Schwuler Körperkultur

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c by David Renner

Ich gebe es zu: Ich bin ein Low-Carb-und Fitnesslifestyle-Opfer. Es gibt Phasen im Jahr, in denen ist meine Ernährung an strenge Regeln mit mehr Verboten als Geboten gebunden: Kein Brot, keine Nudeln, keine Kartoffeln – Hauptsache die Figur stimmt. Daneben noch das perfekte Work-out. Alles dreht dich um Essen und Training und die Erfolge werden akribisch vor dem Spiegel und auf der Waage notiert. Natürlich mache ich das auch, weil ich mich durch Sport und gute Ernährung fitter und besser fühle. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, gehe ich hauptsächlich ins Fitnessstudio, um gut auszusehen. Derzeit sehe ich das besonders unentspannt, denn im September muss die Badenhosenfigur endlich stimmen ;-)

Ich behaupte, dass das nicht nur mir so geht, sondern vielen schwulen Männern. Das perfekte Aussehen, der perfekte Körper und ein gepflegtes Äußere sind für homosexuelle Männer oberste Priorität. Das Streben nach einem perfekten Körper ist (natürlich längst nicht bei allen) ein Kult und eine Glaubensfrage. Klar gibt es auch viele heterosexuelle Fitnessfreaks, aber bei Schwulen scheint dieser Anteil besonders groß zu sein. Woher kommt dieser starke Wunsch gut auszusehen verbunden mit einer eisernen Disziplin, die zu seltsamen Ernährungsmodellen führt? Natürlich kann es auch daran liegen, dass homosexuelle Männer mehrheitlich gut gebildet sind und daher die Notwendigkeit einer gesunden Lebensweise erkannt haben. Für eine gute Ernährung ist es auch zwingend notwendig gut informiert zu sein. Es kann aber längst nicht der einzige Grund sein, warum so viele Homosexuelle nach einem perfekten Körper streben.

Für mich stellt sich die Frage: Warum quälen sich die meisten schwulen Männer durch harte Diäten und schweißtreibende Fitnessstudio-Sessions und stehen dann trotzdem vor dem Spiegel und jammern über jedes noch so kleine Fettpölsterchen? Und damit meine ich auch mich ganz persönlich.

Bei mir habe ich zwei mögliche Begründungen festgestellt, warum ich und vielleicht noch viele andere schwule Männer ein gesteigertes Bedürfnis nach einem perfekten Körper haben.

1. Männer schmücken sich einfach gerne. Sei es mit einer hübschen Frau oder einem hübschen Mann an der Seite. Das ist kein heterosexuelles oder homosexuelles Phänomen. Es liegt in der Natur des Mannes. Ein schöner Partner an der Seite zeugt von Einfluss und Stärke. Andere Männer schauen zu Männern mit der schönen Freundinnen oder schönen Freunden herauf. Ein hübscher Partner ist für einen Mann auch ein Statussymbol. Ich sehe das weder besonders negativ, noch besonders positiv. Es ist eine Eigenschaft, die eben bei vielem Männern zu finden ist.

Was unterscheidet nun aber den schwulen Mann vom heterosexuellen? Oder anders gefragt: warum unterliegen heterosexuelle Männer nicht dem gleichen Körperkult? Im Gegensatz zu heterosexuellen Männern, die eine hübsche weiblichen Begleitung an der Seite haben, suchen Schwule nach ihrem äußerlich Ebenbild – also ebenfalls einem Mann. Dieser Mann wird ebenso hohe Ansprüche an sein Gegenüber stellen wie man selbst. Damit unterliegen Homosexuelle Männer dem gleichen Leidensdruck denn sonst noch Frauen ausgeliefert sind. Sie müssen, um den anderen zu gefallen, selbst gut aussehen.

2. Ein schwuler Mann fühlt sich zu männlichen Körpern hingezogen. Daher muss der eigene männliche Körper nicht nur den anderen, sondern auch den eigenen hohen Ansprüchen genügen. Ich selbst würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich nur für mein Wohlbefinden ins Fitnessstudio gehe. Ich möchte nicht nur attraktiv auf andere wirken, sondern auch mir selbst gefallen. Dieses Streben nach gutem Aussehen kann schnell in einem Wahn enden. Die Spirale aus den eigenen Anforderungen und den kritischen Blicken anderer homosexueller Männer erhöht für mich ein bisschen den Leidensdruck meinen Körper ständig zu optimieren.

Daher bewegen sich viele Schwule eMänner bewegen ständig auf einem sehr schmalen Grat zwischen einer gesunden Lebensweise, die zu einer attraktiven äußeren Erscheinung führt, und einem wahnhaften Körperkult. Wo ich liege? Irgendwo dazwischen – manchmal mehr bei gesunder Lebensweise, manchmal mehr bei Wahn. Die Ansprüche, die ich an mich selbst lege sind manchmal so hoch, dass ich sie kaum erfühlen kann. Da würde ich mir selbst ein bisschen mehr Entspanntheit mit den eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten wünschen.

Vor allem täte es uns ganz gut, das Äußere anderer nicht immer mit diesen Maßstäben zu bewerten. Eine gewisse Entspanntheit mit sich selbst und mit dem eigenen Aussehen trägt dazu bei, dass man sich selbst wohler fühlt.

Wie seht ihr das? Gibt es einen schwulen Körperkultur? Was sind denn in euren Augen sie Gründe dafür? Ich freue mich, von euch zu lesen.

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c by David Renner

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4 Kommentare zu “Schwuler Körperkultur

  1. Hi David,
    ich selbst war 4 Jahre in einem Fitnessstudio und weiß, was Du mir „Wahn“ und „Spirale“ meinst, inkl. den berühmt-berüchtigten Eiweißshakes u. ä.
    Allerdings finde ich nicht, dass es einen speziellen schwulen Kult gibt. Zwar kann ich Deine beiden Argumente nachvollziehen. Aber viele andere Variablen, wie Persönlichkeit, Krankheit usw. spielen auch mit rein und die sind eher sexualitäts-unabhängig, finde ich.
    Denn wie hoch ist der Anteil derer, die keinen „Kult“ betreiben? Vielleicht relativiert sich objektiv manches, wenn man diesen Anteil wüsste oder wenn man Klisches entlarvt, wie sie auch durch die Medien verbreitet werden.
    Who knows?

  2. Ich würde das schwul streichen und nur von Körperkult(ur) sprechen. Gerade in den Großstädten, die vor Gentrifizierung nur so überquellen erlebt man so viele Männer, die das von Dir Beschriebene in all seinen möglichen Ausprägungen betreiben, dass die Grenze zwischen homosexuelles und heterosexuelles Mannsbild an den Geräten bzw. den Supermarktregalen mit den Low Carb-Produkten wirklich nicht mehr erkennbar ist.

  3. „Ein schwuler Mann fühlt sich zu männlichen Körpern hingezogen. Daher muss der eigene männliche Körper nicht nur den anderen, sondern auch den eigenen hohen Ansprüchen genügen.“ Treffend formuliert – wobei das reziprok ist. :)

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