Kampagnen gegen Homophobie – Bringt das was?

Quelle: HAZ Zürich https://www.facebook.com/photo.php?fbid=747748388572172&set=a.747748351905509.1073741831.100000110543209&type=1&theater

Quelle: HAZ Zürich http://on.fb.me/16zoSDj

„Mein Sohn ist schwul. Warum sollte ich ihn weniger lieben?“ Mit diesem Slogan startet die Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich eine Kampagne für die Toleranz von Eltern für ihre homosexuellen Kinder. Mit Plakaten an Bus- und Bahnstationen sollen vor allem Migranten der Stadt angesprochen werden. Daher sind die Slogans in insgesamt sechs verschiedenen Sprachen verfügbar.

Eines ist der Kampagne sicher – sie erzeugt große Aufmerksamkeit. Schon alleine wegen ihrer Einzigartigkeit. Aufmerksamkeit ist zwar schön und gut, doch stelle ich mir die Frage: Können gut gemeinte Sprüche auf Plakaten homophobe Ressentiments von Eltern gegenüber wirklich ausräumen? Oder kurz gefragt: Bringt das was? Ich möchte diese Frage exemplarisch an dieser Kampagne versuchen zu beantworten.

Eine Antwort darauf ist sicher nicht einfach. Doch letztlich ist die Abneigung gegenüber Homosexualität bei vielen Menschen eine tiefe z.B. religiöse Überzeugungen und daher tief verwurzelt. Ein Mensch, der der festen Überzeugung ist, dass Homosexualität etwas Abstoßendes oder gar eine Sünde ist, wird sich wohl kaum durch ein Plakat vom Gegenteil überzeugen lassen. Zumal Menschen dazu tendieren, wenn sie mit Kommunikationsinhalten konfrontiert werden, die gegen ihre eigene Überzeugung stehen, diese Inhalte besonders stark abzulehnen. Das ist etwas urmenschliches. Darum lesen ultra-Konservative nicht unbedingt die taz, um sich politische Meinungen einzuholen (es sei denn um die Argumentation des politischen Gegners zu bekommen). Menschen mögen es gar nicht, wenn sie mit unangenehmen Informationen konfrontiert werden, vor allem bei eigenen Überzeugungen. Nach Leon Festinger (1957) kommen Menschen durch solche unangenehmen Informationen in einen Zustand der „kognitiven Dissonanz“.

Laut der allwissenden Wikipedia bezeichnet „Kognitive Dissonanz (…) in der (Sozial-)Psychologie einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen hat – Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten –, die nicht miteinander vereinbar sind. (…) Starke Dissonanz entsteht insbesondere bei einer Gefährdung des stabilen, positiven Selbstkonzepts, wenn also jemand Informationen bekommt, die ihn als dumm, unmoralisch oder irrational dastehen lassen.“

Generell versucht jeder Menschen einen solchen Zustand zu vermeiden. Daher meiden wir solche Inhalte oder suchen, wenn wir diese Inhalte rezipieren mussten, andere bestätigende Inhalte für unsere eigene Überzeugung.

Das alles klingt sehr theoretisch ist aber an vielen Beispielen belegt. Persuasion funktioniert nicht so einfach, wie man sich das vorstellen kann. Das ein schwieriger psychologischer Prozess, vor allem bei dem Thema Homosexualität, da sich dort die tiefe Abneigung gegenüber Homosexualität allgemein und die Liebe zum eigenen Kind gegenüberstehen. Mehr Dissonanz geht eigentlich gar nicht. Somit sind Entscheidungen wirklich nur sehr schwer vorherzusagen.

Letztlich möchte ich aber mit meinem Einwand nur verdeutlichen, dass Menschen keine monolithischen Gebilde sind, die einen Medieninhalt aufnehmen und linear verarbeiten. Gerade die Voreinstellungen von Menschen hinsichtlich eines so emotionalen Themas wie Homosexualität sind nicht ganz unerheblich zu bedenken. Das bedeutet, dass uns ein solches Plakat sehr positiv auffallen kann, aber einer Person, die Homosexualität aus tiefster Überzeugung verachtet, eine stark ablehnende Reaktion bewirken könnte. Vielleicht wird es von einigen Gruppen sogar als gesellschaftliche Bevormundung aufgefasst.

Bringt’s was?

Für mich ist bei der Betrachtung einer solche Kampagne neben der Intention auch der Outcome entscheidend. Nun wird die Stadt Zürich wohl kaum die Mittel haben in einer Vorher- und Nachhermessung in laborähnlichen Experimenten eine Einstellungsänderung zu überprüfen. Darin liegt aber, meiner Meinung nach,  das Problem vieler Kampagnen. Es wird von viel zu günstigen Prämissen ausgegangen. Einstellungen lassen sich nicht durch das einseitige Aussenden von Inhalten ändern. Schon gar nicht in einem solch brisanten Thema.

Der Effekt, den diese Kampagne hat, ist es vor allem Aufmerksamkeit zu schaffen. Aufmerksamkeit für ein sehr sensibles Thema – nämlich dass Söhne und Töchter wegen ihrer Homosexualität von ihren Eltern verstoßen werden und das zu dieser Gruppe viele Migrantenkinder zählen. Eine traurige Tatsache, für die es in der Gesellschaft kein wirkliches Bewusstsein herrscht.

Damit verfehlt die Kampagne zwar ihr eigenes Ziel, nämlich Denkanstöße bei den Betroffenen zu setzen, was aber nicht ganz umsonst sein muss. Um die Situation von homosexuellen Kindern, die in einem homophoben Elternhaus aufwachsen (und das ist längst nicht nur auf Migranten beschränkt) zu verbessern, hilft (wenn überhaupt) nur der direkte Dialog mit den Beteiligten. Das kann durch so eine Kampagne begünstigt werden, es wären aber noch viele andere Mittel, z.B. die persönliche Aufklärung, notwendig.

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