Warum die Anti-Homophobie-Debatte wichtig ist!

CSD Frankfurt 2013 - Am Römer

CSD Frankfurt 2013 – Am Römer

Irgendwie hat man das Gefühl, dass über das Coming-Out des Ex-Nationalspielers Hitzlsperger schon alles gesagt und geschrieben worden ist. Ich kann auch ein bisschen verstehen, dass vielen heterosexuellen Menschen das übergroße Interesse an der Homosexualität eines Fußballers en bisschen auf die Nerven geht. Ich möchte in diesem Beitrag aber erklären, warum die Debatte für Homosexuelle in unserem Land so wichtig ist.  Die immer wiederkehrenden Diskussionen über Homophobie in gewissen Bereichen unserer Gesellschaft sollen nicht auf die Menschen eintreten, die schon heute ein entspanntes Verhältnis zu Homosexualität haben. Es geht eher darum, das Bewusstsein aufrecht zu erhalten, dass Lesben und Schwule immer noch Diskriminierung erfahren – auch in Deutschland.

Der negative Nebeneffekt ist, dass diese Debatten auch immer wieder Menschen auf den Plan rufen, die latent oder offen homophobe Ressentiments mit sich tragen. So wie, nach meiner Auffassung, der Redakteur Jasper von Altenbockum. Der FAZ-Journalist  mokierte sich in einem Kommentar über die Wellen der Hitzlsperger-Debatte. Um seiner Polemik treu zu bleiben unterstelle ich ihm ebenfalls am Homophobie-Virus erkrankt zu sein.

Ich möchte erklären, wie ich zu dieser Auffassung komme. Erstens ist es lächerlich die Diskriminierung von Homosexuellen in Deutschland mit der Situation in Russland zu vergleichen, wie es der Autor in seinem Kommentar tut. Zugegeben beklagen wir uns in Deutschland auf einem vergleichsweise hohen Niveau, denn Homophobie ist in Russland viel weiter verbreitet und zudem gesellschaftlich toleriert. Die Verwurzelung von Homophobie ist in Deutschland auf einem ähnlichen Niveau wie die von Fremdenfeindlichkeit. Eventuell  ist Homophobie noch in mehreren Teilen der Gesellschaft präsent, da sich das Bewusstsein, aber das müsste man mit sozialwissenschaftlichen Methoden messen. Den Spieß umzudrehen und zu behaupten, dass der große Teil der Gesellschaft durch diese Debatte angegriffen wird, ist an den Haaren herbeigezogen. Nur getroffene Hunde bellen.

Derart kann man nur mit einer gewissen Arroganz behaupten und zwar der gleichen Arroganz, die er den „Schwarmintelligenten“ unterstellt, die noch nie in einem Fußballstadion waren, um dies Situation dort richtig einzuschätzen. Wie bedrückend das Gefühl sein kann, dort nicht willkommen zu sein, habe ich in meinem Beitrag über Homophobie im Fußball beschrieben. Für jemanden, der selbst wahrscheinlich noch nie Diskriminierung erfahren hat (möchte ich jedenfalls für ihn hoffen), ist es leicht zu behaupten, diese sei nicht schlimm oder die Empörung darüber sei künstlich. Die SZ schreibt in einem anderen Kommentar wie präsent Diskriminierung für alle Schwulen und Lesben noch immer ist: „46 Prozent der lesbischen, schwulen, bisexuellen und transsexuellen Menschen in Deutschland haben in einer EU-Studie angegeben, bereits wegen ihrer sexuellen Orientierung schikaniert worden zu sein. Jeder fünfte Schwule hat einer Studie der Universität Zürich zufolge schon einmal versucht, sich das Leben zu nehmen.“ (Hier geht’s zum Text)

Meine persönlichen Erfahrungen aus meiner Schulzeit sind recht ähnlich. So lange Homosexuelle in unserer Gesellschaft das Gefühl haben, sie seien unnormal oder unerwünscht, ist diese Debatte niemals überflüssig. Glücklicherweise beruhen meine Erfahrungen hauptsächlich auf unbewussten verbalen Diskriminierungen. Die Verwendung von „schwul“ als Synonym für „Scheiße“ ist zwar genauso daneben, wie frauenfeindliche oder rassistische Witze. Es ist aber nicht die Art der Homophobie, die mir Sorge bereitet. Von Altenbockum führt in einem Nebensatz an, dass er es schlimm finde, dass man keine abweichende Meinung zum Thema Homosexualität haben darf. Er führt dazu die Empörung auf die Online-Petition gegen Vielfalt im Schulunterricht an. Natürlich fällt auch so eine Petition unter die Meinungsfreiheit, die durch Art. 5 GG. geschützt wird, dennoch wird diese Petition von homophoben Ressentiments genährt, was die Kommentare darunter deutlich zum Ausdruck bringen. Daher ist es umso wichtiger, dass die Gesellschaft sich darüber empört. Genauso wie über die Thesen von Thilo Sarrazin, die zwar auch seine freie Meinung sind, aber durch rassistische Vorurteile geprägt sind.

Der letzte Teil des Kommentars vermischt zudem die Gleichstellungs- mit der Diskriminierungsfrage. In der Diskussion über Thomas Hitzlsperger geht es gar nicht um die Frage, welche Rechte Lesben und Schwule in unserer Gesellschaft haben dürfen. Dass die Angleichung der Rechte überfällig ist, habe ich in diesem Beitrag begründet.  Dennoch zeigt diese Aussage für mich, welche Ressentiments der Autor gegenüber Homosexuellen zu haben scheint. Zwar schreibt er in seiner Kolumne, dass „die große Mehrheit der Deutschen, die mit Homosexuellen so normal umgeht“, er gehört aber definitiv nicht dazu.

So lange es Reaktionen wie diese gibt, so lange ist diese Debatte um Toleranz und Akzeptanz nicht beendet. Wen die ständige Debatte über Homophobie nervt, der sollte sich seine eigenen Privilegien bewusst machen und sich fragen, wie es wäre, wenn der Satz „Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so“, große Wellen schlagen würde.

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Ein Kommentar zu “Warum die Anti-Homophobie-Debatte wichtig ist!

  1. Danke für diesen angenehmen Artikel. Eine Ergänzung von mir zur FAZ:

    Der FAZ-Kommentar ist unterirdisch und es lohnt den Aufwand nicht, ihn auseinanderzunehmen, aber dennoch interessant. Interessant, weil das intellektuelle Niveau sehr bescheiden ist und der FAZ nicht gut ansteht. Dass er dennoch im Blatt steht, hat m.E. damit zu tun, dass man heute offiziell – also in einer medialen Debatte – nicht mehr sagen darf, dass Schwule pervers oder krank sind. Das ging in den 50er und 60er Jahren noch, heute nicht mehr. Das ist natürlich ein zivilisatorischer Fortscharitt, aber Homophobie ist deshalb nicht passé. Und solche Leute machen es heute über den üblichen rechten Umweg: Eine de facto unterprivilegierte Gruppe wird als überprivilegiert dargestellt, als übermächtig, derer wir uns erwehren müssen. Das läuft analog mit den Moslems oder mit “Linken” generell. Am deutlichsten war diese Strategie unter Hitler, der die Juden als übermächtig darstellte, gegen die wir uns halt wehren müssen, sonst machen sie uns fertig.

    Nichts anderes macht Altenbockum strutkurell. Interessant ist eben, dass solche Leute jegliche intellektuelle Integrität sausen lassen. Ihr Hass auf Schwule muss enorm sein.

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