Billige Provokation: Ist Homo-Hass in Liedtexten Kunst?

Ich möchte fast schreiben, dass dieser Beitrag aus aktuellem Anlass verfasst wurde, obwohl es ein Thema ist, dass mich schon lange umtreibt – Diskriminierung von Homosexuellen durch Sprache und wie die Gesellschaft damit umgehen sollte. Ich muss dem „Rapper“ Bushido fast dankbar sein. Denn mit seinem neuen Lied (Titel wird aus guten Grund nicht genannt) hat er eine Debatte losgetreten, die längst überfällige ist: Wo hört die künstlerische Freiheit auf und wo fängt Diskriminierung an? Auf der anderen Seit frage ich mich, was diskriminierende Äußerungen überhaupt in der Kunst verloren haben?

Nicht erst seit Bushidos aktuellem Lied und den zahlreichen Liedern davor, werden Homosexuell von Musikern, aus der Hip Hop- und Dancehall/Reaggae-Szene beschimpft, teilweise wird auch offen zur Gewalt gegen Schwule aufgerufen. Reaggae-Künstler berufen sich darauf, dass in ihrem Kulturkreis Homosexualität unmoralisch und verpönt sie. Auf die kulturelle Komponente möchte ich mich in einem anderen Beitrag auseinandersetzen.

Das Argument der kulturellen Unterschiede kann für Bushido nicht gelten, auch wenn er einen tunesischen Vater hat. Schließlich lebt er in Deutschland und ist in diesem Kulturkreis groß geworden. Demnach sollten ihm unsere westlichen Werte am nächsten sein.

Warum ist sein Lied aber diskriminierend?

Erstaunlicherweise gibt es sehr unterschiedliche Meinungen darüber, ob die Texte von Bushido beleidigend sind, oder eben nicht. Einige sagen, dass die Diskriminierungen nicht so schlimm seien und sich Schwule nicht so anstellen sollen. Schließlich gebe es ja das Recht auf freie Meinungsäußerung (Dabei habe ich noch nicht mal die Morddrohungen gegenüber Claudia RRoth berücksichtigt, das ist ein ganz anderes Thema).

Der Rapper reagierte sogar in einem Interview mit dem Sender NTV überrascht, dass sich Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit beleidigt fühlt, wenn er als Schwuchtel bezeichnet wird. Das sei, so der Rapper, schließlich Jargon der Szene. Echte Hip Hop- Fans wüssten, was damit gemeint sei. Jargon hin oder her ist meiner Meinung nach nicht entscheidend. Im Nachhinein kann man jedes noch so herabwürdigende Wort mit diesem Argument rechtfertigen. Kommunikation ist zwar kein einseitiger Prozess und verläuft auch nicht linear. Jeder Mensch decodiert eine Botschaft anders nach seinen persönlichen Erfahrungen und kognitiven Strukturen.

Dennoch gibt es gesellschaftliche bzw. kulturelle Konsense wie manche Worte zu deuten sind: Schwuchtel z.B. ist und beliebt homophob. Das kann man deuten wie man möchte. Ich finde zudem, dass sich diese Form der sprachlichen Diskriminierung nicht mit künstlerischer Freiheit rechtfertigen lässt, da hierbei Menschen in ihrer persönlichen Würde angegriffen und herabgesetzt werden. Kunst und Meinung müssen im Einklang mit den deutschen Gesetzen stehen.

Diese Form der öffentlichen Bloßstellung müssen und sollen sich Homosexuelle nicht gefallen lassen. Ich möchte auch die gesamte Gesellschaft aufrufen, solche Diskriminierungen nicht zu tolerieren. Entscheidend finde ich, welche Effekte solche Texte bei den Hörern/Fans von Bushido-Liedern auslösen. Denn diese Lieder vermitteln ein völlig falsches Menschenbild. In diesen Texten wird impliziert, dass es völlig in Ordnung ist, Menschen wegen ihrer „Abweichung zur Norm“ verbal herabzusetzen und zu beleidigen. Ich glaube auch nicht, dass sich jeder Hörer und gerade nicht die adoleszente Zielgruppe solcher Musikstücke dermaßen reflektiert mit den Texten des Rappers auseinandersetzt. Für jeden, der das Wort „Schwuchtel“ benutzt, bleibt es eine Beleidigung von homosexuellen Männern. Ob das Lied aber tatsächlich strafrechtlich relevant ist, müssen Gerichte entscheiden. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, bedienen sich einige Künstler leider der billigen Provokation – so auch Bushido. Auf der anderen Seite sollte man den Rapper, der auf freie Meinungsäußerungen und künstlerische Freiheit pocht, fragen, ob er die Ansichten von Thilo Sarrazin für legitim hält. Dieser behauptete in seinem Buch, Migranten seien dümmer als Deutsche [Achtung: Nicht meine Meinung] und letztlich für den gesellschaftlichen Abstieg von Deutschland verantwortlich.

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