Schwul als Synonym für „scheiße“ find ich homo!

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Copyright by Oliver Wunder (Quelle: http://www.flickr.com/photos/old_olsen/8524115348/)

Hallo zusammen,

unsere Umgangssprache kreiert manchmal seltsame Umdeutungen von Worten. So wird aus dem Wort „geil“, das eigentlich für den Zustand sexueller Erregung steht, ein Ausdruck für „toll“ oder „super“. Die andere, negative Bedeutungsänderung hat das Wort „schwul“ genommen. Ich habe in anderen Artikeln schon darauf hingewiesen, dass das Wort „schwul“ bei deutschen Jugendlichen als Synonym für „Scheiße“ gilt, bzw. für alle Dinge verwendet wird, die nicht richtig laufen oder eben schlecht sind. Dass dieser leichtfertige Gebrauch des Wortes „schwul“ einen negativen Einfluss auf die Gefühle vieler verunsicherter homosexueller Jugendliche hat, kann ich zwar nicht belegen, aber aus eigener Erfahrung bestätigen. Wer im Inneren spürt, dass er sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, reagiert verunsichert, wenn sich in der Sprache seiner Altersgenossen eine latente Homophobie erkennen lässt. Wie weit Homophobie im Vokabular von Schülern verankert ist, zeigen die Ergebnisse der Studie „Akzeptanz sexueller Vielfalt an Berliner Schulen“ von aus dem Jahr 2012. „Schwul“, „Homo“ und „Schwuchtel“ dürfen kein Bestandteil der Sprache von Jugendlichen sein und schon gar nicht in der Sprache von Werbekampagnen.

Jedenfalls hat sich das Wort „schwul“ nicht nur in der Sprache von Jugendlichen festgesetzt sondern wird teilweise auch in anderen Kontexten aufgegriffen. Ein erschreckendes Beispiel dafür lieferte die rheinlandpfälzische Stadt Zweibrücken, die mit dem Slogan „Nüchtern cool, saufen schwul“ Jugendliche vor dem übermäßigen Alkoholkonsum warnen wollte. Den Verantwortlichen schien wohl nicht klar gewesen zu sein, dass der Begriff „schwul“ eine Schmähung für viele Homosexuelle darstellt. Gerade das Bild, dass die verbale Form der Diskriminierung von offizieller Seite unterstützt wird, ist erschreckend. Nach einem Bericht von Zeit online und der Empörung des Lesben und Schwulenverbands zog die Stadt Zweibrücken die Kalender mit dem Kommentar zurück. Das Kommentar war ebenso wie die Kampagne sehr arglos: Der Spruch sei wohl „durchgerutscht“. Der Skandal für die Behörde bleibt.

Die „Saufen ist schwul“-Kampagne ist leider kein Einzelfall. In einem anderen Artikel habe ich schon mal über den Fall der Werbeagentur „Scholz&Friends“ berichtet, die ein Werbeplakat mit der Aufschrift „Tofu ist schwules Fleisch“ für die Steakhouse-Kette Maredo erstellt haben. Auch wenn es sich bei dem Plakat lediglich um einen Entwurf handelte und auch die Steakhouse-Kette in einer Stellungnahme auf ihrer Homepage sofort Abstand zu der Kampagne nahm, bildete sich auf Twitter unter dem Hashtag #tofuschwuchtel ein Online-Protest. Prominente Unterstützung bekam der Protest von Grünen-Politiker Volker Beck.

Es ist schwer zu verstehen, mit welcher Arglosigkeit viele Menschen das Wort „schwul“ für alles Negative verwenden und das sogar in eine öffentliche Kampagne einbauen. Es zeigt auch, dass in unserer Gesellschaft immer noch das Bewusstsein fehlt, dass Lesben und Schwule großer Diskriminierung ausgesetzt werden und vor allem verbal durch die Bedeutung des Wortes „schwul“ oder „homo“ für „Scheiße“ weiter diskriminiert werden.

Ich möchte an dieser Stelle jeden, der die Reaktion auf diese Kampagne als übertrieben ansieht, dahingehend sensibilisieren, dass Diskriminierung in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat. Weder Frauen, noch Ausländer noch andere sozialen Gruppierungen unserer Gesellschaft gehören im 21. Jahrhundert in der Öffentlichkeit verbal diskreditiert. Auch wenn das Wort „schwul“ in der Jugendsprache akzeptiert ist (was ein Skandal an sich ist), sollte es nicht in das allgemeine Vokabular einziehen. Somit ist es Aufgabe der Erziehung, homphobes Vokabular zu sanktionieren. Da fehlt der Gesellschaft anscheinend aber noch das Gespür, das bei anderen Worten (gottseidank) schon vorhanden ist. Das Wort „Neger“ z.B., das abfällig für Schwarze verwendet wurde ist mittlerweile in weiten Teilen der Bevölkerung (außer im rechten Sumpf) als diskriminierend akzeptiert und wurde sogar aus neueren Übersetzungen von Pipi Langstrumpf entfernt. So schwer ist es also gar nicht und genau diese Entwicklung wünsche ich mir auch für alle abfälligen Bezeichnungen über Schwule und Lesben. Denn Diskriminierung fängt schon bei der Sprache an.

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2 Kommentare zu “Schwul als Synonym für „scheiße“ find ich homo!

  1. Wie wahr, wie wahr. Schlimm ist ja auch, dass die Tatsache, dass es sich bei dem Schimpfwort Schwul um einen Ausdruck von Homophobie handelt, oft heruntergespielt wird. Auch von vielen Betroffenen. Das ist aber nur Augenwischerei bzw. Selbstschutz der Betroffenen. Da können Leute noch so lange lamentieren wie sie wollen. Wer schwul oder Schwuchtel als Schimpfwort benutzt und damit versucht, jemand anderen abzuwerten, wertet vor allem erst mal die homo- und bisexuellen Menschen an sich ab.

    Jetzt könnte man natürlich anführen, dass wir auch alle das wort „Wichser“ entsprechend verwenden, obwohl wir alle selbst eben solche sind. Nur fühlt sich hierbei niemand in seiner Existenz verletzt. Ähnlich wie die Beschimpfung als Jude wird auch das Wort schwul neben der Selbstbezeichnung durch die Betroffenen auch als Schimpfwort missbraucht. Nur haben die Menschen verinnerlicht, dass Jude kein Schimpfwort ist. Bei dem Wort schwul ist das vielen ja nicht so wichtig.

  2. “ Nur fühlt sich hierbei niemand in seiner Existenz verletzt.“ Das finde ich einen wichtigen Punkt. Freut mich, dass dich damit so intensiv auseinandergesetzt hast!

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