Typisch schwul und das ist auch gut so!

Gebrochenes Handgelenk, promisker Lebensstil und ein ausgeprägter Hang zu Körperpflege und Mode. Es leben die Klischees und genau diese Stereotypen treiben uns immer wieder auf die Palme. Warum eigentlich? Denn völlig aus der Luft gegriffen sind sie nicht.

Natürlich wird niemand gerne in eine Schublade gesteckt, auch wenn das menschliche Gehirn nun mal so funktioniert. Die Gabe der Kategorisierung hat den evolutionären Fortbestand des Menschen gesichert. Unsere Vorfahren haben nicht jeden Säbelzahntiger aufs Neue die Chance gegeben ein braves Tier zu sein. Sie wussten beim bloßen Anblick, dass von diesem Tier Gefahr ausgeht. Der Mensch kategorisiert gerne, um diese unendlich komplexe Welt begreifbar zu machen. So funktioniert im Übrigen auch die Wissenschaft.

Ein Klischee an sich ist auch nichts Schlimmes, sondern nur, wenn es aus Unkenntnis besteht und zu Ablehnungen führt. Das Schöne an Klischees ist aber auch, dass wir manchmal überrascht sind, wenn jemand aus der Reihe fällt. Doch was ist eigentlich typisch schwul?

Ich muss, um diese Frage zu beantworten, bei mir selbst anfangen. Betrachte ich meine iTunes-Playliste, so kann absolut kein Zweifel aufkommen, wie ich gepolt sein mag: Whitney Houston- und Mariah Carey-Songs haben bei mir dreistellige Wiedergabezahlen und auf Partys tanze ich am liebsten zu Lady Gaga und Britney Spears. Ziemlich schwul, würde ich sagen. Bei iTunes bin ich auch gleich beim Thema – Apple: Ich kann es nicht erklären, aber alles, was Apple herstellt, muss ich haben. Die Einfachheit der Bedienung und das kultige Design sprechen mich einfach an. Da bin ich ein totales Konsumopfer.

Mein Aussehen und meine Figur sind mir unglaublich wichtig, daher gehe ich auch regelmäßig zum Sport und schraube meine Kohlenhydratezufur über gewisse Zeiträume auf ein Minimum runter. Typisch schwul. Ich interessiere mich auch eher für Kultur als Sport und ich singe und tanze lieber als dass ich handwerke (was ich auch gar nicht kann). Ich mache meine Selfies gerne mit verspieltem Lächeln vor dem Spiegel, um sie dann bei Instagram zu posten. Die Hashtags #gay und #gayfitness auf Instagram zeigen, dass ich damit nur Teil eines schwulen Trends bin.

Man könnte sagen, dass ich ziemlich schwul bin. Ist das ein Grund mich zu schämen oder zu ändern? Für mich nicht. Ich kann mit einem gewissen Selbstbewusstsein dazu stehen, dass ich viele Stereotypen, die man zu Schwulen hat erfülle. Stereotypen sind auch nicht per se schlecht. Die Herausforderung besteht darin, sie nicht als gesetzt zu sehen.

Sind denn alle so?

Denn schwul heißt nicht, dass wir alle gleichförmig sind und exzessiv Selfies von uns posten. Ich kenne viele Schwule, die sich wenig oder gar nicht für Mode und Design interessieren, die Fußballbegeistert sind und in handwerklichen Dingen total begabt. Der Fall Hitzlsperger zeigt doch, dass schwul und Fußball sich nicht ausschließen. Daher sollten wir unseren Klischees immer aktiv begegnen und immer wieder überprüfen, ob diese noch gültig sind.

Denn jemanden in eine Schublade zu stecken gehört zum menschlichen Wesen. Die Herausforderung besteht darin, dass wir es Menschen ermöglichen aus diesen Schubladen herauszukommen. Ich bin vielleicht ein ziemliches Musterbeispiel was Musikgeschmack und Konsumverhalten angeht, dennoch ist mein Interesse für Mode und Lifestyle-Themen tendenziell gering. Als das künstlerische Talent vergeben wurde, war ich wohl abwesend. Denn ich kann weder malen noch irgendwelche anderen künstlerischen Dinge gut. Beide Punkte klingen vergleichsweise wenig im Vergleich zu dem ganzen Rest, den ich aufgeführt habe. Es ist mir aber auch nicht so wichtig.

Ich will mit diesem Artikel vielmehr verdeutlichen, dass Klischees auch eine Form der Identität sein können. Mit Klischees zu spielen und diese auf die Schippe zu nehmen kann zudem auch sehr lustig sein. Die Serie Will&Grace ist das pure schwule Klischee. Doch dieses Klischee ist so treffend dargestellt, dass es witzig ist. Das 90-minütige Bück-dich-Witz von Bully Herbig dagegen ist unzutreffend und beleidigend. Über beide klischeehafte Darstellungen habe ich bereits geschrieben ( Will & Grace ; Bully Herbig).

Ich bin in gewisser Weise stolz, anders zu sein. Ich genieße es, offen mit meiner Identität leben zu können, auch wenn ich damit bei vielen Menschen in positiven wie negativen Schuladen verschwinde. Klischees ermöglichen es uns, uns von anderen abzugrenzen und unsere eigene Identität zu erkennen.

Wie seht ihr das? Seid ich auch typisch schwul oder findet ihr es schrecklich, dass man euch mit (positiven wie negativen) Vorurteilen begegnet?

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4 Kommentare zu “Typisch schwul und das ist auch gut so!

  1. Ich bin relativ unschwul – abgesehen davon, dass ich gerne mit Männern schlafe :)

    Mode? Ich zieh das an, was mir gefällt.

    Körperpflege? Rasur alle zwei Tage, Duschen und Haare waschen täglich, Gesichts- und Handcreme mindestens zwei Mal täglich, einmal die Woche Körperlotion, alle zwei Wochen Epilation der spärlichen Po- und Brusthaare.

    Ein kleines Sportprogramm absolviere ich täglich, da ich aber nicht die genetischen Anlagen für eine Traumfigur habe, ist das eher ein Kampf gegen die Zeit, da ich auch gerne esse, und das nicht unbedingt gesund ;)

    Ich bin auch in gewisser Weise stolz, anders zu sein. Heterosexualität wäre für mich undenkbar, eher noch könnte ich mir ein Leben als Frau vorstellen,dann aber natürlich heterosexuell :)

    • mir machen schwule Schubladen Spaß solange sie nicht respektlos gemeint sind. Ich bin auch stolz auf manche und fühle mich mit ihnen wohl. Ich habe schwule und toughe Seiten. Der promiske Lebenswandel gut, aber welcher hetentyp möchte das nicht auch. Ich achte auf meine Erscheinung, also die Klamotten und der body. Fitnesstudio, Körperpflege und gesunde Ernährung. Das mache ich gern und empfinde es nicht als Last. Musikgeschmack und Kultur sind bei mir schwul. Eine relativ hohe Tenorstimme habe ich auch. Fußball interessiert mich überhaupt nicht. Aber Opern, apple, Madonna, lagy gaga interessieren mich nicht. Mir gefallen schöne Möbel und ich reise gern.
      Singen und Tanzen machen mir Spass und handwerken nur zur not. Soaps und Tv-Serien, nein danke ausser queer as folk, das war cool. Tauschen, nein danke, lieber schwul.

      • „Ich habe schwule und toughe Seiten.“

        Gibt es etwas tougheres, als in unserer Gesellschaft offen schwul zu sein?

        „Der promiske Lebenswandel gut, aber welcher hetentyp möchte das nicht auch.“

        Interessanterweise hat sich das bei mir gelegt. Ich würde zwar gerne immer noch mit vielen hübschen Tpen uns Bett gehen, aber der Antrieb, was dafür zu tun, ist gesunken. Ich glaube, ich werde langsam häuslich ;)

  2. Typisch, untypisch… *grübel*… Was sieht oder nimmt jemand davon wahr? Wer weiß schon, dass ich auf Balladen stehe? Ich zwinge niemanden meinen Musikgeschmack auf… Design? In Grenzen. Ich definiere mich nicht über das, was ich an Schönes zu bieten hab: zu oberflächlich! Klamotten? Unauffällig heterosexuell! Körperkult? Nein!!! Promiskuität? Ein Riesen-Nein!!! Ich habe es versucht, aber ist nicht mein Ding. Ich habe mittlerweile 31 Monate keinen Mann mehr „unsittlich“ berührt *grins* und das obwohl ich „erst“ 48 bin. Ich will lieben, vertraut lieben und nicht wahllos rummachen! Tja, ein guter Vertreter der Community bin ich nicht… Ist mir aber auch völlig egal!!! :-)

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