Gayromeo Storys: Über Umgangsformen online und offline

GayromeoGayromeo hat die schwule Welt nachhaltig verändert. Als viele heterosexuelle Online-Dater noch verschämt Lügen über ihr tatsächliches Kennenlernen erfunden haben („Wir haben uns im Museum kennen gelernt“) war die schwule Welt da etwas weiter. Von „casual Dating“ bis Partnersuche kann man auf den „blauen Seiten“ alles finden. Mittlerweile, so ist mein Eindruck, wird auf Partys lediglich noch der Realitycheck vollzogen. Manch einer schaut nur mal schnell, wen er am Abend darauf bei Gayromeo anschreibt („Hey, hab dich gestern auf der Party gesehen!“).  Ich möchte mich da gar nicht ausnehmen, aber irgendwie ist die Situation paradox. Fast jeder heterosexuelle Mann schafft es auf Partys, in Bars und auf der Straße Frauen anzusprechen. Egal ob kreativ oder plump – er tut es wenigstens. Auf schwulen Partys wird nur noch geschaut.

Was in der realen Welt nicht funktioniert, klappt online dann umso schneller. Ist man auf einer Party aber darauf angewiesen besonders nett zum Gegenüber zu sein (schließlich will man ihn ja für sich gewinnen) ist die online Kommunikation eine andere. Denn der Ton ändert sich fundamental, wenn die beiden Kommunikatoren über zwei Displays oder Monitore miteinander diskutieren. Die eigene Schüchternheit ist schnell vergessen und man kommt relativ schnell zur Sache. Der Grad der Enthemmung nimmt vor allem dann ab, je anonymer die Profile gestaltet sind. Einer realen Person würde man wohl kaum ein einziges Verb mit einem Fragezeichen entgegenrufen und hoffen darauf eine positive Antwort zu bekommen (Oder ich habe Männer einfach nicht verstanden).

Aber mal abgesehen von der steigenden Direktheit, leidet bei Gayromeo (Grindr und anderen Dating-Plattformen) vor allem der Umgangston. Das ist kein schwules Phänomen oder eine Sache, die sich nur auf Dating-Plattformen findet. Wer sich davon überzeugen will, sollte die Kommentare unter Bild.de Artikeln oder YouTube-Videos lesen. Wer einen Beweis für den Untergang der westlichen Kultur oder des Bildungsbürgertums sucht, wird ihn dort finden. Das Internet ist allgemein ein Ort, an dem Menschen ihre gute Erziehung vergessen und soziale Hemmungen abbauen. Würde man seinem Gegenüber auch ins Gesicht sagen, dass man ihn fett und abstoßend findet? Wohl kaum. Im Internet verwandeln sich eigentlich nette Menschen in rücksichtslose Egomanen. Das kann man ein bisschen mit dem Schimpfen im Auto vergleichen. Dort wähnt man sich von den Gegenattacken der anderen in Sicherheit.

Ich finde, und das ist auch meine Philosophie im Internet, dass sich jeder überlegen sollte, bevor er etwas abschickt, ob er das auch im realen Leben zu dieser Person sagen würde. Alle Arschlöcher sind jetzt natürlich fein raus, aber die Mehrzahl der Menschen würde das eigene Kommunikationsverhalten überdenken und die Zahl der Beleidigungen und online Feindschaften reduzierte sich drastisch. Viele Umgangsformen werden aber auch unreflektiert übernommen, z.B. gewisse Formulierungen in Profiltexten. Das habe ich schon in einem anderen Beitrag ausführlicher behandelt.

Wenn sich jeder ein bisschen mehr darauf besinnen würde, dass seine Worte (auch wenn sie online von Endgerät zu Endgerät gesendet werden) einen Einfluss auf andere Menschen haben, auch ohne ihre Emotionen direkt zu sehen, der Umgang auf Plattformen wie Grindr und Gayomeo wäre um einiges angenehmer.

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