Skandal um schwulen Landrat: Kann man sich überhaupt wehren?

„Bayerischer Landrat – Sex im Amt“ titelte die BAMS am 17.11.2013 großflächig auf Seite 1. Ein schwuler Landrat in Bayern soll seine Amtsräume anderweitig verwendet haben. Allerdings ist die Beweislage dieses vermeintlichen Skandals nicht wirklich beeindruckend, denn sie stützt sich hauptsächlich auf Aussagen einer Gayromeo-Bekanntschaft des Landrats. Der Erkenntnisgewinn tendiert gegen Null. Die detaillierte Aufarbeitung des Skandals im journalistischen Flagschiff des Axel-Springer-Verlags „Welt“ kann als Unverschämtheit bezeichnet werden.

Aber Sex zieht bei Springer-Bläütter noch immer am besten. Auf den angeblichen Skandal will ich im Detail nicht näher eingehen. Ich will mich eher mit folgender Frage beschäftigen: Hätte dieser Artikel überhaupt gedruckt werden dürfen und welche Möglichkeiten hat das Opfer dieser Schmutzkampagnen sich zu wehren?

Das pikante an dem Skandal ist nämlich nicht, ob er wahr ist oder nicht, sondern dass er überhaupt publiziert wurde. Das Sexleben eines Menschen, auch eines Prominenten oder Politikers, gehört zu den intimsten Dingen überhaupt, über die man so einfach nicht schreiben darf. Die Ausnahme ist natürlich man gibt explizit oder implizit die Erlaubnis dazu. Mit impliziter Erlaubnis schließe ich alle prominenten Personen mit ein, die aus dem eigenen Privat- oder Sexleben eine Marke gemacht haben. Ein anderer Grund könnte das hohe öffentliche Interesse eines Skandals sein, z.B. die Drogen- und Sexpartys von Michel Friedmann oder das Doppelleben des damaligen Bundesagrarministers Horst Seehofers. Bei diesen Personen kam allerdings noch hinzu, dass sie sich selbst als besonders moralisch inszeniert haben. Medienanwalt Johannes Johnny Eisenberg stellt im Falle Seehofer dazu fest: „Das entscheidende Kriterium ist, ob man selber in guten Zeiten seine Familie zum Gegenstand öffentlicher Wahrnehmung macht, die Frau präsentiert, Homestorys zulässt.“ Menschen des öffentlichen Lebens müssen sich aber nicht einschließen und ihre Familie verstecken. Nur wer Kapital aus dem Privatleben schlägt, darf sich nicht wundern, wenn Bild wieder zuschlägt. Außerdem ist das Bekenntnis, dass man schwul sei, keine Einladung, das Liebes- und Sexleben eines Politikers zu durchleuchten. Auch Willy Brandt hatte Affären, obwohl er verheiratet war. Dennoch waren seine Liebhaberinnen nicht Schlagzeile bei Bild.

Im Falle Seehofer kann man noch argumentieren, dass die Bevölkerung (vor allem bei einem Politiker, der ein konservatives Familienbild propagiert) ein Interesse daran hat die Wahrheit zu erfahren. Bei einem schwulen Landrat fällt es mir schwer nachzuvollziehen, welches öffentliche Interesse (außer der Sensationsgier der Bildleser) eine Veröffentlichung rechtfertigen würde

In diesem Artikel wird gar behauptet, dass Bild den Artikel aus homophoben Motiven veröffentlicht hat bzw. die homophoben Bedürfnisse der Leserschaft damit ansprechen wollte. Ebenso argumentiert David Berger in einem Interview auf vocer.org . Das Glück dieses bayerischen Landrates dürfte es sein, dass er relativ viel Rückhalt aus seinem Landkreis und aus vielen anderen Richtungen erhalten hat. Einen Imageschaden wird er vermutlich trotzdem davon tragen. Das ist der eigentliche Skandal.

Kann man sich wehren?

Es handelt sich bei allen Meldungen dieser Art um rechtliche Grauzonen und Springer riskiert die gerichtliche Auseinandersetzung immer wieder aufs Neue. Denn einen langwierigen Prozess wollen sich viele einfach ersparen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er diesen Weg gehen möchte, um die intimen Details nicht noch öffentlicher zu machen. Hieran krankt ein bisschen unser Rechtssystem, denn gerade in diesen Fällen müssten solche Prozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Außerdem haben die wenigsten Politiker das nötige Kleingeld, um es mit der Medienanwälte-Schar des Axel-Springer-Verlags aufzunehmen. Ein mieses Kalkül des billigen Klatschjournalismus – aber es scheint zu funktionieren. Es bleiben nur kleine, relativ unbedeutende Mittel, sich zu behelfen (z.B. in Form einer Gegen- oder Richtigstellung). Ministerpräsidentin Heide Simonis wehrte sich auf die Gerüchte der Bild, sie vor ins Dschungelcamp zu gehen mit einer riesigen Gegendarstellung. Denn wehren sich die Betroffenen nicht, wird das gemeinhin als stilles Eingeständnis der Schuld gewertet. Ich finde es schwierig zu entscheiden, ob man sich dagegen wehren sollte oder nicht. Ich freue mich auf Meinungen zu diesem Thema.

So schwul ist Schule! Meine Erfahrungen mit Homophobie

Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, frage ich mich manchmal, warum ich solch eine Angst hatte, dass meine Homosexualität dort bekannt werden könnte. Da mein Abitur mittlerweile fast acht Jahre zurückliegt sind meine Erinnerungen etwas milder geworden, zumal die Menschen, die mit mir damals zu Schule gegangen sind längst erwachsen (vielleicht sogar reif) geworden sind. Unvorstellbar also, dass mir einer davon feindlich begegnet wäre.

Dennoch weiß ich noch sehr gut, dass ich eine panische Angst davor hatte, es könnte auch nur der kleinste Verdacht aufkommen, ich sei schwul. Zu einem großen Teil lag das auch daran, dass mir meine eigenen Gefühle bis dato nicht wirklich geheuer waren. Dennoch nahm ich wahr, wie in meiner Umgebung über Homosexualität gesprochen wurde. Lesben und Schwule ins Lächerliche zu ziehen gehörte noch zu den harmloseren Äußerungen. Jungs haben sich im Sportunterricht „angeschwult“ (wie es damals hieß) oder im Deutschunterricht wurden die pädophilen mit den homosexuellen Neigungen von Thomas Mann gleichgesetzt und sich darüber lustig gemacht. Aus Angst entdeckt zu werden, habe ich zumindest dabei mitgemacht. Man wollte ja nicht auffallen.

In meiner Schulzeit waren die Adjektive „schwul“ bzw. „homo“ Synonyme für alles Negative und wurden so oft genutzt, dass keiner an die wirkliche Bedeutung der Worte mehr dachte. Noch heute erlebe ich, dass jemand eines dieser Worte als Synonym für „Scheiße“ verwendet. Manchmal kommt dann doch so etwas wie eine Entschuldigung: „Du weißt, dass das nicht beleidigend dir gegenüber gemeint ist, oder?“ Nichtsdestotrotz zucke ich jedes Mal unwillkürlich zusammen. Mit 18-Jahren verstärkten solche lapidaren Äußerungen mein Unwohlsein mit meiner Identität jedenfalls beträchtlich. Die Homophobie in meiner Schulzeit blieb aber nicht dabei einen lustigen Spruch über Homosexuelle zu bringen. Ich erinnere mich noch gut, dass offensichtlich schwule Mitschüler für ihre femininen Verhaltenszüge gemobbt wurden. Doch es ging noch schlimmer. Ein Mädchen aus meiner Parallelklasse, über das bekannt wurde, dass es lesbisch war, ging durch die pubertäre Hölle. Sie hat es nach meiner Wahrnehmung ganz gut verkraftet, dennoch wollte ich zu keinem Zeitpunkt mit ihr tauschen.

Ich selbst war daher nicht so mutig zu mir zu stehen und habe aus meiner eigenen Identität lange ein Geheimnis gemacht. Erst als ich das schriftliche Abitur hinter mich gebracht habe, vertraute ich mich den ersten aus meinem Jahrgang an. Nach und nach ist das „Geheimnis“ dann durchgesickert und als das Gerede anfing, war ich glücklicherweise schon längst im Ausland und habe davon nicht viel mitbekommen.

Warum gebe ich diesen kleinen autobiografischen Einblick in mein Leben? Ich möchte auf das generelle Problem des Umgangs mit Homosexualität in Schulen hinweisen. Lesbische und schwule Schüler (aber auch Lehrer) leben meistens versteckt und leiden darunter in einem homophoben Umfeld zu leben. Homophobie in der Schule wird regelrecht toleriert. Schüler leben in der ständigen Angst aufzufliegen. Das ist natürlich von Schule zu Schule unterschiedlich. Dennoch wird das Thema von Pädagogen nicht ernst genug genommen worden. Die meisten Schüler kommen mit dem Thema nicht in Berührung. Es herrscht ein vollkommenes Unwissen über Homosexualität und was man nicht kennt, das lehnt man ab. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals im Sexualkundeunterricht etwas über Homosexualität erfahren habe. Genauso wenig ging es in den Fächern Ethik/ Religion jemals um das Thema Homosexualität und vor allem nicht um die Toleranz gegenüber diesem Thema.

Den Schaden, den die Schule am Selbstwertgefühl von homosexuellen Jugendlichen anrichtet, ist enorm. Kinder und Jugendliche müssen sich viel früher mit diesem Thema auseinandersetzen. Im Unterricht muss das Thema aufgeklärt und tolerant behandelt werden und zwar in allen Fächern (Sexualkunde, Ethik, in Literatur, Kunst und Religion). Homophobes Verhalten muss in meinen Augen geahndet werden und sollte den gleichen Stellenwert bekommen wie Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit. Das Stillschweigen vieler Lehrer kommt einer Legitimation von Homophobie gleich. Außerdem finde ich, dass unbedachte homophobe Äußerungen (z.B. „homo“ als Synonym für „Scheiße“) offen thematisiert werden sollten. Ob es etwas bringt, so ein Verhalten zu sanktionieren, möchte ich bezweifeln. Aber es geht darum Schüler zu einem toleranten Verhalten zu erziehen und wie ich in einem früheren Beitrag schon erwähnt habe, fängt Diskriminierung schon mit der Sprache an.

Mich würde aber interessieren, welche Erfahrungen ihr gemacht habt. Es würde mich freuen, wenn sich jemand bereit erklärt diese mit mir zu teilen.