Sotschi? Nein danke! Oder doch nicht?

Wiederholt sich die Geschichte eigentlich immer wieder, oder schaffen wir es daraus zu lernen? Diese Frage stellt sich bei den olympischen Winterspielen von Sotschi 2014 und das aus zweierlei Gesichtspunkten: Zum einen wecken die Boykottaufrufe, allen voran durch den britischen  Schauspieler und Autoren Stephen Fry, die Erinnerungen an die skandalösen Boykottspielen von Moskau aus dem Jahre 1980. Damals blieb der Westen als Protest gegen den Afghanistan-Einmarsch der russischen Armee den olympischen Spielen fern. Die Spiele verkamen zu einer Propagandaveranstaltung des siechenden Kommunismus und wurden vom Westen mit Hohn und Spott bedacht. Die internationalen Beziehungen zwischen Westen und Osten hatten einen weiteren Tiefpunkt erreicht.

Zum anderen ist gerade der Apell von Fry ein Weckruf für die Weltöffentlichkeit, dass Menschenrechte und soziale Verfolgung ein schwerwiegendes Problem in Russland darstellen und Parallelen mit anderen schrecklichen Verbrechen des letzten Jahrhunderts aufweisen. Homosexuelle werden in Russland systematisch ausgegrenzt und verfolgt und das mit staatlicher Legitimation. Daher rief Fry in einem offenen Brief an britischen Premierminister David Cameron und das britische olympische Komitee zum Boykott der olympischen Winterspiele in Sotschi auf. Letztlicher Auslöser dieses Boykottaufrufs war die Ankündigung der russischen Regierung, das Gesetz zum „Schutz der Jugendlichen vor der Darstellungen nicht-traditioneller sexueller Orientierungen“, das jede Form von homosexuellen Verhaltens oder jede positive Äußerung über Homosexualität verbietet, während den olympischen Spielen nicht zu pausieren. Fry zieht nicht unumstritten Parallelen mit der Situation der Juden während des Nationalsozialismus in Deutschland. Für ihn solle die Weltöffentlichkeit dem Autokraten Putin keine Buhen zur Selbstinszenierung bieten wie 1936 Hitler in Berlin. Das Gesetz, so Fry, soll die Rechte einer Minderheit ausschalten und dient der systematischen Verfügung von Homosexuellen durch den russischen Staat. Eine Überspitzung der Situation, aber die Ähnlichkeiten sind frappierend. Schwule in Russland müssen fürchten für ihre Identität verfolgt und eingesperrt zu werden. Verfolgung und Diskriminierung lassen sich aber nur schwer mit dem Gedankengut der olympischen Spiele der Moderne verbinden. Daher ist der Boykottaufruf berechtigt.

Der Image-Schaden für die Sotschi-Spiele ist jetzt schon enorm. Denn die Assoziation zu zwei geschichtlichen bedrückenden Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts (Olympia-Boykott 1980 und Berlin 1936) schadet der Marke Olympia und stellt die ganze Veranstaltung in ein schlechtes Licht.

Wichtige Politiker haben sich, wohl auch aus Gründen der internationalen Politik, gegen einen Boykott ausgesprochen. Es gab aber auch Kritik an den Boykottaufrufen zu Sotschi, a man dadurch letztendlich nur den Sportlern schade. Eine andere Möglichkeit ist es, Sotschi zu nutzen, um gegen das russische Vorgehen gegen Homosexuelle zu demonstrieren. Das wiederum ist nicht ganz ungefährlich.

Ich finde durchaus, dass man beide Ansichten teilen kann: Sowohl die der Olympia-Boykottierer als auch derer, die sich dafür aussprechen jetzt erst recht Flagge in Russland zu zeigen. Beide Szenarien haben ihren Reiz. Die Blamage der russischen Regierung durch ein Fernbleiben wichtiger westlicher Länder (oder bestimmter Sportler) würde offenlegen wie gespalten die Weltöffentlichkeit über 20 Jahr nach Ende des Kalten Krieges immer noch ist. Auf der anderen Seite fehlte vor allem den Menschen in Russland das Verständnis für einen solchen Boykott. Dass der Protest auch anderes geht, haben einige Athleten während der diesjährigen Leichtathletik-WM in Moskau unter Beweis gestellt: Zwei russische Athletinnen küssten sich öffentlich auf dem Siegerpodest  und taten so ihren Protest gegen das Anti-Homosexuellen Gesetz von Putin kund. Eine größere Bloßstellung für den russischen Präsidenten wäre wohl kaum vorstellbar. Diese Form des Protests kann aber für Sportler in einem Unrechtsstaat wie Russland schwerwiegende Konsequenzen haben. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie sich Russland für solche Eventualitäten (gerade nach den Aktionen während der Leichtathletik-WM) rüstet.

Die Geschichte wird sich wohl nicht auf gleiche Weise wiederholen. Denn die Weltöffentlichkeit hat Angst vor eine politischen Eiszeit zwischen dem Westen und Russland, der durch einen Olympia-Boykott ausgelöst würde. Auf der anderen Seite muss man die Warnungen von Stephen Fry durchaus ernst nehmen, was die Situation von Schwulen und Lesben in Russland angeht. Der russische Staat hat mit seinem Anti-Homosexuellen Gesetz einer systematischen Verfolgung dieser Minderheit Tor und Tür geöffnet. Auch wenn vielen der Vergleich zum Nationalsozialismus zu krass erscheint sind die Parallelen erschrecken und müssen öffentlich diskutiert werden. Das olympische Komitee sollte sich zukünftig bei der Auswahl der Austragungsorte an der politischen Situation der einzelnen Länder orientieren und ob diese mit der Marke Olympia vereinbar sind, damit sich das nicht wiederholt.

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Ein Kommentar zu “Sotschi? Nein danke! Oder doch nicht?

  1. Sie kenne meine Meinung um dieses Thema, welches für 99% der Menschheit keines ist.
    Trotzdem, kein schlechter Text! Mit Respekt, mindestens 2 Faktoren zerstören Ihren Syllogismus:
    1. Sie (und andere westliche Aktivisten) nehmen einfach an, dass Präsident Putin der einzige homophobe Russe ist, nicht gerade eine vertrauensbildende Einstellung.
    Persönlich nehme ich an, dass die meisten Russen (wie auch der Rest der Asiatischen Region, also 2/3 der Menschheit) zumindest gegen den unnötigen und rein provokativen vulgären Exibitionismus vieler Schwule sind.
    2. Russland ist eine souveräne Nation, mit ihrer eigenen Kultur, die man nicht zu verstehen braucht, aber respektieren muss. Westliche Maßstäbe anzulegen (in ALLEN Bereichen) zeugt von selbstgefälliger Arroganz, wie sie sich immer nur der Westen erlaubt.
    Wir sind mitnichten die globalen Herren der Werte.
    Sicher trifft dies aber nicht auf Sie zu- dazu sind Sie zu intelligent.
    Grüße.

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