Online-Petition gegen Vielfalt im Unterricht: Müssen wir das akzeptieren?

bildungsplangegenerSchule ist ein homophobes Umfeld. In einem älteren Beitrag, der auf viel Resonanz von euch gestoßen ist habe ich von meinen Erfahrungen aus der Schulzeit berichtet. Viele von euch haben mir privat per Mail oder öffentlich von ihren Erfahrungen aus der Schulzeit berichtet.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen hat es mich schockiert, dass eine Online-Petition  aus Baden-Württemberg sich gegen die Integration von Homosexualität in den Schulunterricht ausspricht.

Diese Online-Petition des Realschullehrers aus Nagold geht gegen den „Bildungsplan 2015“ der grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg vor. Aufmerksamkeit bekam diese Kampagne besonders durch das Outing von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzelsperger und hat mittlerweile mehr als 100.000 Unterstützer. Eingestellt wurde diese Petition auf der Plattform  www.openpetition.de.  Die Unterstützer setzen sich gegen die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ im Schulunterricht ein, da sie befürchten, dass der Bildungsplan eine Repräsentation von  Minderheiten-Lebensstilen und das Werben für eine „neuen Sexualmoral“ an Schulen zur Folge hätte. Besonders starke Kritik findet das Vorhaben, dass  Aufklärung über Homosexualität nicht nur im Rahmen des Biologieunterrichts stattfinden soll, sondern auch in den sozialwissenschaftlichen Fächern.

Natürlich ist eine solche Kampagne vollkommen legal und es ist auch legitim, dass jeder Mensch seine eigene Meinung öffentlich kund tut. Nichtsdestotrotz schockiert mich, auf welch starken homophoben Ressentiments diese Petition fußt. Müssen wir in einer Demokratie solche Meinungen aushalten?

Niemand wird durch Aufklärung über Homosexualität in der Schule selbst homosexuell. Homosexualität ist kein verband oder eine Glaubensrichtung, die nach neuen Mitgliedern sucht. Lesbisch oder schwul wird man geboren. Das ist nicht nur ein falsches Vorurteil, dass über Homosexuelle kursiert. Daher ist Aufklärung über Homosexualität so wichtig. Nur so lassen sich falsche Vorurteile über Lesben und Schwule minimieren. Liest man sich die Kommentare der Unterstützer durch wird diese Forderung besonders deutlich: Homosexualität ist keine Krankheit, keine Behinderung und auch kein Lifestyle, dem man sich anschließt. Noch weniger sind Lesben, Transsexuelle oder Schwule weniger wert oder verdienen es ausgegrenzt zu werden. Wer solche Meinungen vertritt, macht sich der Menschenhetze schuldig und diese Meinungen müssen genauso wie Rassismus bekämpft werden.

Homophobie im Gegensatz zu Homosexualität ist eine Erziehungsfrage. Natürlich ist nicht jeder Schüler homophob, aber die Schule hat die Aufgabe Defizite in der Erziehung zuhause auszugleichen. Nur so lässt sich das Problem langfristig bekämpfen.

Aus den Erfahrungen meiner Schulzeit kann ich berichten, wie stark diese Vorurteile bis tief in das Bürgertum verwurzelt sind. Vorurteile und Ablehnung entstehen durch Unkenntnis. Darum müssen diese Unkenntnisse ausgeräumt werden. Es ist völlig unverständlich, weshalb diese Form der Aufklärung schädlich sein soll. Über das konkrete pädagogische Konzept und den Umfang der Aufklärung kann man indessen gerne streiten. Da bin ich auch nicht kompetent, meine Meinung dazu abzugeben. Aber um die Notwendigkeit zu erkennen, dass sich etwas ändern muss, bedarf es keiner großen Kunst.

Wenn wir Homosexualität normalisieren wollen, dann muss darüber während der Erziehung gesprochen werden. Denn junge Menschen müssen lernen, dass ihre Klassenkameraden nicht krank, behindert oder abartig sind, nur weil sie das gleiche Geschlecht lieben. Genauso wenig dürfen sich lesbische und schwule Jugendliche unsicher fühlen zu ihrer eigenen Sexualität zu stehen. Nicht umsonst ist die Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen um ein Vielfaches höher als bei heterosexuellen Kindern. Daher ist es nicht zu akzeptieren, dass sich eine Meinung durchsetzt, wie sie in der Online-Petition vertreten wird.

In einer wehrhaften Demokratie, auch wenn die Freiheit der Meinung geschützt ist, dürfen wird menschenfeindliche Meinungen nicht akzeptieren. Wir müssen sie mit Argumenten und Aufklärung bekämpfen und den Betroffenen dieser Diskriminierungen Solidarität zeigen. Der Umgang mit Homosexualität ist der Gradmesser für die Toleranz einer Gesellschaft. Ich sehe angesichts solcher Petitionen noch großen Nachholbedarf.

Wie seht ihr das? Muss man diese Petition als freie Meinungsäußerung akzeptieren? Oder sollen wir dagegen vorgehen? Wenn ja ,mit welchen Mitteln?

 

 

Advertisements

7 Kommentare zu “Online-Petition gegen Vielfalt im Unterricht: Müssen wir das akzeptieren?

  1. Ich glaube dass bei aller Kritik die Petition und Äußerungen dazu nicht nur geduldet, sondern sogar begrüßt werden müssen.

    Das führt zu einer scheinbar paradoxen Situation: Als Symptom des Unwissens, der Ängste und Vorurteile ist die Petition natürlich äußerst unerwünscht, weil ihre Bedingungen unerwünscht sind. Aber wenn man sich mit den Ursachen beschäftigen will, und die Situation verbessern, die Ängste beseitigen und nicht neue hinzufügen will – etwa ehrlich über die eigene Sexualität und die der anderen zu reden, über die Verunsicherung die damit einhergeht, dann darf es keine primitive Verdammung geben.

    Die Situation ist aber leider so, dass Verunsicherungen, die eigentlich bitter nötig sind, um neue Erkenntnisse an sich ranzulassen, selbst weitgehend tabu sind, und der, der sie zeigt, oft zugetextet wird oder kurz abgefertigt. Für Empathie und Auseinandersetzung hat kaum jemand Zeit. So endet die Auseinandersetzung oft damit, dass auf Verbotsforderungen als Reaktion verbleibt die Forderung von Verboten des Gegenteils. Dass das funktionieren kann glaube ich nicht.

    Die Stimmen der Engagierten sind nicht deswegen so zahlreich, weil sie so zahlreich, sondern weil sie so engagiert sind. Die breite Masse ist zu bequem sich zu äußern, aber wie die breite Masse tickt sieht man regelmäßig bei Wahlen.

  2. „Müssen wir in einer Demokratie solche Meinungen aushalten?“

    Welche Alternative haben wir denn? Wir sind eine Minderheit und die Minderheit muss mit der Mehrheit zusammenarbeiten. Wenn wir den „Bogen überspannen“ sitzen wir morgen wieder im Knast.

    „Niemand wird durch Aufklärung über Homosexualität in der Schule selbst homosexuell.“

    Ich verstehe dieses Argument nicht wirklich. Wäre es denn schlimm, wenn es anders wäre?

    „Nicht umsonst ist die Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen um ein Vielfaches höher als bei heterosexuellen Kindern.“

    Ich spiele jetzt mal den Advocatus diaboli:
    http://sciencefiles.org/2014/01/21/erhohtes-suizidrisiko-bei-homo-und-bisexuellen/

    • Toller Beitrag! Hat nur gut gefallen. Auch schön, dass ich zwar selbst Sozialwissenschaften studiert habe, aber trotzdem noch auf Common sense Wissen hereinfalle. Das Problem bei allen Aussagen über Homosexualität ist die wissenschaftliche Beweisbarkeit. Die wesentlichen Punkte hast du ja bereits aufgeführt.

      Ich würde mir auch wünschen, dass man derlei Aussagen, auch die Hypothesen der Gegenseite (Aufklärung über Homosexualität führt zur Werbung für diesen Lebensstil), auf ein wissenschaftliches Fundament gestellt werden.

      Ich befürchte nur, dass das der gesellschaftspolitischen Debatte nicht helfen wird, da sich einfache Argumente (auf beiden Seiten) eher kommunikativ verbreiten lassen.

      Zu deinem Einwand, dass wir diese homophoben Meinungen aushalten müssen, bin ich etwas anderer Meinung. Klar sind wir eine Minderheit. Das sind aber auch Ausländer, nicht-Christen (Muslime z.B) sowie körperlich und geistig behinderte Menschen. Keine dieser gesellschaftlichen Minderheiten muss es akzeptieren diskriminiert und ausgegrenzt zu werden. Ich will es sogar noch weiter fassen. Die Gesamtgesellschaft muss ein diskriminierendes Verhalten gegenüber solchen Minderheiten sanktionieren. Denn Diskriminierung widerspricht unseren liberalen, demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien.
      Natürlich dürfen wir den Bögen nicht überspannen und gerade aus der Geschichte der Homosexualität Wissen wir, dass wir heute schon viel erreicht haben. Aber solange solche Meinungen zu Homosexualität (z.B in der online Petition) in Deutschland in Teilen ein so positives Echo finden, will ich mich dagegen wehren.

      • Du kannst und sollst Dich gerne dagegn wehren. Das tue ich auch. Mir sind nur mittlerweile hochfliegende Illusionen abhanden gekommen, u.a., dass Homosexualität jemals gesellschaftlich voll akzeptiert werden wird.

      • Das mit dem „aushalten“ war ja meine Idee. Ich sage aber nicht , dass man Diskriminierungen oder Beleidigungen aushalten soll, sondern Meinungsäußerungen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s