Schlechtreder von #Mundpropaganda – Muss das sein?

Ich habe mich gerade über die Kolumne  „Die Wahrheit“, die in der Taz erscheint, geärgert. Darin kritisiert der Autor Elmar Kraushaar die Aktion #Mundpropaganda der GQ  zu meinem Unverständnis ziemlich heftig. Zur Erinnerung: Vergangene Woche veröffentlichte das Männermagazin Bilder von heterosexuellen Prominenten, die sich küssten, um damit gegen Homophobie zu demonstrieren (Unter dem Motto „Gentlemen gegen Homophobie„). Zu Recht hat diese Kampagne großes Medieninteresse nach sich gezogen.

Die Kritik an der Aktion (auch von anderen Medien) ist in meinen Augen stark polemisiert. Natürlich sind für diese Prominenten die Küsse mit dem gleichen Geschlecht ein Job ohne Gefühle. So what!? Und natürlich ändert sich dadurch nichts direkt an der Situation der Lesben und Schwulen in Russland und in anderen Ländern, in denen Lesben und Schwule verfolgt werden. Das ist auch nicht das Ziel dieser Kampagne.

Auch kann die GQ nichts dafür, dass die Bildzeitung auf den Zug mit aufspringt, obwohl diese schon öfters Stimmung gegen Homosexuelle gemacht hat. Gegen Ende wird der Text in meinen Augen sogar geschmacklos, wenn er Lesben und Schwulen, die ihre sexuelle Orientierung nicht öffentlich kundtun vorwirft, sie seien feige. Die Entscheidung, die eigene Sexualität öffentlich zu äußern ist ein sehr private Entscheidung und es gibt gute Gründe dafür, aber auch gute Gründe dagegen. Die Argumente sind in meinen Augen abstrus. Vielleicht möchte die taz ihren Frust loswerden, nicht selbst eine so medienwirksame Kampagne erfunden zu haben. Denn gerade im Verkürzen von Botschaften steht die taz der von ihr vielkritisierten Bild in nichts nach.

Mich nerven aber vor allem diese (über-) politisch korrekten Schlechtreder, die die gute Botschaft einer solchen Kampagne herunterziehen wollen, weil beim Verkürzen einer komplexen Botschaft auf ein griffiges Bild ein Teilaspekt übersehen wurde. Es ist völlig unbestritten, dass der GQ ein PR Scoop damit gelungen ist, von dem die Zeitschrift profitieren wird (und es auch darf). Das haben nämlich alle Kampagnen gemein, egal wie gut deren Motive auch sind. Daraus einen Vorwurf zu drehen ist ein bisschen naiv.

Der Autor hat zwar recht in der Feststellung, dass diese Aktion keinen „Mehrwert“ für Lesben hat, das war aber auch nicht Ziel von #Mundpropaganda. Es möchten mir an dieser Stelle bitte alle Lesben verzeihen, ich würde mir auch eine Kampagne wünschen, in der es primär um Homophobie gegen Lesben geht. Doch die Zielgruppe der GQ sind nun mal heterosexuelle Männer. Diese haben tendenziell eher Ressentiments gegenüber Schwulen.

Bei #Mundpropaganda wird auf eine ziemlich treffende Weise dargestellt, wovor sich heterosexuelle Männer fürchten – nämlich, dass man sie für schwul halten könnte. Körperkontakt unter Männern ist tabu. So umarmen sich nur wenige Männer öffentlich, ein freundschaftlicher Kuss auf die Wange ist absolut undenkbar. Das ist unter heterosexuellen Frauen ganz selbstverständlich, ohne Angst, dass diese gleich lesbisch wirken könnten. Männern muss man noch beibringen, dass Gesten der Zuneigung nicht unbedingt homosexuell sind und sie danach noch echte Männer bleiben (ist vielleicht ein Erziehungsproblem). Diese Angst ist für das homophobe Verhalten einiger Männer verantwortlich. Daher ist die Kampagne für mich pointiert und gut umgesetzt und spricht die an, die sie betrifft. Denn zwei heterosexuelle Männer können sich (öffentlich) küssen und sind dann immer noch Männer, das hat keine sexuelle Komponente. Wie oft höre ich von heterosexuellen Männern, dass sie die Vorstellung ekelhaft finden, einen Mann zu küssen. Warum ist das so? Ich kann auch eine Frau küssen und finde das nicht ekelhaft. Das hat für mich auch keine sexuelle Bedeutung, sondern ist ein Ausdruck meiner Zuneigung für eine bestimmte Person.

Die Kampagne# Mundpropaganda benennt beim Kampf gegen die Homophobie in meinen Augen das Kernproblem in unserer Gesellschaft. Eine Botschaft, die ich durch und durch gut finde. Es wurde längst einmal Zeit, dass mit den klassischen Männlichkeitsvorstellungen gebrochen wird und dafür Aufmerksamkeit geschaffen wird, woher die tief verwurzelte Homophobie einiger Männer in einer doch recht aufgeklärten Gesellschaft noch kommt.

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Ein Kommentar zu “Schlechtreder von #Mundpropaganda – Muss das sein?

  1. Ich habe die Kritik von Herrn Kraushaar nicht gelesen und werde es auch nicht tun. Was ich über seinen Text denken könnte, wird ihn eh nicht erreichen…
    Aber als deinen Follower, wage ich eine Meinung zu haben und diese zu äußern.

    Du, ich fand die Aktion auch nicht der Burner: gut im Ansatz, aber schlecht in der Ausführung. Den künstlichen, inszenierten Mundkuss unter heterosexuellen Männern fand ich völlig daneben und erst recht in mancher Pose. So bekunden heterosexuelle platonische Freunde auch nicht ihre Zuneigung. Abgesehen davon, dass der Mundkuss in unserer Gesellschaft schon noch eine besondere Bedeutung haben sollte, oder? Damit meine ich nicht den flüchtigen Lippenstupser, der ich der Szene so üblich ist.

    Als wahres Zeichen gegen Homophobie hätte ich erwartet, dass die heterosexuellen Schnittchen, einen Hape Kerkeling, einen Wowi, einen Westerwelle oder diesen Ex-Brosis-Sänger u.a. abgeknutscht hätten.
    In der bekannten Konstellation (hetero x hetero) hätte ein frecher Wangenkuss oder eine freundliche Umarmung völlig gereicht. Das wäre in unseren Breitengraden genug, um den Promis zumindest Bisexualität anzulasten. Dass Männer ein Problem damit haben, ihr Hengst-Image nicht angekratzt haben zu wollen, ist klar: war so und bleibt noch lange so. Ich gehe aber noch ein Stück weiter und erlaube mir zu vermuten, dass je größer der Widerstand, desto größer der Homo-Anteil, der nicht geoutet werden möchte.

    Sag mal: küsst du „deine Frauen“ auf den Mund? Weil darum geht es ja, oder? Wenn ich „meine“ Freundinnen treffe, dann gibt es auch drei Küsschen, aber doch nicht auf den Mund!!!

    Die Absicht von GQ mag gut gemeint gewesen sein, aber m.E. doch nicht zu Ende durchdacht. Homophobie bekämpft man nicht indem zwei Heteros einen Mundkuss faken. Ken Duken und Alfred Biolek: das wäre eine Botschaft!!! ;-)

    Ich wünschte, wir müssten uns nicht darüber unterhalten und die sexuelle Orientierung so wichtig sei wie die Haarfarbe…

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