Coming Out: Wie sage ich es meinen Eltern?

Es gibt zwei Coming-Outs im Leben von Lesben und Schwulen, die wirklich wichtig sind. Das erste Coming-out hat man vor sich selbst, das zweite vor der eigenen Familie und besonders vor den Eltern. In den meisten Fällen sind die Eltern die engsten Bezugspersonen eines jungen Menschen und auch wenn in der Pubertät oft die Lebensweise der eigenen Eltern in Frage gestellt wird und häufiger die Fetzen fliegen, liebt man seine Eltern doch auf eine besondere Weise. Die Liebe zu den Eltern ist einzigartig und so war es mir auch wichtig, dass diese Liebe nicht gefährdet wird. Ich glaube, dass insgeheim jeder junge Schwule oder jede junge Lesbe die Angst in sich trägt, dass die Vater und Mutter aufhören könnten sie zu lieben.

Daher treibt sich wohl jeder Homosexuelle mit der Frage um: Wie sag ich es meinen Eltern? Ich kann bei dieser Frage nur aus meinen persönlichen Erfahrungen schöpfen. Ich hatte das Glück in einem relativ toleranten Elternaus groß zu werden. Auch wenn ich in einer kleinen Stadt aufgewachsen bin, war auch die direkte Nachbarschaft nicht das größte Problem. Von einigen Freunden, die auf dem Dorf lebten, war vor allem die Dorfgemeinschaft das größte Problem für die Eltern.

Die Entscheidung, ob man seinen Eltern von seiner Homosexualität erzählt ist bestimmt keine leichte. Religiöse oder wertkonservative Familien machen diese Entscheidung nicht besonders einfach. Im Extremfall kann das auch das Ausschlusskriterium sein, sich vor den Eltern zu outen. Eventuell ahnen es die Eltern sowieso schon. Doch die Homosexualität auszusprechen würde Fakten schaffen, mit denen sie nicht umgehen könnten.

Eine schöne Geschichte ging vor einigen Jahren um die Welt. Ein junger Mann outet sich bei seinem Vater am Telefon, dass er schwul ist und filmt seine Reaktion. Die Reaktion des Vaters ist so, wie sich es jeder junge Homosexuelle wünscht. Doch nicht immer läuft ein Coming-Out wie aus dem Bilderbuch.

Ich glaube, dass sich jeder junge Homosexuelle die Frage nach den potenziellen Konsequenzen eines Outings stellen muss. Aber auch die Frage nach ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit. Weder für Eltern noch für Kinder ist dies eine angenehme Situation. Ich glaube, dass die meisten Kinder ihre Eltern schon recht gut einschätzen können, doch manchmal zeigen sich gerade konservative Elternteile deutlich aufgeschlossener als erwartet.

Ich habe damals meinen Eltern zwischen Tür und Angel (aus heiterem Himmel) zugerufen, dass ich schwul bin und gleichzeitig, dass ich einen Freund habe. Danach habe ich fluchtartig den Raum verlassen, weil ich die Reaktion nicht hätte ertragen können. Man könnte sagen, dass das ein suboptimales Outing war.

Dementsprechend unzufrieden war ich damals mit der Reaktion meines Vaters, obwohl er kurz darauf ganz offen das Gespräch mit mir suchte. Darin eröffnete er mir, dass es für ihn doch nicht ganz so einfach sei, mit der Situation klar zu kommen und er auch Ängste und Vorurteile hat, die mit diesem Thema Verbunden sind. Für mich war das damals unverständlich. Heute kann ich das nachvollziehen, denn auch ich brauchte eine gewisse Zeit mit diesem Thema zurecht zu kommen. Da war es nur fair, meinem Vater die gleiche Zeit einzuräumen.

Mit dieser kleinen Anekdote aus meiner Vergangenheit will ich aber vor allem verdeutlichen, dass es keine Idealsituationen gibt. Weder der Moment, noch die Art des Coming-Outs sind Ideal (wobei meins eher suboptimal war). Vor allem sind auch die Reaktionen der Eltern nicht immer optimal, da auch sie mit der Situation erst mal überfordert sind. Gerade Eltern werden häufig unvermittelt von dem Coming-Out getroffen und haben nicht die Zeit, sich darauf einzustellen. Daher sollten Kinder,

Mir fiel es damals schwer, für meinen Vater das nötig Verständnis aufzubringen, auch wenn ich niemals das Gefühl hatte, dass seine Liebe zu mir in Gefahr sei. Natürlich ist jede Situation anders und nicht mit der meinen vergleichbar, dennoch kann jungen Lesben und Schwulen nur raten, so offen gegenüber den eigenen Eltern zu sein, wie es nur geht. Wenn die Entscheidung getroffen wurde, sich vor den Eltern zu outen, sollten beide Seiten offen über ihre Gefühle, Ängste und Gedanken sprechen. Vor allem aber sollten sich beide Seiten die Zeit geben, mit der neuen Situation um zu gehen. Ich hab das Outing vor meinen Eltern nie bereut.

Ich würde mich freuen, von euren Erfahrungen zu lesen.

Advertisements

2 Kommentare zu “Coming Out: Wie sage ich es meinen Eltern?

  1. „Wenn die Entscheidung getroffen wurde, sich vor den Eltern zu outen, sollten beide Seiten offen über ihre Gefühle, Ängste und Gedanken sprechen. Vor allem aber sollten sich beide Seiten die Zeit geben, mit der neuen Situation um zu gehen. Ich hab das Outing vor meinen Eltern nie bereut.“
    Diesem letzten Part von Dir kann ich eigentlich nicht zustimmen. Ein Outing ist schon etwas heftiges, hat etwas brutales an sich, denn es ist eine wesentlich Entscheidung. Und jeder Schwuler, der sich outet, hat in dem Moment Angst und Furcht und beweist sowas von Mut, das auszusprechen. Du bist gleich verschwunden – hast Dich auch nicht hingesetzt und über Gefühle gesprochen. Das geht in meinen Augen auch erst später, wenn a) der Schwule sich sicherer geworden ist in seiner Entscheidung, die Eltern die Situation etwas mehr erfasst haben. Denn in dem Moment des Outings braucht man nichts anderes als Bestätigung und bloß keine Verunsicherung, keine Zweifel.

    Ich hab das damals, wie ich finde, recht geschickt angestellt. Meine Eltern und meine Schwester haben einen Brief bekommen, meinem Bruder habe ich es einen Tag zurvor erzählt, so dass er dann am nächsten Tag gleich „wissend“ zu den Eltern kommen konnten. Und zur gleichen Zeit hat meine sehr, sehr aufgeschlossene Tante die Info bekommen, so dass meine Eltern ein gutes Netz hatten. Ich bin dann erst Wochen später nach Hause gefahren, da kam es dann auch zu einem Gespräch mit dem Angebot der Therapie und so einen Mist … und es hat bei meinem Vater wohl ein halbes Jahr gedauert, bis er es verdaut hatte, bei meiner Mutter waren es dann ein paar Jahre.
    Aber als das geschafft war, hab‘ ich zwei Wochen lang jeden Abend mit Freunde getroffen und es ihnen gesagt. Aber das war eher unspannend, weil sie es eh vermutet haben. Irgendwann habe ich sie dann mit der Frage konfrontiert, warum sie mich nicht darauf angesprochen hätten *lach*.

    • Hey,
      Ich wollte auch meine Geschichte auch eher als Negativ-Beispiel nehmen. Du fast aber recht: brutal ist ein Outing für beide Seiten. Es freut mich aber, dass es für dich zu einem guten Ergebnis geführt hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s