Homophobe sind schwul: Gründe für den Hass auf Schwule

Copyright by Sarah Deer (http://bit.ly/1eKMOHZ)

Warum hassen manche Menschen Lesben und Schwule? Eine Frage, die ich mir oft gestellt habe. Homosexualität hat wahrscheinlich, so der aktuelle Stand der Wissenschaft biologische Gründe. Das ist, ob wissenschaftlich prüfbar oder nicht, auch meine feste Überzeugung. Doch woher kommt die Ablehnung gegenüber Homosexuellen? Der Hass gegenüber bestimmten Personengruppen (sei es Ausländer, Homosexuelle oder welche Gruppe auch immer) kann in meinen Augen keine biologische Erklärung haben. Im Gegensatz zu Homosexualität ist Homophobie wählbar.

Ekel als Grund?

Von vielen, tendenziell oder sehr offen homophoben Menschen hört man oft das Argument, dass sie die Vorstellung des homosexuellen Geschlechtsverkehrs anekle. Sie fühlten sich daher von öffentlicher Zärtlichkeit zwischen zwei Männern oder zwei Frauen abgestoßen und belästigt.

Ein wirklich haarsträubendes Argument. Das würde im Umkehrschluss ja bedeuten, dass auch Lesben und Schwule von heterosexuellen Paaren angewidert wären. Das ist definitiv nicht der Fall, um für die Mehrheit der Lesben und Schwulen zu sprechen. Nur weil man sich etwas für sich selbst nicht vorstellen kann, muss man es noch lange nicht ablehnen. Woher dann der Hass?

Ich bin vor kurzem über eine sehr interessante Studie gestoßen, die sich mit den psychologischen Gründen von Homophobie beschäftigt. Mit den Kernthesen möchte ich mich daher näher beschäftigen:

Die Ablehnung von Homosexualität wird zu einem großen Teil durch die Angst vor eigenen homosexuellen Neigungen gespeist. Das bedeutet nichts anderes, dass homophobe Menschen selbst ein bisschen schwul sind, es aber nicht wahrhaben wollen. Es gibt mittlerweile auch Forschung, die in diese Richtung geht und bewiesen hat, dass bei Männern, die besonders homophobe Ansichten hatten, beim Konsum homosexueller Pornografie sexuelle Erregung festgestellt wurde. Die Angst vor den eigenen, geheimen sexuellen Neigung schlägt bei diesen Männern oftmals in krasse Ablehnung von Homosexuellen um. Der Hass gegenüber der eigenen Sexualität ist Nährboden für den Hass von Homosexuellen.

Doch warum lehnen diese Männer ihre eigene Neigung ab? Der Großteil an Schwulen und Lesben schafft es doch auch, die eigene Identität zu akzeptieren.

Homophobe Männer, ob mit eigenen homosexuellen Neigungen oder nicht, neigen zu einer übertriebenen Männlichkeitsdefinition und betonen dies nach außen sehr stark. Die klassischen Mann-Frau-Klischees stehen bei diesen Menschen im Vordergrund. Ein Umstand von dem eher Männer als Frauen betroffen sind (das kann ich zwar nicht belegen, mein Gefühl sagt es mir). Ein Mann, der ein unverkrampftes Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität hat, kann auch ohne Probleme zugeben, dass er einen Mariah Carey-CD (sollte sowieso jeder haben) besitzt oder am Ende eines Filmes ein Tränchen verdrücken musste, ohne Angst zu haben, ihm würde die Männlichkeit abgesprochen. Egal ob hetero oder homo, die festen Rollen-Klischees was Männer und Frauen dürfen gehören ins 20. Jahrhundert, aber nicht in unsere Zeit.

Dafür sind wir Homosexuellen gesellschaftliche Vorreiter. Denn Lesben und Schwule brechen traditionelle Rollenuster von Mann und Frau auf. David Beckham und die alle metrosexuellen Männer sind ein schöner Beleg dafür. Umgekehrt ist aber in den Köpfen vieler Heterosexueller noch nicht angekommen, dass auch Lesben und Schwule nicht per se in eine Schublade passen. Nicht jeder Schwule ist Friseur oder Florist (was auch nicht schlimm ist, wenn es denn der Fall ist) und nicht jede Lesbe ist handwerklich begabt. Wer zu stark in Schubladen denkt, wird sich von Vorurteilen und Stereotypen nicht lösen können.

Das vehemente Verhaften an der eigenen Geschlechterrolle ist für mich ein Zeichen, dass eine Person eher unsicher mit ihrer sexuellen Identität ist. Menschen, die mit ihrem eigenen Mann- bzw. Frausein ein Problem haben (sei es aus eigenen latenten homosexuellen Neigungen oder nicht) werden auf nicht „geschlechterkonformes“ Verhalten feindlich reagieren.

Ein weiterer wichtiger Grund, aus dem sich Homophobie in unserer Gesellschaft speist, ist das Unwissen und die falschen Vorstellungen, die über Lesben und Schwule existieren. Da bin ich wieder bei dem Punkt Vorurteile. Der beste Beweis ist die Entrüstung gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg, in dem die Befürchtung geäußert würde, man könne Kinder durch Aufklärung schwul oder lesbisch machen. Aus dieser Petition spricht das blanke Unwissen. Die Liste der Vorteile ist endlos.

Mit diesen Punkten ist schon ein großer Anteil an Homophobie in unserer Gesellschaft erklärt. Mich persönlich stimmt dabei optimistisch, dass das keine unlösbaren Probleme sind. Rollenmuster werden ohnehin in den letzten Jahren mehr und mehr aufgebrochen. Jungs und Mädchen werden nicht mehr unbedingt in eine Geschlechterrolle gedrängt. Gegen das Unwissen hilft meines Erachtens nur die Aufklärung und die kann nicht früh genug beginnen.  Kinder sollen mit der Normalität von Homosexualität aufwachen und lernen, dass dies weder gefährlich noch schädlich ist.

Doch ein gewisser Rest an Homophobie wird sich wahrscheinlich niemals ausschalten lassen: Homophobie durch fundamentalistische Weltanschauungen. Wer Homosexualität aufgrund seiner strengen religiösen Einstellungen ablehnt, wird sich durch alle Argumente nicht überzeugen lassen. Wobei ich glaube, dass bei religiösem Fundamentalismus auch Teile der ersten beiden Gründe mit reinspielen. Wer mit Bibelversen gegen Lesben und Schwule wettert, wird sich durch kein Argument der Welt überzeugen lassen. Erst neulich wurde ich auf Twitter drauf aufmerksam gemacht, dass ich mich bezüglich meiner Position zu Homosexualität lieber mit dem Katechismus beschäftigen solle. Gegen solche Menschen hilft kein Argument.

Wie seht ihr das? Welche Gründe hat Homophobie für euch? Und wie ist diese zu bekämpfen? Gibt es Hoffnung, dass wir Homophobie (bis auf den letzten Bodensatz, der immer bleibt) endgültig überwinden können?

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10 Kommentare zu “Homophobe sind schwul: Gründe für den Hass auf Schwule

  1. „Wie seht ihr das? Welche Gründe hat Homophobie für euch?“

    Angst vor dem Unbekannten. Unsicherheit, was die eigene Geschlechtsidentität angeht. Starres Geschlechtsrollendenken. Es könnte aber auch ein biologischer Selektionsmechanismus sein.

    „Und wie ist diese zu bekämpfen?“

    Gewöhnung, Gewöhnung, Gewöhnung: Heteros müssen mit Homo-Themen zugeballert werden. Das sorgt irgendwann für eine Abstumpfung.

    „Gibt es Hoffnung, dass wir Homophobie (bis auf den letzten Bodensatz, der immer bleibt) endgültig überwinden können?“

    Nein. Mehr als Toleranz und graduelle Akzeptanz ist m. E. nicht drin.

    • Homophobie hat aufjedenfall Daseinsberechtigung auch wenn es in sozialer Hinsicht einfach falsch ist. Homosexualität ist nunmal nicht die Normalität, da es in erster Linie um die Fortpflanzung geht; so der Wille der Natur. Aber weil Homosexuelle leider keine Wahl haben wen sie lieben, sollte man sie akzeptieren und tolerieren. Wie schon oben erwähnt wird es mehr als Verständnis und Toleranz niemals geben.

      • Ich finde es interessant, dass du von normal sprichst. Das ist ein normativer Begriff und impliziert, dass es nicht richtig ist, da es nicht der Norm entspricht. Zum anderen ist es sehr wohl der Wille der Natur, da Homosexualität kein kulturelles Produkt ist, sondern von der Natur gegeben. In der Natur ist bei etlichen Arten Homosexualität nachgewiesen worden. Diese homosexuellen Exemplaren haben in den Gemeinschaften sehr wohl Aufgaben übernommen.

        Daher solltest du dich nicht, nur weil du zufällig heterosexuell bist, über Homosexuelle erheben. Denn das sagt dein Kommentar aus.

  2. Wieder mal ein sehr guter, pointierter Blogbeitrag. Zu Deiner Analyse und den Gründen für Homophobie habe ich nichts hinzuzufügen: Unwissenheit, Furcht vor dem „Anderen“, Ignoranz, Unsicherheit.

    Abzubauen ist Homophobie meines Erachtens nur dadurch, dass LGBT-feindliche Menschen wann und wo immer möglich positive Gegenbeispiele für die Vorurteile, die sie haben, selbst erleben und auf diese Weise schrittweise (und sehr langsam) ihr Weltbild verändern (um nicht zu sagen: korrigieren). Man muss einfach sehr viel Geduld und Gespräche investieren, um diese Vorbehalte aufzulösen.

    Wo aber religiöser Fundamentalismus die Ursache ist – da stimme ich Dir wiederum zu -, wird sich Homophobie kaum bekämpfen lassen. Und mindestens das ist bedrückend und auch beängstigend – für uns in Westeuropa weniger als in Afrika, Vorderasien und Teilen Nordamerikas.

  3. ich denke, dass das hauptproblem in den glaubensgemeinschaften zu finden ist.

    …aus welcher „sekte“ ist der petitionsurheber, gegen aufklärung sexueller vielfalt in schulen?! (wo dann auch noch -irreführend- behauptet wird, dass es um sexuelle praktiken geht).

    …welche „sekte“ ist gegen gleichstellung von gleichgeschlechtlichen partnerschaften?!
    (das sind halt auch gesetzgeber, die ihren persönlichen glauben, nicht von ihren eigentlichen auftrag trennen können).

    erst wenn kirche und staat getrennt sind -und kirchgänger sich öffentlich lächerlich machen, (ähnlich wie es jetzt mit gleichgeschlechtlichen getan wird), könnte es zu positiven veränderungen führen.

    komisch, dass angst und unwissenheit über gleichgeschlechtliche, nicht selten zu gewalt führt, wogegen unwissenheit und geschürte ängste -durch kirche- angenommen werden.

    (wer an einen „gott“ oder sonstige fabelwesen glauben „muß“, der sollte daran denken, dass es auch ohne die institution kirche geht, …sollte aber auch wissen, dass kirche sich selbst ermächtigt hat, dass glauben und beten nur über die kirche möglich ist).

  4. George Takei – selber nicht schwul – hatte es bei facebook mal folgendermaßen formuliert: „Homophobia is the fear that gay men treat you the way you treat women.“

    Daspasst auch zu der Annahme, dass Homophobe (Männer) ihre eigene bi-Ader unterdrücken. Auch bei religiöse Fundamentalisten passt es, wenn auch aus Macht- und Herrschaftsgründen statt bisexuelle Veranlagung. Bei den meisten dieser Gruppen haben Frauen kaum Rechte und sollen nur für veraltete Vorstellungen aus dem 19. (!!!) Jahrhundert wie die drei „K“ – Kinder – Küche – Kirche – da sein.

  5. Die Homosexuelle-Neigung könnte nicht einmal durch verbrecherische Maßnahmen beseitigt werden. Homosexualität entsteht in jeder Generation aufs Neue. Nach dem Modell von Rice und seinen Kollegen (die bedeutensten und anerkanntesten Gen und Evolotionsforscher) wird sie aktiviert, wenn bei der Zeugung nicht nur die Erbanlagen selbst, sondern bestimmte Regelmechaniken übertragen werden, die sich erst seit Neuestem präzise erkunden lassen.

    Es handelt sich dabei um epigenetische Steuerbefehle (sogenannte Epi-Marks). Diese biochemischen Markierungen auf der DNA können nicht benötigte Gene in einer Zelle gleichsam in den Tiefschlaf versetzen. Doch die Epi-Marks können zuweilen auf den Nachwuchs vererbt werden, anstatt im Vererbungsprozess gelöscht zu werden, schreiben die Forscher im Quarterly Review of Biology. Wenn der vererbte Code Gene betreffe, die an der Realisierung der Sexualität im Gehirn mitwirken, könne es zur »Diskordanz zwischen biologischem Geschlecht und sexueller Orientierung« kommen. Auf diese Weise würden Mütter ihr sexuelles Interesse an Männern auf epigenetischem Wege an ihre Kinder weitergeben. Ebenso wie die Mütter würden dann die Söhne Männer begehren. Vererbten andererseits Väter ihre sexuelle Orientierung, hätte dies Auswirkungen auf die Töchter: Sie fühlten sich, wie der Papa, zu Frauen hingezogen. Die Ursache für die Häufung in Familien, so prophezeit die Theorie, ist eine Genvariante, die oft eine unvollständige Löschung der Epi-Marks bewirkt.

  6. Es ist schon frustrierend wenn wir Schwulen und Lesben immer unsere Dasseinerechtigung begründen müssen. Homophobie ist Gott sei Dank unter gebildeten Menschen sehr selten. Konservative religöse Überzeugungen und Minderwertigkeitskomplexe spielen da durchaus eine Rolle. Auch internalisierte Homophobie, also Selbsthass von Schwulen und Lesben ist sehr häufig. Ich finde es erstaunlich dass man es begründen muss dass man einen Menschen liebt! Kann jeder Heteromann oder jede Heterofrau begründen warum sie diesen und nicht einen anderen Partner liebt? Ich ahne es warum ich Martin liebe und nicht einen anderen. Warum ich Männer liebe und nicht Frauen ist mir immer noch nicht klar. Es sei denn ich würde Vorurteile und Klischees zu Rate ziehen. Homophobie macht krank. Und auch Ausgrenzung in der eigenen Subkultur besonders. Wer das nachlesen möchte, kann das gerne auf meinem Blog adstagtraeumer.wordpress.com tun. Gerade der Hass auf sensible oder auch zu weiblich wirkende Männer ist teilweise in einigen Bevölkerungsgruppen sehr stark. In der muslimischen Migranten-Community können schon lange Haare die als weibliche gelten zu Mobbing führen. Ich möchte hier aber kein Islambashing betreiben, aber es geht hier auch um religösen Konservatismus der neben dem vorherrschenden Patrialchiat die Wurzel für Ausgrenzung und auch Hassverbrechen gegen Schwule und Lesben ist.

  7. „Wie seht ihr das? Welche Gründe hat Homophobie für euch? Und wie ist diese zu bekämpfen? Gibt es Hoffnung, dass wir Homophobie (bis auf den letzten Bodensatz, der immer bleibt) endgültig überwinden können?“

    Die Frage nach Gründen für Homophobie ist m. E. genauso unsinnig wie die Frage nach Gründen für Homosexualität. Der eine hat eine Neigung, der andere eine Abneigung. Auch die Verknüpfung (heavypete) Homophobie – Bildungsgrad ist unsinnig, genauso wie Verknüpfung Homosexualität – Bildungsgrad akzeptabel ist.

    Genauso ist es m. E. mit der Verknüpfung Glaube – Homophobie zu sehen: Der Bezug auf den Glauben ist bestenfalls als Schutzmantel zu verstehen, um einer unsinnigen Diskussion auszuweichen.

    Ein Homosexueller muss sich nicht und kann sich auch nicht für seine Neigung rechtfertigen. Genauso muss sich ein Homophober nicht für seine Abneigung schämen. Die Bezeichnung „Phobie“ ist der Versuch, Menschen, die eine Abneigung haben, als krank darzustellen. Also wäre demnach die Abneigung heilbar. Kann eine Neigung oder Abneigung geheilt werden? Ich glaube, diese Diskussion ist schon längst erledigt.

    Um also Deine Frage zu beantworten: Solange Homophobie „bekämpft“ wird werden Homosexuelle diskriminiert.

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