Ich bin schwul und das ist nicht gut so!

Hallo zusammen,

copyright by Robert Drewnicki (Quelle: http://www.flickr.com/photos/drewnicki/5723277093/)

mit dem Satz „Ich bin schwul und das ist auch gut so“ hatte der damalige Kandidat und heutige regierende Bürgermeister von Berlin 2001 eines der öffentlichkeitswirksamsten Coming-Outs der deutschen Geschichte hingelegt. Was heute längst Normalität ist – offene schwule Spitzenpolitiker – war damals eine echte Sensation. Denn lange Zeit galt in der Politik Homosexualität als Makel oder als Karrierebremse. Einige bekannte Politiker, wie Guido Westerwelle oder Ole von Beust (Regierender Bürgermeister a.D. aus Hamburg) bekannten sich erst spät offen zu ihrer Homosexualität. In manchen Parteien (CDU/CSU z.B.) ist das Bekenntnis noch heute deutlich schwieriger als in liberalen Parteien. Aber mittlerweile muss kein Spitzenpolitiker fürchten wegen seiner Homosexualität nicht aus dem Amt gedrängt zu werden.

Was in der Politik mittlerweile akzeptiert ist, ist in einigen gesellschaftlichen Bereichen weiterhin undenkbar. In Deutschlande gibt es beispielsweise kaum einen Profisportler und schon gar keinen deutschen Profifußballer, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennen würde. Auch in der Wirtschaft findet sich kaum ein offen homosexueller Vorstand.

Die Tatsache, dass wir von keinem aktiven schwulen Profi wissen, liegt mit Sicherheit nicht daran, dass es keine Homosexuelle in diesen Bereichen gibt. Dazu einige ausgewählte Fälle: Justin Fashanu ist einer der wenigen Fußballprofis, der sich noch während seiner aktiven Zeit outete. Seine Geschichte ist vor allem eins –  tragisch. Denn der junge Mann scheiterte an dem Druck der Öffentlichkeit, driftete ab und nahm sich schließlich Ende der 90er das Leben.

Erst 2013 kam es zum zweiten „großen“ Outing eines Fußballprofis. Der amerikanische ex-Nationalspieler Robbie Rogers outete sich und erklärte sein Ende als Profi. Doch warum trauen sich so wenige aktive Profisportler, wie der schwule Boxer Orlando Cruz noch in ihrer aktiven Zeit offen zu ihrer Homosexualität zu stehen? In diesen Bereichen scheint Homosexualität weiter ein schwerer Makel zu sein. Daher drängt sich für mich die Frage auf: Was unterscheidet diese Bereiche vom Rest des Öffentlichkeit, in der man auf das Coming-Out bestimmter Personen entspannt bzw. gleichgültig reagiert?

Homosexualität und Fußball scheinen nicht zusammenzupassen. Der Profisport und vor allem der Profifußball zählen zu den letzten von Männern „dominierten“ (Anmerkung: hartes Wort, ich finde es dennoch passend) Bereichen in unserer Gesellschaft. Fußball gilt als männlicher, besonders harter Sport.
Allgemein, so mein Eindruck, ist es in besonders maskulin wahrgenommenen gesellschaftlichen Bereichen schwierig Homosexuelle zu akzeptieren. Das Klischee, Schwule seien weicher und weniger männlich als heterosexuelle Männer, macht es in den Vorstellungen vieler heterosexueller Männer unvorstellbar, dass Schwule in diesen Bereichen Bestand haben können. Das gilt im Übrigen auch für Top-Manager deutscher Unternehmen. In diesen Bereichen bleiben Männer, besonder heterosexuelle, lieber unter sich. Durch immer mehr Frauen in den Führungsetagen wird sich die Wahrnehmung dort auch entspannen. Eine Homo-quote brauchen wir daher nicht. Ich glaube, dass sich der wirtschaftliche Bereich ebenso entspannen wird wie die Spitzenpolitik.

Das Vorurteil, dass Schwule „weicher“ sind als heterosexuelle Geschlechtsgenossen kann ich so nicht bestätigen, besonders nicht für den Sport. Mit wem man sich bettet, hat nicht unbedingt eine Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit beim Sport. Auch wenn Schwule einige weibliche Eigenschaften haben (woher die vielen Klischees letztlich stammen), was ich als Vorteil gegenüber heterosexuellen Männern ansehe, sind schwule Männer vor allem eins – Männer. D.h sie sind körperlich in der Lage die gleiche sportlichen Leistungen zu vollbringen und haben die gleiche Durchsetzungskraft wie andere Männer. Das Bild des zu weichen Schwulen hält sich trotzdem in einigen Teilen der Gesellschaft. Liegt in meinen Augen auch ein bisschen and er medialen Darstellung von Schwulen.

Ein weiterer Grund, weswegen es im Profifußball schwierig werden könnte mit dem Coming-Out ist, dass es in stark männlich dominierten Bereichen häufig zu homophoben Anfeindungen kommt. Diese haben vor allem mit Unkenntnis und Vorurteilen zu tun. Bestes Beispiel für besondere Homophobie in diesen Bereichen ist die Fankurve im Fußballstadion: „Schwule Sau“ gehört dort bei einigen Fans zu den beliebtesten Schimpfworten. Die Angst schwuler Spieler kann ich da gut nachvollziehen. Denn im Fußball werden unbeliebte Spieler gegnerischer Mannschaften häufiger verunglimpft. Ich denke dabei nur an die Affenrufe gegen Oliver Kahn oder die Anfeindungen, die sich Mario Gomez öfters anhören darf. Die Vorstellung, dass ein schwuler Fußballer seine sexuelle Orientierung als Angriffsfläche für radikale Fans öffnet, ist schwer vorstellbar. Auch wenn es in meinen Augen nicht mehr die Mehrheit der Fußballfans ist, die ein ernsthaftes Problem mit der sexuellen Orientierung eines Spielers haben, reicht eine kleine Gruppe radikaler Fans wohl aus, das Leben eines offen schwulen Profis unerträglich zu machen. Entscheidend für die Angst eines Outings ist somit eine kleine Gruppe radikalisierter Fans, für die es schwer zu akzeptieren wäre, wenn ihre letzte rein heterosexuelle Bastion gebrochen würde. Ob es zu solchen Reaktionen kommen wird, kann man mit Sicherheit nicht sagen, man wird es erst wissen, wenn dieses Tabu irgendwann gebrochen wird.

Ich bin in diesem Zusammenhang gespannt auf eure Einschätzung. Woran glaubt ihr liegt es, dass Homosexualität in einigen Bereichen weniger akzeptiert wird als in anderen?

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Ein Kommentar zu “Ich bin schwul und das ist nicht gut so!

  1. Schöner Blog. Danke.
    Eine Anregung aus der Rubrik Sprache schafft Wirklichkeit.
    Ich „bekenne“ mich als schwuler Mann nicht zu meiner Homosexualität, sondern ich „rede offen über“ meinen Partner/Mann.
    „Bekennen“ ist eher mit dem religiösen Kontext belegt im Sinne von „seine Sünden bekennen“.

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