzeitung”. Spartenmedien haben es da besonders schwer. Neustes Opfer ist die älteste Schwulenzeitschrift Deutschlands. ”Du & Ich“ wird heute die 493. und letzte Ausgabe veröffentlichen. Auch hier ist der Grund die sinkende Zahl an Lesern. Mit der Zeitschrift verschwindet ein Symbol der Homosexuellen Emanzipationsbewegung, die über Jahrzehnte hinweg den Kampf von Schwulen für mehr Recht und mehr Toleranz begleitet. Die erste Ausgabe wurde am 1. Oktober 1969 veröffentlicht, nur einen Monat nachdem sexuelle Handlungen zwischen Männern straffrei wurden. Doch ich möchte diesen Artikel nicht nur als Nachruf sehen, sondern auch nach den Gründen fragen, weshalb ein schwules Printmagazin nicht überleben konnte.

Ein Grund, der nicht nur für “Du & ich” gilt betrifft wohl alle Printmedien in Deutschland. Denn den Veränderungen der Medienlandschaft konnten schon ganz andere Magazine nicht trotzen. Doch warum haben es schwule Printmedien so schwer? Hochwertiger Inhalt für Lesben und Schwule lässt sich nur kaum verkaufen. Auch schwule Stadtmagazine werden in Zeiten des Internets immer überflüssiger. Ein Magazin für nur Schwule oder Lesben bietet zwar rin großes Käuferpotential, aber wohl kaum eine ausreichend große Leserschaft.

Anscheinend sind Schwule nicht bereit für schwule Themen zu bezahlen bzw. finden sich nicht genügend Anzeigenkunden, die die mangelnden Verkaufserlöse kompensieren könnte. Der Mangel an Lesern bedeutet das Aus für hochwertige Schwulenzeitschriften, das andere wirkt sich auf die publizistische Qualität von schwulen Gratismagazinen aus. Denn blickt man in viele Gratisheftchen, die in schwulen Bars ausliegen, finden sich kaum normale Werbekunden. Mir kommt es so vor als würden lediglich Pornolables und Sexshops darin inserieren. Könnte auch daran liegen, dass sich kaum redaktionell hochwertige Beiträge darin befinden. Mal ein eingekauftes Starinterview, Partybilder und kurze Artikel ohne wirklich viel Gehalt zu Themen, die das schwule Leben betreffen. In Zeiten des Internets sind diese Hefte nicht einmal die erste Anlaufstelle für Kontaktanzeigen.

Es bleibt nicht viel als den immer angeführten Satz zu wiederholen: Print ist tot. Zumindest für schwule Themen. Es mag vielleicht traurig sein, dass ein Traditionsmagazin wie “Du & ich” verschwindet, dennoch muss das nicht bedeuten, dass schwule Medien verschwinden. Eventuell reicht auch die Perspektive schwuler Medien auf die Community und schwules Leben im Allgemeinen nicht mehr aus, um genügend Leser zu binden. Brauchen wir tatsächlich ein Magazin, das uns eine Innensicht der schwulen Community gibt? Wäre es nicht sinnvoller als schwules Medium in die Diskussion um gesellschaftliche Toleranz einzusteigen? In meinen Augen sollten schwule Medien zwei Funktionen erfüllen, nämlich schwule Themen aufgreifen und gesellschaftlich relevante Themen für Schwule und Lesben deuten und auf der anderen Seite die Standpunkte der lesbisch-schwulen Community für den Rest der Gesellschaft verständlich zu machen. Homosexuelle Medien haben in meine Augen eine starke gesellschaftliche Bedeutung und wenn sie sich dieser nicht bewusst werden, können sie keine neuen Leser an sich binden.

Wie seht ihr das? Haben schwule Printmedien eine Chance? Gibt es überhaupt eine Chance für schwule Medien? Ich freue mich über eure Antworten.

In den nächsten Artikeln werde ich mich näher mit schwulen Medien beschäftigen, über unterschiedliche Gattungen und über den Sinn und Zweck.