Maischberger-Talk: Viel Lärm um nichts oder Aufreger?

Am vergangenen Dienstagabend fragte TV-Talkerin Sandra Maischberger in der ARD „Homosexualität im Schulunterricht. Droht die moralische Umerziehung?“ Wenige Sendungen verursachen im Vorfeld solche Kontroversen wie diese. Zum einen störten sich viele an dem provokanten Titel, der mit „moralischer Umerziehung“ einen Begriff aus der baden-württembergischen Online-Petition zitierte, die sich gegen den Bildungsplan der grün-roten Landesregierung richtet. Kritiker warfen Maischberger vor, dass sie damit die Interpretation des Bildungsplans durch dessen Gegner übernommen worden sei.

Neben dem provokanten Titel sorget auch die Gästeliste für ordentlich Zündstoff: Neben der katholischen Journalistin Birgit Kelle und dem Generalsekretär der „Deutschen Evangelischen Allianz“, Hartmut Steeb, sitzen gleich zwei Gäste in der Runde, die als so genannte Homo-Hasser bezeichnet werden.
Natürlich besteht das Wesen einer Talksendung darin, dass kontrovers diskutiert wird und dass unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen. Doch stellt sich gerade für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Frage, ob alle Meinungen gezeigt werden dürfen? Oder anders gefragt: Welchen Meinung verleihen wir durch Öffentlichkeit eine Legitimation oder müssen sie geächtet werden? Dazu habe ich hier mehr geschrieben.

Aber nun zur konkreten Sendung. Ich habe mir „Menschen bei Maischberger“ gestern Abend angeschaut und mir meine Gedanken dazu gemacht:

Als erstes finde ich es bemerkenswert, dass zwar viel über den grün-roten Bildungsplan gesprochen wurde, vor allem Kritiker dieses Plans wurden eingeladen, jedoch kein Vertreter des rot-grünen Lagers. Maischbergers Redaktion argumentierte im Vorfeld mit der redaktionellen Ausgewogenheit. Das passt in meinen Augen aber nicht zur Gästewahl, die vor allem auf eines ausgerichtet war: Quote.
Gleich zu Beginn der Sendung greift Maischberger die Debatte um den Titel der Sendung trotzig auf und weist auf die Anführungszeichen im Titel  mehrmals hin. Auch wenn diese in der ersten Version des Sendetitels noch nicht enthalten waren. Danach plätschert die Sendung etwas vor sich hin. Die Gegner des Bildungsplans landeten schnell in der Toleranz- oder Akzeptanzfalle. Das immer wiederkehrende Argument „ich habe ja nichts gegen Schwule und Lesben, ich muss es aber nicht gutheißen“ machte schnell deutlich, auf welchem schmalen Grad sich beide bewegten.

Kelle scheint auch nicht verstanden zu haben, dass es im Bildungsplan nicht um Sexualpraktiken geht, da sie vor einer Sexualisierung von Kindern warnt.

Auf der anderen Seite argumentieren Jens Spahn und Hera Lind gegen die Vorbehalte der Kritiker von Homosexualität und weisen diese immer wieder treffend auf deren Vorurteile und diskriminierenden Meinungen hin. Der Paradiesvogel in der Runde war Travestiekünstlerin und Dschungelstar Olivia Jones, die eine menschliche Komponente in die Diskussion brachte. Für mich war sie die stärkste Diskutantin, da sie die provokantesten Fragen und Einwürfe zu Kelle und Streeb hatte. Für mich das Highlight der Sendung.

Neben Maischberger zeigte sich vor allem Kelle trotzig. Mehrfach wies sie darauf hin, dass jedem Heterosexuellen per se Homophobie unterstellt wird, der nicht jede Meinung teile. Immer wieder betont Kelle zudem, wie egal ihr die Homosexualität anderer Personen z.B. von Hitzelsperger ist. Ironischerweise begründet sie das darin, dass die Gesellschaft weiter sei und diese mediale Omnipräsenz nicht bedürfe. Wenn das tatsächlich so wäre, dann wäre sie als Talkshow-Gast bzw. die ganze Sendung überflüssig.

Über den Bildungsplan wird im Laufe der Sendung nur am Rande diskutiert. Spahn wirft „rot-grünen Ideologen“ eine moralische Umerziehung vor, die die Menschen verunsichert und zu diesen heftigen Reaktionen fördert. Spahn plädiert für Toleranz und Erziehung mit Vorsicht und Augenmaß und äußert Verständnis für die Vorbehalte gegenüber Homo-Ehe und Adoption. Da offenbart sich die größte Schwäche der Sendung, denn für diese Argumente fehlte der Diskutant aus dem rot-grünen Lager, der auf diese Vorwürfe reagieren kann.

Kann man die sexuelle Identität umerziehen?

Eine der Hauptbefürchtungen der Bildungsplan-Gegner war, dass dadurch mehr Kinder homosexuell würden. Auf die Frage, ob die sexuelle Identität erziehbar sei lavierte Steeb mehrfach um eine klare Antwort herum. Den Vorwurf, dass er in einer vorherigen Talk-Sendung den Satz gesagt haben, dass er froh sei, dass keines seiner Kinder lesbisch oder schwul sei, will er nicht richtig kommentieren.

Apropos Umerziehung: Zwischenzeitlich wird es dann noch etwas konfus und abstrus, als Steeb und Kelle einen Bericht der Gewerkschaft für „Erziehung und Wissenschaft“ zitieren, der angeblich eine Heteroheilung als Intention hätte.

AKTUALISIERUNG: Hier findet sich nun auch die Erklärung zu diesem seltsamen Intermezzo zum Papier der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, auf die mich freundlicherweise ein Freund hingewiesen hat.

Aufregung auf Twitter

Auch während der Sendung gehen die Diskussionen heiß her. Stefan Niggemeier empört sich während der Sendung über die Einblendung „bekennender Homosexueller“.

Viel Lärm um nichts?
Im Prinzip war die Sendung harmlos. Maischberger fand nach ihrem trotzigen Ausfall irgendwann auch wieder die Balance und moderierte die Sendung einigermaßen souverän. Auch bemühte sich die Redaktion um Ausgewogenheit beider Seiten.

Vor allem scheuten sie eine klare Antwort auf Gleichheitsfrage. Die so genannten „Homo-Hasser“ befanden sich einen großen Teil der Sendung in der Defensive. „Aufreger“ der Sendung war eine Äußerung von Streeb in einem Interview vor der Sendung. Darin sagte er, dass Homosexualität keine erstrebenswerte Lebensform sei. Er warnte zwar auch vor einer moralischen Umerziehung durch den Bildungsplan von grün-rot, möchte aber selbst durch Anreize Menschen dazu bringen sich dem anderen Geschlecht zuzuwenden und Kinder zu zeugen. In meinen Augen ist das die wahre moralische Umerziehung.

Olivia Jones war (traurigerweise für den Rest der Gäste) den anderen Talkern rhetorisch weit überlegen. Zum Schluss wurde von Maischbergers Redaktion noch Zuschauerbeiträge von „Radikalen“ beider Seiten eingespielt, um zu verdeutlichen wie überhitzt die Debatte ist. Der Medienkritiker Stefan Niggemeier hat den Gehalt dieser Kommentare treffend analysiert und in seinem Blog beschrieben wo der Unterschied zwischen Homo-Gegnern und den Gegnern der Homo-Gegner liegt.

Im Großen und Ganzen war die Sendung aber harmlos. Trotzdem haben die Macher der Sendung nicht verstanden, worin der Zündstoff des Sendungsnamen und -besetzung lag, was sich während der Sendung deutlich zeigte. Genauso wenig scheint die Redaktion verstanden zu haben, worin die eigentliche Relevanz des Themas liegt.

Advertisements

2 Kommentare zu “Maischberger-Talk: Viel Lärm um nichts oder Aufreger?

  1. Ich habe die Sendung erst heute Nachmittag angeschaut und mein erster Gedanke war: Olivia Jones gehört da nicht rein und was macht dieser Gesundheitssprecher der CDU in der Sendung?
    Dass Olivia Jones den Lebensentwurf Mann in Frauenkleidern zeitweise vertritt, verstehe ich und auch das gehört zur sexuellen Vielfalt, aber ich möchte nicht, dass möglicherweise den Eindruck entstehen kann, dass ALLE oder viele Schwule so etwas machen. Ich finde es auch respektlos, wie sie/er/es die anderen Gäste nicht aussprechen lässt und ständig dazwischen ruft. Ihr Engagement in Ehren, aber da sollte sie sich in Zurückhaltung üben. (Entschuldigung, aber mich kotzt so ein Verhalten an!)
    Hightlight für mich war Jens Spahn, den ich nur aus gesundheitspolitischen Berichten kannte und der mir als CDU-Politiker VÖLLIG unsympathisch ist. Ich werde ihn als Politiker nicht mehr schätzen, aber seinen Auftritt als geouteter Schwuler fand ich stark.
    Auch wenn Hera Lind nicht all zu viel gesagt hat, hab ich sie mir für einen kleinen Augenblick als Mutter oder zumindest als Au-Pair-Mutter gewünscht: meine ersten Erfahrungen mit deutschen Familien habe ich auch als Au-Pair gemacht. ;-)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s