Lehmanns Umkleidekabinen-Fantasien

Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann hat sich in einem TV Interview zur Debatte über schwule Profi-Fußballspieler geäußert. Der frühereTorwart riet in der Fernsehsendung „Sky90“ homosexuellen Profis ab, sich während ihrer aktiven Zeit zu outen. Lehmann sagte: „Wenn ein Spieler das machen würde, wäre er blöd. Er kann nicht voraussehen, was passiert. Das kann man den Leuten nicht raten, die hätten keinen Spaß mehr daran, Fußball zu spielen.“ Was nach ziemlich viel Sorge des Ex-Nationalspielers klingt, entpuppt sich an späterer Stelle als eine Mischung aus Vorteilen und eigenen homophoben Ressentiments. Denn auf die Frage des Moderators, wie Lehmann regiert hätte, wenn er von der Homosexualität eines seiner Kollegen gewusst hätte stellt der Ex Nationalspieler eindrucksvoll unter Beweis wie wichtig die Debatte um den Umgang mit Homosexualität im Profisport ist.

Lehmann: „Komisch [hätte ich reagiert], glaube ich. Man duscht jeden Tag zusammen, man hat Phasen, in denen es nicht so läuft. Aber Thomas Hitzlsperger ist ein Spieler, der erstens sehr intelligent ist, und zweitens von seiner Spielweise überhaupt nicht den Anlass gegeben hätte, dass da man hätte denken können, da ist irgendetwas.“

Was in diesen Zeilen mitschwingt sind viele Vorurteile gegenüber Homosexuelle und, polemisch formuliert, die Angst unter der Dusche vor einem homosexuellen Fußballspieler die Seife fallen zu lassen. Was glaubt eigentlich Lehmann? Glaubt er, dass jeder homosexueller Mann, egal in welcher Situation jeden anderen Mann anfällt und sexuell übergriffig wird? Sind (schwule) Männer in Lehmanns Augen so triebgesteuert, dass sie die Finger nicht von ihren Mannschaftskameraden lassen können? Oder erträgt er es nicht, dass unter der Dusche jemand ihn attraktiv finden könnte? Natürlich können (homosexueller) Männer ihr Attraktivitätsempfinden nicht ausschalten, ich verstehe nur nicht, wo das Problem liegt. Die Angst von einem homosexuellen Mann begehrt zu werden teilen anscheinend viele heterosexuelle Männer. Anscheinend haben Männer einen verkrampfteres Verhältnis zu ihrer Sexualität als Frauen. Denn umgekehrt hört man diese Angst bei Frauen eher selten. Nur weil ein Mann auf andere Männer steht heißt es nicht, dass er jedes andere männliche Wesen anziehend findet. Außerdem glaube ich, dass gerade in einer Umkleidekabine (da spreche ich aus meiner Laiensport-Erfahrung) alle möglichen Gedanken im Kopf der Fußballprofis vorgehen (hetero wie homo), aber keine sexuellen.

Mit dem zweiten Teil seines Statements zeigt Lehmann, welche gravierenden Vorteile er gegenüber Homosexuellen hat. Für den Ex-Nationalspielers sind Homosexuelle weicher und femininer und damit keine richtigen Männer. Glaubt Lehmann etwa, dass Schwule Fußballspieler in Highheels und rosa Handtäschchen über den Fußballplatz rennen? Oder woran mag er die Homosexualität eines Mannes sonst erkennen? Was der Hinweis über die Intelligenz von Thomas Hitzlsperger mit dessen Homosexualität zu tun hat, ist mir unklar. Die Kommentare, die Jens Lehmann zu dieser Debatte abgegeben hat, disqualifizieren ihn ohnehin sich zu diesem Thema zu äußern.

Zu Lehmanns Verteidigung muss man sagen, dass sich der Ex Nationalspieler in Verlauf des Interviews immer wieder relativiert hat. Lehmann scheint hin und hergerissen zu sein zwischen Anteilnahme für das Schicksal von homosexuellen Fußballspielern und eigenen dummen Vorurteilen. Lehmann sagt nämlich weiter: „Was ich mit Sicherheit gewusst hätte, ist, dass es einige gegeben hätte, sei es Konkurrenten oder andere in der Kabine, die permanent Witze darüber gemacht hätten. Es ist nicht so, dass da 25 Hochintellektuelle rumlaufen, die darüber diskutieren, ob jemand schwul ist oder nicht. Fußball ist eine Männersache, da muss man nicht so viel nachdenken. Und die Zuschauer in den Stadien kann man auch nicht kontrollieren. Ob man sich das als Betroffener antun muss?“

Womit er durchaus Recht haben könnte. Wie wäre es mit freundschaftlichen Umarmung nach einem Tor, wenn die Mitspieler wüssten, dass der Kollege homosexuell sei? Auch sind die Zuschauer in Stade nicht wirklich kontrollierbar. In einem meiner früheren Artikel habe ich bereits thematisiert, wie unfair Zuschauer mit den Schwächen gegnerischer Fußballspieler umgehen (Olli Kahn ist das beste Beispiel). Durch ein Interview wie es Lehmann gegeben hat werden diese Ängste bei allen schwulen Fußballspieler nur noch verstärkt.

Daher rät Lehmann homosexuellen Fußballspielern, ihre sexuelle Orientierung lieber weiterhin im Verborgenen zu halten. Dass es für homosexuelle Fußballspieler die Hölle sein könnte, ein Doppelleben führen zu müssen, daran denkt Lehmann nicht. Wer das Schicksal nicht teilt, kann sich in die Situation eben nicht hineinversetzen. Was bestimmt gut gemeint war, wirkte unreflektiert und dumm. Der Shitstorm gegen den Ex-Nationalspieler ließ nicht lange auf sich warten. Viele Leute auf Twitter fragen sich, ob Lehmann noch alle Tassen im Schrank hätte. Das TV Interview, in dem sich Lehmann um Kopf und Kragen redet zeigt aber, wie wichtig diese Debatte weiterhin ist und vor allem wie viele Ängste und wie viele Vorurteile gegenüber Homosexuellen Fußballprofis noch existieren.

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Discavo-Debatte: Wo fängt eigentlich Homophobie an?

Discavo, eine neue Startup-Hotelbewertungsplattform der ProSiebenSat.1-Gruppe ist mit einem seiner Spots in die Kritik gekommen. Das LGBT-Portal Queer.de wirft den Initiatoren vor, sich billigen Schwulen-Klischees zu bedienen und nach außen zu vermitteln, dass es für heterosexuelle Männer das Schlimmste sei, für schwul gehalten zu werden.

Worin besteht genau der Homophobie-Vorwurf? In dem Spot sitzen zwei Geschäftsmänner beim Abendessen im Hotelrestaurant zusammen und werden dort mit vielen romantischen Aufmerksamkeiten überhäuft. Mit den Worten „Bon Appetito, ihr Süßen“ serviert ihnen der Kellner dann eine Portion Pasta in Herzform und die Stimme aus dem Off klärt auf, dass die Herren offenbar das falsche Hotel gebucht hätten.

Ich finde den Spot aus einem Grund nicht wirklich gut gelungen. Die Botschaft (Mit Divago findet man das richtige Hotel), die dieser Spot transportieren soll, ist zu abstrus dargestellt und zu weit runtergebrochen. Zwar schafft eine solche Inszenierung Aufmerksamkeit, aber wie nachhaltig diese ist, sie mal dahingestellt. Es geht aber um die Frage der Darstellung.

Mal abgesehen davon, dass der Spot alles andere als lustig ist (meine Meinung) ist die Darstellung in meinen Augen nicht wirklich gelungen. Wenn man sich Klischees bedient, sollte man es gut machen. Trotzdem würde ich die Macher vom Homophobie-Vorwurf freisprechen. Werbung und Humor generell spielen nun mal mit Klischees, auch über heterosexuelle Männer und Frauen. Die Gefahr eine gesellschaftliche Minderheit zu stereotypisieren besteht immer darin, dass man es treffend und gut macht. Erst diese Woche stürzte eine Welle des Protests über die Macher von „How I Met Your Mother“ ein, da sich die Macher vieler Klischees über Asiaten bedient haben. Noch größere Empörung lösten die sogenannten Yellowfaces aus (mehr nachzulesen bei SPON).

Für mich ist der Spot nicht homophob, nur will er in seiner Darstellung unglücklich ist. Zwar teile ich auch die Ansicht, dass durch diesen Spot mitschwingt, dass es für heterosexuelle Männer (anscheinend) schlimm, oder peinlich ist, für schwul gehalten zu werden. Das ist in meinen Augen aber eher eine Beleidigung für alle heterosexuellen Männer in diesem Land und weniger ein Angriff auf Schwule. Auch wenn das „rustikale“ Hotel aus dem TV-Spot mit allerlei Kitsch für die zwei Herren auffährt ist das wohl eher darauf zurückzuführen, dass das eine Art Romantik-Hotel sein soll und dass das nicht ein billiges Schwulenklischee darstellt.

Ich bin in diesem Fall eher entspannt und würde sagen, dass man das aushalten kann. Alle Frauen in Deutschland müssen ja auch die schlechten Witze von Mario Barth ertragen, die sich allen erdenklichen billigen Klischees bedienen. Die Grenze zur Homophobie beginnt für mich dort, wo Menschen in negativer Weise dargestellt werden. Ein Beispiel für eine solche Diskriminierung habe ich schon an anderer Stelle beschrieben. Die rheinlandpfälzische Stadt Zweibrücken warb mit dem Slogan “Nüchtern cool, saufen schwul”, um Jugendliche vor dem übermäßigen Alkoholkonsum zu warnen. Der Begriff “schwul” ist eine Schmähung für Homosexuelle und daher wurde diese Werbekampagne zu Recht eingestellt. Ähnlich Entrüstung gab es wegen eines Plakat-entwurfs für Maredo mit der Aufschrift “Tofu ist schwules Fleisch”.

In beiden Fällen ist für mich die Grenze zur Homophobie deutlich überschritten, da es im ersten Fall um eine diskriminierende Bezeichnung handelt. Gerade die Debatte um Homosexualität und den inflationären Gebrauch von „schwul“ auf deutschen Schulhöfen hätte die Verantwortlichen zu mehr Feingefühl bewegen können. Im zweiten Fall wird Tofu als Lebensmittel für verweichlichte Menschen/ Männer bezeichnet also als schwules Fleisch. Diese Werbung bedient sich wirklich absolut billiger Klischees.

Bei Discavo ist diese Grenze nicht wirklich überschritten. Der W&V antworteten die Verantwortlichen: „Es liegt uns fern und wir verurteilen ausdrücklich jegliche Formen der Diskriminierung von Minderheiten. Sollten sich Zuschauer dennoch diskriminiert fühlen, so entschuldigen wir uns aufrichtig.“ Auch wenn der Spot kein Kleinod der Werbeindustrie ist, würde ich die Aufregung mit diesem Statement beenden.