Der Eurovision Song Contest – die schwule Champions-League

Logo des Eurovision Song Contest 2014 in Dänemark

Logo des Eurovision Song Contest 2014 in Dänemark

Morgen ist es wieder soweit: Deutschland ermittelt seinen Kandidaten für den Eurovision Song Contest 2014 in Dänemark. Für mich ist der ESC dieses Jahr ein ganz besonderes Event im Kalender, da ich seit Kurzem in Hamburg lebe und das erste Mal auf die große Public-Viewing-Party auf der Reeperbahn gehen kann. Ich möchte auch gar nicht so sehr auf die Kandidaten eingehen, sondern über die besondere Bedeutung des ESC für Homosexuelle schreiben. Denn unter den hunderten Millionen Menschen, die Jahr für Jahr den Eurovision Song Contest verfolgen sind besonders viele Schwule. Mittlerweile hat sich um das Event ein gewisser Kult entwickelt. Daher möchte ich mich mit der Faszination des Sängerwettbewerbs beschäftigen. Warum sind so viele Schwule Fans des Eurovision Song Contest und welche Bedeutung hat das Event für die Community?

Einfache Erklärungen kommen immer zuerst. Der ESC ist ein großes Fest mit bunten Kostüme, tollen Tanzeilagen und die poppiger Musik aus ganz Europa. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass das nicht einer der Hauptgründe für den Erfolg ist. Der ESC ist aber nicht nur eine große bunte Veranstaltung, sondern auch eine Sänger-Wettbewerb. Männer, ob hetero oder schwul, lieben den Wettbewerbe. Männer mögen den Vergleich und da stehen Schwule ihren heterosexuellen Geschlechtsgenossen um nichts nach. Das Wettrennen um den besten Song Europas macht für mich die Faszination des Eurovision Song Contest aus. Die Punktetafel zum Schluss, wenn es darum geht, wer den besten Song in Europa hat, ist für mich das eigentliche Highlight (besonders dann, wenn Deutschland um die vorderen und nicht um die Hinteren Plätze kämpft). Ich bezeichne diesen Wettstreit um den besten Künstler und den besten Song in Europa daher auch gerne als die schwule Champions-League. Da er das künstlerisches Schaffen, eine große bunte Show und einen Wettstreitcharakter miteinander verbindet.

Der ESC symbolisiert aber auch die Wertegemeinschaft Europas und steht für Freiheit und Menschenrechte. Nach dem zweiten Weltkrieg hat diese Veranstaltung auch ihren Teil dazu beigetragen, dass aus Europa eine Wertegemeinschaft gewachsen ist. Auch wenn diese Wertegemeinschaft in den letzten Jahre durch die Teilnahme vieler Länder ins Wanken geraten ist. 2012 fand der ESC erstmals in Aserbaidschan statt, einem autoritären System, in dem Schwule und Lesben gesellschaftlich schlecht angesehen werden. Doch nicht nur Aserbaidschan ist für Homosexuelle ein schwieriges Land, auch Russland hat bereits den europäischen Sängerwettbewerb gewonnen. Damals war die Situation für Lesben und Schwule zwar kritisch, doch mittlerweile wäre es kaum vertretbar den ESC in einem Land wie Russland abzuhalten, das schwule „Propaganda“ verbietet. Wobei ich mich frage, ob der ESC nicht per se schon als schwule Propaganda durchgeht.

Der ESC ist mehr als jedes andere Großereignis eine Veranstaltung, das die gemeinsamen Werte von Europa verkörpert. Für mich besteht in der Teilnahme einiger Länder, die diese Werte nicht teilen, das große Problem des ESC. Man könnte argumentieren, dass der ESC dazu führen soll, dass sich auch diese Länder somit der europäischen Wertegemeinschaft annähern. Doch die Erweiterung der Teilnehmer hat nicht dazu geführt, dass die Werte von Europa in andere Länder exportiert wurden. Im Gegenteil: In Russland hat sich die Situation mittlerweile verschärft. In meinen Augen sollten diese Werte eine Grundvoraussetzung für die Teilnahme an dieser Veranstaltung sein. Auch wenn der ESC (damals noch Grand Prix d’Eurovision de la Chanson) nach dem 2. Weltkrieg ins Leben gerufen, um in Europa das zusammenwachse zu lassen, was sich bis dato verfeindet gegenüberstand, sind wir. Doch die Mentalität des Wegschauens was Schwulenrechte und Menschenrechte allgemein angeht, halte ich für falsch.

Was für die olympischen Spiele gilt, gilt in einem besonderen Maße für den Eurovision Song Contest. Für mich ist der ESC nur in Ländern denkbar, die sich zur Europäischen Wertgemeinschaft bekennen, die die Menschenrechte achten und demokratische und rechtstaatliche Prinzipien haben. Anders verliert das Event seine Glaubwürdigkeit gerade seinen größten Fans – den Homosexuellen.

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2 Kommentare zu “Der Eurovision Song Contest – die schwule Champions-League

  1. Allein der Titel des Beitrags ist äußerst gelungen – nein: einfach geil! :-) Und er wird im Text ja auch noch hinreichend erklärt.

    Allerdings bin ich insoweit eine Ausnahme von Deiner Argumentation, als ich mir aus Wettbewerben, Wettkämpfen und Wettstreiten überhaupt nichts mache. Das ist aber sicher eher eine Frage der persönlichen Mentalität als der sexuellen Orientierung. Jedenfalls kann man mit der Analogie zur Champions League sehr treffend deutlich machen, welchen Stellenwert der ESC für die Gay Community hat.

    Zwei Aussagen von Dir stimme ich unumwunden zu: Der ESC symbolisiert wie kaum ein anderes Ereignis die gemeinsamen Werte von Europa, und er sollte nur in Ländern stattfinden, die sich zum europäischen Wertekodex bekennen und die Menschenrechte (und somit die von Schwulen und Lesben) achten. Damit sind wir aber wieder bei derselben Diskussion wie mit Olympia, die Du ja auch schon angesprochen hast.

    Ich finde jedoch, dass der ESC verloren hat, seit er nicht mehr „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ heißt (und ist). Es geht immer weniger um die Lieder – die früher ja noch mit großem Live-Orchester dargeboten wurden -, sondern meiner Wahrnehmung nach immer mehr um Show, und viele der Titel in den letzten Jahren waren austauschbar und oft auch zu „international weichgespült“. Von den deutschen Beiträgen der vergangenen Jahre mochte ich so gut wie keinen und weigere mich, Deutschland zu unterstützen, wenn mir das Lied nicht gefällt, nur weil es „unser“ Beitrag ist. Die Hysterie, die darum mitunter getrieben wird, geht mir gehörig auf die Nerven. Deswegen würde ich vermutlich auch nicht zur Public-Viewing-Party gehen.

    Sehenswert ist der ESC aber allemal jedes Jahr, und das sind immer besonders schöne „schwule“ Abende: alleine oder – noch besser – mit Freunden vor dem Fernseher sitzen, sich über Twitter, Facebook und Co. mit anderen austauschen und die „pan-europäische“ Stimmung aufnehmen, die das Event vermittelt. Gefeiert wird also in jedem Fall – und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

    Dir in jedem Fall viel Spaß beim ESC Public Viewing!

    • Ich finde ja besonders das Tippspiel, wer auf welchen Plätzen landet besonders spannend am ESC :)

      Bin mal gespannt, wen wir morgen für Dänemark nominieren.

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