Homosexualität in Norwegen – der Traum politischer Gleichstellung

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Stellt euch vor, dass ihr in einem Land lebt, in dem Homosexuelle alle Rechte und alle Pflichten haben, die heterosexuelle auch haben. Dann stellt euch vor, dass die Gesellschaft damit vollkommen unverkrampft umgeht und es keine Straßendemonstrationen gegen die Gleichstellung von Lesben und Schwulen gibt. Ein weit entfernter Traum? Nicht für alle Menschen in Europa. In Skandinavien sind die Menschen gesellschaftlich ein Stück weiter als im Rest Europas. Das sage ich nicht nur, weil ein Teil meiner Familie aus Norwegen stammt und ich eine besondere Affinität für dieses Land habe, sondern weil es  die Realität ist.

Im hohen Norden ist der Umgang mit der sexuellen Identität unverkrampfter. Das liegt vor allem auch daran, dass dort schon 1981 ein Antidiskriminierungsgesetz eingeführt wurde, dass eine ungleiche Behandlung aufgrund der sexuellen Identität verbietet. Die Menschen wurden so auch ein Stück weit dazu gebracht, sich damit anzufreunden. Wo gesellschaftliche Diskriminierung selbst geächtet wird, kommen diese Gedanken gar nicht auf.

Auch bei den Rechten und Pflichten sind uns die Norweger um einiges voraus. Denn Norwegen führte schon 1993 ein Lebenspartnerschaftsgesetz ein, das es homosexuellen Paaren auch gestattete, die biologischen Kinder ihres Partners zu adoptieren. Die vollständige Öffnung der Ehe kam zwar in anderen Ländern schneller, dennoch vergleichsweise früh (11. Juni 2008).

Natürlich gibt es in Norwegen auch ein Stadt-Land-Gefälle. Dennoch ist der Umgang überall im Land viel unverkrampfter als es in Deutschland der Fall ist. Öffentliche Demonstrationen sind daher eher selten. Allenfalls in den großen Städten wie Oslo gibt es Veranstaltungen wie die Gay Pride, bei der Lesben und Schwule offen demonstrieren. Doch was fordern Schwule und Lesben in einem Land, in dem Schwule und Lesben alle Rechte haben? Diese Frage habe ich mir auf der Gay Pride 2013 in Oslo gestellt. Mein Eindruck ist, dass der gesellschaftliche Wandel nicht abgeschlossen ist. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass Norwegen einen Schritt weiter ist. Statt des Werbens um gesellschaftliche Toleranz, werben eher politische Parteien, Verbände und Unternehmen um die Sympathien von Lesben und Schwulen . Die Veranstaltung gleicht eher einer Messe als einer politischen Demonstration. Eine wirklich schöne Erfahrung zu sehen, wie viel gesellschaftliche Normalität einkehren kann, nachdem die rechtliche Gleichstellung vollzogen wurde.

Was können wir Deutsche daraus lernen?

Norwegen ist für Europa ein Musterland was den Umgang mit Homosexualität angeht. Die frühe Gleichstellung und der konsequente Kampf gegen Diskriminierung hat zu einer schnellen Normalisierung der Homoehe geführt. Die Norweger haben schnell gesehen, dass durch die Homoehe das Land nicht untergeht. Allerdings muss man zugestehen, dass Norwegen tendenziell liberaler ist als andere Länder. Die starke sozialdemokratische Prägung Norwegens macht gesellschaftliche Innovationen leichter als in einem strukturell konservativen Land wie Deutschland.

Bleibt Norwegen eine Vision oder wird Deutschland über kurz oder lang die gleiche Stufe der Toleranz erreichen? Welche strukturellen Änderungen sind dafür nötig?

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4 Kommentare zu “Homosexualität in Norwegen – der Traum politischer Gleichstellung

  1. …und Norwegen hat auch noch eine der höchsten Geburtenraten in Europa. Das kann man sich auch noch merken für diejenigen, die ständig vorm „Angriff auf die Familie“ und dem Aussterben wegen zu viel Homosexualität warnen.

      • Vielleicht ist es sogar kein „trotz“, sondern ein „wegen“… Meine steile These zum Nachdenken, bewusst als Frage formuliert: Könnte es sein, dass es den Menschen in einer toleranten, diskriminierungsfreien (oder diskriminierungsarmen) Gesellschaft leichter fällt, ein Kind auf die Welt zu setzen?

  2. Die Frage von Alexander halte ich geradezu für sensationell, weil sie so simpel, einleuchtend und logisch ist. Vermutlich jeder würde sie pauschal bejahen – bis man sie in einen bestimmten Kontext einordnet, differenzierter betrachtet und sich der Konsequenzen bewusst wird, die dann bei vielen zwangsläufig ein Umdenken bzw. eine Öffnung des Geistes bewirken müssen. Wer dieser Aussage zustimmt (bzw. die Frage bejaht), muss automatisch eigene Vorurteile (und Ängste) überdenken und sich von eigenen Diskriminierungstendenzen befreien, um glaubwürdig zu sein.

    Ich kenne Norwegen nicht aus eigener Erfahrung, mag aber Skandinavien generell und habe den Beitrag mit Freude gelesen. Wenn Parteien und Unternehmen auf den Gay Prides um Schwule und Lesben werben, sind wir „nur noch“ eine von vielen Gesellschafts- oder Kundengruppen, die sich durch bestimmte Vorlieben, Einstellungen, Werte und Verhaltensweisen identifizieren lässt (so wie Biokonsumenten, Autofahrer oder Aktienkäufer), die aber nicht stigmatisiert ist. Bis dahin ist es in Deutschland noch ein längerer Weg – aber wir sind schon viel, viel weiter als der große Rest der Welt, und das sollten wir uns immer wieder durchaus dankbar bewusst machen, um die Freiheiten und Rechte, die wir haben, zu erhalten und die gesellschaftlichen Ressentiments ebenso wie die noch bestehenden formalen Hürden bis zur völligen Gleichstellung (im Gesetz und in den Köpfen der Menschen) weiter abzubauen. Wie schwer das sein kann, sehen wir gerade in Baden-Württemberg an dieser verzerrten Bildungsdiskussion, doch wer in kleinen Schritten stetig weiter vorwärts geht, kommt auch ans Ziel.

    Ich bin zuversichtlich, dass Deutschland so werden kann wie Norwegen, und der politische Weg dorthin trägt zweifellos die Farben Grün und Rot. Somit wird das aber noch einige Jahre dauern.

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