Der Waldschlösschen-Appell gegen Homopobie

Letzte Woche habe ich einen Kommentar zu der Forderung von David Berger verfasst, der „Homohasser“ aus den deutschen Medien verbannen möchte.

Unter der Seite www.der-appell.de/ rufen schwul-lesbische Journalisten und Bloggern dazu auf, diskriminierende Meinungen zu Homosexualität keine Bühne mehr zu gewähren. Der Appell entstand im Rahmen eines Seminars im Tagungshaus Waldschlösschen (daher der Name). Die Teilnehmer der Tagung verurteilen den Umgang der Medien mit homophoben Talkshow-Gästen wie Martin Lohmann, Gabriele Kuby oder Katherina Reiche.

Der Appell fordert Medienschaffende dazu auf, gegen diskriminierende Äußerungen gegenüber Homosexuellen klar vorzugehen und vor allem homophoben Personen keine Plattform zu bieten, ihr diffamierenden Meinungen zu verbreiten.

Diese Aussagen sieht der Appell als diffamierend an:

  • „Homosexualität sei widernatürlich
  • Homosexualität sei eine Entscheidung
  • Homosexualität sei heilbar
  • Heterosexuelle Jugendliche könnten zur Homosexualität verführt werden
  • Homosexualität sei eine Begünstigung für sexuellen Missbrauch
  • Die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften sei eine Gefahr für die Gesellschaft (etwa, weil durch sie weniger Kinder geboren werden würden)“

Diese Forderungen haben die Unterzeichner des Appells an die Medien:

  1. „solche Aussagen deutlich als diskriminierende Anfeindungen zu kennzeichnen und zu verurteilen (so wie es auch etwa bei rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Anfeindungen geschieht),
  2. Vertretern solcher Aussagen keine Plattformen zu bieten, so lange sie sich nicht klar von ihnen distanzieren,
  3. Homosexuelle in Beiträgen und Diskussionen nicht länger in die Situation zu bringen, sich für ihre sexuelle Orientierung rechtfertigen zu müssen.“

Immer wieder wird behauptet, dass ein solcher Appell die Meinungsfreiheit in unserem Land beschneiden würde bzw. dass eine kritische Auseinandersetzung in dieser Debatte nicht gewünscht sei. So auch in dem Blog-Beitrag des „rosaroten Maulwurfs“. Mal abgesehen von der schlechten Lesbarkeit des Artikels (furchtbares Format und verwirrende Sprache) ist die Argumentation gegen den Appell nicht akzeptabel.

Was sind denn eigentlich die Argumente des Autors?

Ich lasse bewusst die Passagen darüber aus, in denen der Autor schwadroniert, dass man keine schwule Identität brauche bzw. Talkshow-Zuseher generell doof wären. Diese Argumente sind alles andere als sachlich. Darum nicht wert darauf näher einzugehen. Was eine schwule Identität ist habe ich aber schon mal in diesem Beitrag beschrieben.

Das erste Argument des Autors versucht die Debatte einzuordnen, da er den Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Diskriminierungen sucht.

„Der Vergleich mit Rassismus, Sexismus, Antisemitismus ist irrig. Bei diesen besteht ein ausgeprägter, wenn auch nicht lückenloser Konsens darüber, welche Art von Aussagen erlaubt und welche unerlaubt sind.“

Das stimmt so nicht. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Sarrazin-Debatte vor wenigen Jahren. Darf ein honorierter Politiker wie Sarrazin (ex-Finanzsenator n Berlin) solch extreme rassenideologische Äußerungen einer breiten Medienöffentlichkeit verbreiten? Die Antwort darauf fiel geteilt aus. Besonders an den Stammtischen der Republik fanden sich viele Befürworter von Sarrazin.  Aber auch in der Breite der Gesellschaft stießen die rassistischen Ansichten teilweise auf positive Resonanz. Trotzdem diffamierte das Buch von Sarrazin Ausländer durch Generalisierungen und Behauptungen, die  angeblich eine wissenschaftliche Grundlage hätten. Ich finde, dass folgende Aussage des Autors nach seiner eigenen Logik sowohl auf Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus anzuwenden sind.

„(…) niemand weiß, ob mit dem Ausdruck „Homophobie“ nun ein psychisches Problem, eine politische Einstellung oder eine theoretische Überzeugung bezeichnet werden soll. Oder einfach dummes Gerede.“

Also kein Argument.

Danach zählt der Autor einige Stammtischkommentare über z.B.  Chinesen oder Afrikaner auf und fragt provokant, wer denn festlege, welche Äußerungen diskriminierend seien und welche nicht. Man fühlt sich bei dieser Art der Argumentation in das vorige Jahrhundert versetzt. So haben die Altvorderen in den 50ern schon gegen den Feminismus gewettert. Aus Angst vor dem wachsenden Selbstbewusstsein von Frauen. Auf diese Weise argumentieren aber auch Rechtspopulisten wie Haider oder Sarrazin. Fakt bleibt, dass diese Personen lediglich negative Klischees und Stereotypen wiederholen und schlichtweg beleidigend sind. Die Begründung fällt daher eher dürftig aus. Den nächsten Punkt finde ich dann ganz besonders interessant:

„Die Verfassern und Verfasserinnen des ‚Waldschlösschen-Appells‘ verwechseln ihr eigenes Wissen mit dem, was andere für wahr halten müssen.“

Was ist denn „das, was andere für wahr halten müssen“? Liegt es an der Ausdrucksweise und verstehe den wahren Sinn nicht oder möchte der Autor sagen, dass hier Wissen mit Glauben verwechselt würde? Wissen beruht auf Fakten, Glaube auf Vermutungen. Die Argumentation schießt sich damit ins eigene Bein. Denn die Aussagen des „Waldschlösschen-Appells“ beruhen auf den aktuellsten, international anerkannten Erkenntnissen. Was z.B. die Kirche für wahr hält, hat nichts mit Wissen (schon gar nicht mit Wissenschaft) zu tun, sondern mit Dogmen und Ideologie. Daher ein seltsames Argument, wie ich finde.

Zum Schluss folgt noch eine länger Abhandlung über das Konstrukt der schwulen Identität, das nicht nur verwirrend geschrieben ist (man möchte dem Autoren ein paar Satzzeichen zur Verfügung stellen), sondern an den Haaren herbeigezogen.

„Damit kommt die heterokratische Gesellschaft der Verwirklichung ihres alten Traumes von der Auslöschung der Homosexualität so nahe wie möglich. Homosexualität als Homosexuellsein ist nämlich als Spezifik einer bloßen Minorität aus dem Allgemeinen, dem jedem Möglichen hinausdefiniert. Die Mehrheit bleibt davon verschont. Und unbelastet von kritischen Fragen können die Heterosexuellen fortan ihrem monströsen Treiben ungestört nachgehen.
Aber Homosexualität, die toleriert werden kann, ist es nicht wert, praktiziert zu werden! Integrierte Schwule sind ethisch und ästhetisch kastrierte Schwule! Mann müsste wieder … Man könnte immer noch … Man sollte endlich … Aber ach, was reg ich mich auf! Kritische Konzepte von Homosexualität sind einfach nicht mehr erwünscht.“

Dieser Beitrag ist eigentlich nichts anderes als eine Empörung gegen die schrittweise veränderte Wahrnehmung von Homosexualität in unserer Gesellschaft. Es scheint den Autoren zu stören, dass Homophobie in einer Reihe mit Antisemitismus, Rassismus oder Sexismus steht. In der Sache nennt er aber kein Argument gegen den „Waldschlösschen-Appell“. Dabei könnte man über das Thema so schön sachlich diskutieren: beispielsweise, ob es sinnvoll ist diese Meinungen aus der Öffentlichkeit zu entfernen oder ob man sich durch diese radikale Forderung eher Feinde als Freunde bei Medien macht. Das wurde in einem anderen Beitrag zumindest versucht.

Dieser Kommentar verkommt aber zu einer Gegenschrift über die positive Wahrnehmung von Homosexuellen allgemein.

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