Matussek, die Welt und das selbst gebrochene Tabu

Quelle: http://www.matthias-matussek.de/bilder/ Copyright: Frank Siemens

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Ich war peinlich berührt als ich den Kommentar von Matthias Matussek auf Welt online zum Thema Homophobie gelesen habe. Peinlich, weil Matussek nichts verstanden hat. Der konservativ-katholische Publizist polemnisiert mit seinem Artikel die Diskussion um die Maischberger-Sendung über den Bildungsplan in Baden-Württemberg (Mein Kommentar zur Sendung). Zudem erfindet er ein neues Tabu, das er mit diesem Kommentar selbst bricht und stolz darauf ist.

Wie argumentiert Matussek?

Meinetwegen mag Matussek homosexuelle Liebe als defizitär bezeichnen, wenn er darunter versteht, dass in homosexuellen Partnerschaften (auf natürlichem Wege) keine Kinder entstehen können. Dafizitär ist zwar ein wertender Begriff, der viele andere Interporetationen zulässt, aber daran will ich mich nicht aufhalten. Meinetwegen darf er auch die Werte von Familie und Partnerschaft hochhalten. Das zeigt nur, dass er nicht versteht, dass auch Homosexuelle diese Werte leben und verteidigen und diese Werte nicht durch Toleranz und Gleichstellung bedroht sind.

Seine Homophobie kommt aber aus einem noch tiefer sitzenden Unverständnis zu kommen. Denn er scheint , genau wie Kelle und Streeb, nicht verstanden zu haben, dass es nicht um eine Reduzierung von Homosexualität auf den reinen Sexualakt geht, sondern um die partnerschaftliche Liebesbeziehung von zwei Menschen des gleichen Geschlechts. Dies tut er jedenfalls mit polemischen Einwurf, auch Sadomasochismus in den Lehrplan aufnehmen zu können, wenn man dies bei Trans- und Homosexualität täte.

Außerdem haben sowohl Matussek als auch seine Brüder und Schwestern im Geiste nicht begriffen, dass Heterosexualität und Homosexualität keine konkurrierenden Konzepte sind. Es handelt sich nicht um eine Überzeugungsfrage. Man kann Heterosexualität bei homosexuellen Menschen nicht befördern. Ebenso wenig kann man Heterosexuelle schwul oder lesbisch machen. Eine gesellschaftliche Diskriminierung von Homosexualität führt nicht dazu, dass es weniger Lesben, Transgender und Schwule gibt. Genauso wenig wie ein unverkrampfter toleranter Umgang mit allen gesellschaftlichen Rechten zu einer plötzlichen Homosexualisierung der Gesellschaft führt. Daher macht sich Matussek argumentativ eher lächerlich.

Den Gipfel der Lächerlichkeit erreicht er als er Homophobie und Antisemitismus miteinander vergleicht. Ein absolutes Tabu, wird er sich gedacht haben – und bei der Welt wird man sich vergnügt die Klickzahlen auf der eigenen Webseite angeschaut haben sowie das virale Potenzial auf Twitter.

Matussek schreibt: „Homophobie hat mittlerweile dem Antisemitismus als schlimmste ideologische Sünde den Rang streitig gemacht. Von allen autokratischen Fehlleistungen Putins gilt seine Kampagne gegen Homosexuelle als die allerniederträchtigste, egal, wen er sonst so ins Gefängnis steckt.“

Damit versucht der Springer-Neuling selbst ein Tabu zu erfinden, das er mit seiner weiteren Argumentation und dem Schlusssatz mit der Anlehnung an Klaus Wowereit, gleich bricht.

Aber nicht nur Matussek hat sich mit diesem Aktion ziemlich lächerlich gemacht. Denn direkt danach folgte aus dem Hause Springer und sogar aus der gleichen Redaktion der Gegenartikel zu Matussek.

Unbestritten ist der Artikel in seinen Grundaussagen richtig. Dennoch entsteht bei mir ein fader Beigeschmack. Für mich wirkt die ganze Aktion nach einem schlecht inszenierten PR-Theater, um mit diesem Thema Aufmerksamkeit für das eigene Blatt zu bekommen. Da Matusseks Kommentar wahrscheinlich sogar den bürgerlich-konservativen Redakteuren von der Welt über das Ziel hinausschoss, hat man einfach direkt die liberale Gegenrede konzipiert, um Beifall von beiden Seiten zu erhaschen.

In meinen Augen sind Springer-Medien so oder so nicht die glaubwürdigsten Kommunikatoren, wenn es um Toleranz von Lesben und Schwulen geht. Gerade die Bild machte in der Vergangenheit schon häufiger mit Sensationsstorys über Homosexuelle Stimmung und schürte gesellschaftliche Ressentiments. Die Welt ist in vielerlei Hinsicht nur der etwas seriösere Ableger des Boulevardblättchens.

Ich möchte damit diesen Artikel als Theaterkritik für eine schlecht inszenieret Vorstellung verstanden haben. Sowohl Darsteller als auch Drehbuch waren wenig überzeugend. Ich hoffe, dass Matussek in Zukunft nicht mehr für die Rolle des Tabubrechers besetzt wird. Kurzum: jede weiter Diskussion um Matussek ist überflüssig. Ein peinlicher Versuch, Aufmerksamkeit zu erhaschen und sich die Zustimmung an den Stammtischen der Republik zu bekommen.

Aktualiserung (12:47 Uhr): Und noch eine Gegenschrift aus der Welt-Redaktion zu Matussek. Was für ein PR-Flop!

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4 Kommentare zu “Matussek, die Welt und das selbst gebrochene Tabu

  1. Vor sehr vielen Jahren habe ich mal von einem Psychologen gehört, dass die größten Homophoben auch die latentesten Homosexuellen seien. Sie akzeptierten es für sich nicht und deswegen kämpften sie dagegen…

  2. Das Problem sind nicht die Homo- und Heterosexuellen, sondern stets die Kinder.
    Vorallem die Schwächsten, die Kinder, werden möglicherweise ernste Probleme durch Gender Mainstream bekommen und damit die Zukunft unseres Volkes (Siehe auch in den hierzulande weitgehend unbekannten Studien z. B. von Prof. Annica Dahlström, Uni Göteborg: Innerhalb der letzten 15 – 20 Jahre einen Anstieg psychischer Erkrankungen bei schwedischen Mädchen um 1000 Prozent (Depressionen um 500 Prozent; Suizidrate finnischer Mädchen ist die höchste in Europa).
    Denn im Gegensatz zu einem Kind in einer Vater-Mutter-Gruppierung, erleidet das in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung heranwachsende Kind eine gewisse Deprivationssituation, da ihm der enge Kontakt mit der Gegengeschlechtlichkeit verwehrt bleibt und somit eine Art Freiheitsentzug vorliegt.
    Hirnphysiologische Gegebenheiten weisen auf die Bedeutung gegengeschlechtlicher Erziehung und damit auf die Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit gegengeschlechtlicher Spiegelung für spätere Stressverarbeitung, Bindungsfähigkeit und emotionale Zwischenmenschlichkeit hin.

    Eine wesentliche neurophysiologische Basis für dieses wichtige Verhalten stellen die so genannten Spiegelneuronen dar, welche zur Grundausstattung des Gehirns gehören. Sie geben bereits dem Säugling die Fähigkeit mit einem Gegenüber Spiegelungen vorzunehmen und entsprechen so dem emotionalen Grundbedürfnis des Neugeborenen. Man geht davon aus, dass diese Spiegelneurone zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr voll entwickelt sind. Dies ist nur dann der Fall, wenn die Fähigkeit zu spiegeln optimal und intensiv im familiären Bezugskreis (Mutter oder Vater) genutzt wird. Wie bei allen Nervenzellen im Entwicklungsstadium gegeben, gehen auch die Spiegelneuronen bei mangelnder Anregung zu Grunde („Use it or lose it“).
    [siehe Kapitel „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ im Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014]

    • Das Problem mit solchen Argumentationen ist, dass Kinder nicht im isolierten Raum der Familie aufwachsen. Männliche wie weibliche Bezugspersonen gibt es auch im weiteren Familien-, Freundes- und Erziehungsumfeld (Schule und Kindergarten).
      Wenn wir aber vorschreiben, dass Kinder nur in „idealen“ Familien aufwachsen dürfen, wo fangen wir da an und wo hören wir auf? Müssen Alleinerziehende dann schnell einen neuen Partner finden?
      Arbeitslosigkeit oder eine schwere Krankheit eines Elternteils kann sich auch negativ auf das Kindeswohl auswirken. Müssen diese dann ihre Kinder abgeben?
      Diese Form der Argumentation ist nicht rechtstaatlich und gegen die Würde der Menschen.
      Es geht bei der Adoption von Kindern auch nicht um das Recht auf ein Kind. Das sollten die Leute langsam begreifen. Es geht um die Abschaffung des Ausschlusskriteriums für eine Adoption, die eine homosexuelle Partnerschaft darstellt.
      Apropos Kindeswohl: Sukzessive Adoption und die Adoption nur eines Partners sind möglich. Für das Kindeswohl wäre es aber besser, wenn es zwei rechtliche Vormunde hat.

  3. „Theaterkritik für eine schlecht inszenierte Vorstellung“ – sehr schön. Denn es geht wirklich um Aufmerksamkeit, Klickzahlen und Polemik. Dass die „Gegenrede“ erschien, ist (mir) inhaltlich sehr wichtig, aber auch sie ist eben Teil des Medienspektakels, dem man eine gewisse Inszeniertheit wohl nicht ganz absprechen kann.

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